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Georgy ist zurückBehandlung kostet eine halbe Million

Aktualisiert am 17.01.2012

Schon zwei seiner acht Lebensjahre hat Georgy in der Schweiz verbracht. Der Bub aus Russland hat Krebs. Nur das Kinderspital Zürich kann ihm helfen.

Leukämie bei Kindern

Von Christian Dietz-Saluz

Uetikon/Zürich – «Ich komme wieder», versprach Georgy vergangenen Sommer. Damals kehrte er nach einer zweijährigen Leukämie-Behandlung im Kinderspital Zürich heim ins 10 000 Kilometer entfernte Chabarowsk. In Zürich war er vermeintlich geheilt worden. Jetzt ist Georgy wieder da – er hat einen Rückfall. So hatte er sein damaliges Versprechen sicher nicht gemeint

«Sascha, sein Vater, hat mich frühmorgens angerufen, ich habe sofort Schlimmes geahnt», sagt Zarina Tadjibaeva aus Uetikon. Die Nachricht hat die Russisch-Dolmetscherin geschockt. Sie musste an diesem 15. November am Vormittag im Gericht übersetzen. «Dort hielt ich alle Gefühle zurück, draussen heulte ich einfach los, zum ersten Mal hatte ich wirklich Angst um Georgy», erzählt die Uetikerin heute.

«Jetzt ist es halt so»

Beruflich ist Zarina Tadjibaeva oft gezwungen, Distanz zu wahren; aus «emotionalem Selbstschutz», wie sie es nennt. Bei Georgy und seinen Eltern Nina und Sascha Pachomov ist diese Mauer schon lange eingestürzt. Die zwei Jahre von Sommer 2009 bis letzten Juli, die der Bub im Kinderspital Zürich und in Uetikon verbracht hat, haben die Freundschaft mit der Familie besiegelt. «Ich liebe Georgy wie ein eigenes Kind», sagt die Dolmetscherin.

Innert dreier Tage besorgte sie alle Papiere. Die Zeit drängte, denn mit dem Beginn der Chemotherapie wäre die lange Reise in die Schweiz für Georgy nicht mehr möglich gewesen. «Ich muss in Zürich behandelt werden.» Diesen Satz habe er bei der zweiten Diagnose in der Klinik von Chabarowsk gesprochen, sagt die Mutter. Er habe es völlig unaufgeregt gesagt, als ob es hiesse: «Okay, jetzt ist es halt so.»

Ein schweigsamer Junge

Georgy verfolgt das Dreiecksgespräch zwischen dem Reporter, der Dolmetscherin und seiner Mutter mit ernsthafter Miene. Er weiss, dass er schwer krank ist. Ohne Haare auf dem Kopf und an den Brauen wirkt die Mimik des Achtjährigen seltsam stoisch und erwachsen. Die blauen Augen folgen dem Geschehen am Tisch eher bestimmend als ahnungslos fragend.

Georgy spricht wenig, isst bedächtig die in kindermundgerechte Ecken geschnittene halbe Pizza. Sein Appetit ist gross. So gross, dass die Mahlzeiten dosiert werden müssen. Aber Georgys Freude am Essen beruhigt die Menschen in seiner Umgebung: Wenigstens geniesst er diesen Teil seines Alltags wie ein ganz normales Kind.

Alltag ist ein relativer Begriff, wenn man ein krebskrankes Kind hat. Die Verhältnisse in der Familie Pachomov verdeutlichen dies. Vater Sascha (43) kam für die Feiertage in die Schweiz, muss aber bald wieder nach Chabarowsk zurückkehren – zur Arbeit in einem Betrieb für Industrierecycling und zur 20-jährigen Tochter.

Die 44-jährige Mutter lebt mit Georgy in einem vom Kinderspital organisierten kleinen Appartement in Zürich. «Wir führen kein Familienleben im klassischen Sinn», sagt Nina Pachomova, «die Familie ist auf zwei Kontinente verteilt.» Zukunft heisst für sie und den Buben, wenn im Kalender steht: «Papa kommt!» Pachomovas Tag ist nur dem Sohn gewidmet. Spital, spazieren gehen, kochen, essen, spielen, vorlesen, schlafen: Das ist ihr Alltag. «Das Spital und die Medikamente geben den Takt an», sagt die Mutter, «und die Nebenwirkungen der Arzneien.» Denn die schlagen manchmal auch aufs Gemüt. Dann ist Georgy mürrisch oder schwach.

Sie legt die aus Russland mitgenommenen Schulbücher zur Seite. Georgy hat im Sommer die zweite Klasse begonnen, sie will ihm eine gute Ersatzlehrerin sein. «Ich muss auf die Lust meines Kindes eingehen», sagt Nina Pachomova verständnisvoll. Es beruhige sie, zu wissen, «dass mein Kind in einem der besten Spitäler der Welt behandelt wird».

Helden kämpfen gegen das Böse

Georgy ist sich seiner Krankheit bewusst. Regelmässig diktiert er seiner Mutter oder der Dolmetscherin, die er wie seine Lieblingstante herzt, Fantasiegeschichten. Sie handeln von Helden, die das Böse besiegen. Jetzt hat er das dritte Buch begonnen. Die Helden seiner Geschichten sind seine Mutter, sein Vater und er selbst. Mit dem Bösen ist der Krebs gemeint.

Besiegen die Ärzte seine Krankheit, könnte Georgy Ende dieses Jahres nach Hause heimkehren. Wenn er dann «Ich komme wieder» sagt, soll es eine Rückkehr nach Zürich in Freude und mit dem leichtesten aller Rucksäcke sein: mit viel Lebensfreude – ohne Angst und Krebs im Gepäck.

Die Eltern von Georgy haben schon für die erste Behandlung ihres Sohnes in der Schweiz fast ihren ganzen Besitz verkauft. Der Schuldenberg erhöht sich jetzt nochmals massiv. «Rund eine halbe Million Franken kostet die Behandlung», sagt Felix Niggli, Professor und Leiter der Abteilung Onkologie am Kinderspital Zürich. Derzeit wird mit Chemotherapie versucht, den Leukämie-Rückfall unter Kontrolle zu bekommen. «Das ist uns schon weitgehend gelungen», sagt Niggli.

Erst wenn Georgy frei von Krebszellen ist, kann der entscheidende Schritt vorgenommen werden, der dem Knaben eine langfristige Überlebenschance gewährleisten soll: eine Rückenmarktransplantation. Sie alleine kostet etwa 400 000 Franken. Zuerst muss aber noch ein geeigneter Spender gefunden werden. «Irgendwo auf der Welt suchen wir einen Menschen, dessen Blutkörper ähnliche Gewebeeigenschaften aufweisen und jenen von Georgy weitgehend entsprechen», sagt Niggli. Nur diese Übereinstimmung helfe, das Risiko, dass das Gewebe abgestossen wird, zu minimieren, wie der Chefarzt des Kinderspitals erläutert.

Wettlauf gegen die Zeit

Laut Felix Niggli könnte die Knochenmarktransplantation im April erfolgen, «wenn die Finanzierung gesichert ist». Bisher hat die Familie in ihrer Heimat rund 50 000 Franken an Spenden erhalten, umgerechnet 100 000 Franken hat sie sich geliehen. Das Auftreiben der fehlenden zwei Drittel des Geldes ist ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen die Krankheit von Georgy. (di)

Georgy lernt im Bett den Stoff für seine russische Schule. Foto: Reto Schneider

Erstellt: 17.01.2012, 06:33 Uhr

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