Zürich
Er kam, sah und kämpfte
Von Thomas Wyss. Aktualisiert am 20.03.2010
Plötzlich hält Angelo Tinari ein Mäppchen in der Hand, das nach Amtsschimmel riecht und nach Staatsapparat aussieht. Dann lacht er und sagt in italienisch koloriertem Deutsch, das sei eine Art Tagebuch. «Hier ist fast jeder Schritt protokolliert, den ich von 1974 bis 1985 gemacht habe. Ich bin ein wenig stolz darauf, denn es zeigt mir, dass ich wirklich aktiv war.» Dieses Tagebuch ist in Wirklichkeit ein fünfzigseitiges Fichen-Dossier, erstellt von staatlichen Schnüfflern, die Tinaris «subversive Handlungen» hinter getönten Autoscheiben und über angezapfte Telefone mitverfolgten - und alles gehorsam notierten.
Angelo Tinari ein Staatsfeind? Wenn man ihn so dasitzen sieht, mit fragiler Postur und sanftem Blick, mit einer Frisur und einem Schnauz, die an den späten Einstein erinnern, mit der bunten Nonno-Strickjacke, die bestimmt auf einem mediterranen Mercato gekauft wurde, will man ihm den heissblütigen Klassenkämpfer nicht so recht abnehmen. Doch kaum erzählt er - und er legt dabei oft vergilbte Zeitdokumente auf den Tisch-, ergibt sich ein anderes Bild.
Mit 10 begann er zu arbeiten
Auf Fotos aus den 50er- und 60er-Jahren sieht man ihn als Springinsfeld in «seiner Strasse» in Rossano, Kalabrien. Er berichtet von vier Schwestern und drei Brüdern, vom Tag, als er, 10 Jahre alt, bei einem Polsterer anheuerte. Oder wie er 1964, mit 17, nach Deutschland ging, um zu arbeiten. Als er abreiste, sei Mamma fast erstickt vor Trauer. «Aber es musste sein.» Und es hat sich gelohnt. Mit dem ersten Geld, das er nach Hause schickte, konnte die Familie einen kleinen Blumenvertrieb eröffnen, heute führen vier Geschwister vier Blumenläden.
1967 kam Tinari in die Schweiz, nach Uster. Er hatte sich von Deutschland aus als Polsterer beworben und die Stelle bekommen. Er wühlt kurz im Papierberg, dann zeigt er den damaligen Mietvertrag. «Schau, 65 Franken im Monat für ein Zimmer. Verrückt, nicht?»
Er schmunzelt. Und doch ist da auch Wehmut zu spüren. Obwohl er es nicht ausspricht, ahnt man, dass es die Wehmut an eine Zeit ist, die es so nie mehr geben wird. Eine harte, unbarmherzige Zeit. Aber auch eine fesselnde Zeit, gerade für einen Immigranten, der - um es mit Pathos zu formulieren - 1973 nach Zürich kam, sah und kämpfte . . . und durch linkspolitische Aktivitäten rasch in den Fokus der Sittenwächter rückte.
«Isch das jetzt en‹Tschingg›?»
Obwohl sich Angelo Tinari schon in Uster für die Anliegen von benachteiligten Fabrikarbeitern stark machte, war der Auslöser für seine «echte Politisierung» ein Zwischenfall an der Brauerstrasse im Kreis 4. «Ein Gruppe Schweizer hat 1974 einen Italiener namens Zardini auf offener Strasse totgeschlagen. Dabei hat dieser Zardini nichts anderes gemacht, als in einer Bar ein Bier zu trinken.» In Zürich habe damals eine spürbare Angst vor Immigranten aus Italien und Spanien geherrscht, erklärt Tinari. «Und dann kam dieser Schwarzenbach und hat uns mit seiner Überfremdungsinitiative endgültig zu Feinden gestempelt.»
Das hatte Folgen. Die eine: Als er eines Tages im Zug fuhr, zeigte ein kleiner Bub auf ihn und fragte die Mutter «Isch das jetzt so nen Tschingg›?», was diese nuschelnd bejahte. Eine andere: Er begann das Malaise zu bekämpfen. Engagierte sich an vorderster Front gegen die Schwarzenbach-Initiative; trat dem Zürcher Ableger der italienischen Kommunisten bei; brachte mit Gleichgesinnten eine Immigranten-Zeitung heraus, versuchte, Strukturen für eine Integration aufzubauen. Und die wohl grösste Tat: Er half Saisonniers bei der Wohnungssuche, damit diese Frauen und Kinder nach Zürich holen konnten.
Beim Film gabs Tränen
Springen wir von der Vergangenheit in die Gegenwart. In die Gegenwart von Süditalien. In eine Welt, in der wöchentlich afrikanische Boat-People stranden, Hilfsarbeiter für Hungerlöhne krüppeln, rumänische Prostituierte die Strassen säumen. In eine Welt mit absurd hoher Arbeitslosigkeit, Misstrauen, Strassenkämpfen. In eine Welt, die an ihren akuten Migrationsproblemen zu implodieren droht. In eine Welt, die Filmemacher Pino Esposito jüngst in einem eindrücklichen, berührenden und bewusst nicht wertenden Dokfilm «Il nuovo sud dell’Italia» eingefangen hat.
Angelo Tinari hat den Film gesehen. Die Bilder haben ihn, den heldenhaften Helfer und Kämpfer, zu Tränen gerührt - insbesondere jener Teil, der die Situation in Kalabrien dokumentiert. Da also, wo im Dezember 2008 unweit seiner Heimatstadt Rossano zwei Afrikaner erschossen wurden, die sich gegen körperliche Gewaltattacken von Einheimischen hatten wehren wollten.
Hilfe von der’Ndrangheta?
Die Menschen in Kalabrien seien immer für ihre grosse Solidarität mit Ärmeren bekannt gewesen, sagt Angelo Tinari. «Als ich klein war, musste ich auf Geheiss meiner Mutter oft krank spielen und zum Arzt gehen, um Medikamente zu bekommen. Diese waren für Handelsleute aus Bari und Neapel, die auf ihren anstrengenden Reisen krank geworden waren, und von meiner Mutter gesund gepflegt wurden.» Heute ist so was kaum noch denkbar. Tinari macht primär den von Politikern geschürten Fremdenhass für die geschwundene Solidarität verantwortlich. In dieser Xenophobie sehe er durchaus Parallelen zu seiner eigenen Immigranten-Geschichte - mit dem Unterschied, dass die Gewalt vor 37 Jahren meist eine der Worte und nicht der Fäuste oder Waffen gewesen sei.
«Schlimm ist auch, dass Berlusconi die Italiener mit seinem selbst gelebten Motto‹Schau zuerst für dich, dann geht es dir besser› zum Egoismus erzieht. Und die herrschene Not ist ein fruchtbarer Boden für solche Denkhaltungen.» Er runzelt die Stirn, dann sagt er, um die Probleme in Süditalien zu lösen, müsse man den Immigranten ermöglichen, sich zu organisieren, damit sie auf legalem Weg für ihre Rechte kämpfen können. Gerade in Kalabrien denkt er dabei auch an die’Ndrangheta, die regionale Mafia. «Die wollen geordnete Verhältnisse, damit sie sich auf ihre Geschäfte konzentrieren können. Wenn da jemand für Ruhe und Ordnung sorgen kann, ist es nicht die Politik, nicht die Polizei, sondern die’Ndrangheta.»
Er hofft auf ein volles Tagebuch
An Ostern wird Angelo Tarini nach Rosarno fahren, um sich vor Ort selbst ein Bild zu machen, vielleicht sogar etwas zu bewegen. So, wie er das in Zürich macht, Woche für Woche, trotz seiner 63 Jahre. Jeden Sonntag präsentiert er mit Kollegen auf Radio Lora die Sendung «L’ora Italiana» (7.30 bis 11 Uhr), bei der er «vergessene Menschen» porträtiert. Dazu berät er pensionierte Immigranten bei Fragen zur AHV, organisiert Aktionen gegen Rassismus, kämpft für günstige Wohnungen. Und mit dem Verein «Punto d’Incontro» an der Josefstrasse 102 hat er ein originelles Lokal ins Leben gerufen, in dem sich Menschen aller Nationen zum Essen, Debattieren oder Fussball schauen treffen.
Auf die Frage, ob er noch Wünsche und Träume habe, lacht Angelo Tarini nochmals richtig verschmitzt. Er hoffe, dass noch immer Fichen über ihn angelegt würden. «Schliesslich will ich mal ein vollständiges Tagebuch haben.»
«Il nuovo sud dell’Italia», morgen und die kommenden Sonntage, 11.45 Uhr, Kino Riffraff 1. Im Anschluss an den Film findet eine Publikumsdiskussion statt.
Punto d’Incontro, Josefstrasse 102 (1. Stock). Immer freitags: Tag der Freundschaft mit Spaghetti-Plausch.
«Ein Lokal für alle»: Angelo Tinari im «Punto d’Incontro». Foto: Sabina Bobst (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.03.2010, 02:02 Uhr


