Zürich
Im Schatten der Minarette ballt sich der Zorn
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 05.12.2009
Winterthur - An der Wand des Schulzimmers hängen nebeneinander die Weltkarte, die Europakarte, die Schweizer Karte und ein Plan von Winterthur, einer der vier Schweizer Städte, in der ein Minarett auf der Moschee steht. Die ganze Welt schaut auf die Schweiz und kritisiert, was in keinem anderen Land der Welt möglich ist: Dass nämlich die Bevölkerung über umstrittene und heikle Themen abstimmen darf und dabei zu strittigen und heiklen Entscheiden kommt.
Vor der Abstimmung habe das Minarettverbot nicht viel zu reden gegeben, sagt Klassenlehrer Paul Lehmann, der seine Lehrlinge in Geschichte und Staatslehre unterrichtet. Jetzt reden alle Lehrlinge ausführlich darüber. Zwölf Schüler der Berufsbildungsschule Winterthur sitzen an ihren Pulten und diskutieren, wie sie am Sonntag gestimmt haben und warum. Die meisten kommen vom Land, nur zwei wohnen in der Stadt, einer in Zürich und einer in Winterthur. Alle sind Schweizer, keiner von ihnen sagt, dass er mit Ausländern näher im Kontakt steht. Und keiner hält mit seiner Meinung zurück.
Die Türme waren ihnen egal
Die erste Umfrage zeigt: Zwei Drittel sind schon 18 und konnten stimmen, sieben von acht haben es auch getan, fünf haben für das Verbot gestimmt, drei dagegen. Bei den anderen ist das Verhältnis ähnlich; es bildet den Mehrheitsentscheid der Bevölkerung ab. Die Frage, wer von ihnen denn schon ein Minarett gesehen habe, zum Beispiel das in Winterthur, ist schnell beantwortet. Ein Einziger hat es begutachtet, der den Bau nicht sonderlich wuchtig fand, er heisst Benjamin und hat gegen das Verbot gestimmt. «Ich habe nur das berücksichtigt, was die Initiative wollte», sagt er. Und er denke nicht, dass bei einer Ablehnung plötzlich zehn Minarette gebaut würden oder mehr, «es braucht ja noch eine Baubewilligung».
Also eine Minarettabstimmung ohne Minarette? In einem Punkt werden sich Befürworter und Gegner des Bauverbots schnell einig: Es ging ihnen bei dieser Abstimmung nicht um diese Türme. Es ging darum, wofür diese Türme stehen. Und für die Mehrheit der Lehrlinge stehen sie für eine intolerante Religion, für eine ungenügende Integration, für schlechte Erfahrungen im Alltag. Und es ging ihnen bei der Abstimmung um die Chance, diesen Befürchtungen und dieser Empörung symbolisch Ausdruck zu verleihen. Weder die Kampagne der Initianten noch ihr Abstimmungsplakat hätten sie beeinflusst, sagen sie übereinstimmend; sie hätten sich ihre Meinung schon vorher gemacht.
«Einen Schlussstrich ziehen»
Am deutlichsten von allen sagt es Kevin, der in einem Dorf lebt, wo es kaum Ausländer hat, der sich aber sehr über das Abstimmungsresultat freut. Er spricht von allen zuerst und meldet sich auch am häufigsten zu Wort. «Die Abstimmung war ein Fingerzeig», sagt er, «sie drückt die Stimmung in der Bevölkerung aus.» Die Schweiz habe zu lange allen ihre Tore geöffnet, «jetzt ist genug, man muss einen Schlussstrich ziehen». Kevin spricht von Ehrenmorden, Zwangsheiraten auch in der Schweiz, Unterdrückung muslimischer Frauen.
Und vor allem sagt er, was auch die meisten anderen sagen, die zugestimmt haben: Dass sie es satt haben, von ausländischen Jugendlichen angemacht und bedroht zu werden. «Wir Jugendlichen haben eben schlechte Erfahrungen gemacht», sagt Andreas. «Junge Ausländer, vor allem wenn sie in der Mehrheit sind, rempeln uns an, fühlen sich sofort provoziert.» Da könne man nur weitergehen, sonst bekomme man Prügel. Auch in seinem Dorf lebten junge Ausländer, «aber die kennt man, und mit ihnen gibt es keine Probleme». Natürlich solle der Islam in der Schweiz nicht verboten werden, das Zusammenleben sollte möglich sein.
Dazu sollten aber beide Seiten etwas beitragen, finden mehrere. «Als Ausländer bei uns zu leben bedeutet auch, sich unserer Kultur anzupassen», sagt zum Beispiel Steven, räumt aber ein, dass selbstverständlich nicht alle Ausländer schlecht seien oder gewalttätig würden. Auch er kommt vom Land und hat dort keine Probleme gehabt. Dennoch hat er für die Initiative gestimmt, «weil es endlich einmal eine Abstimmung gab, bei der ich mich zu solchen Problemen äussern durfte».
Kritik an der älteren Generation
Je länger die Debatte dauert, desto deutlicher formulieren die Lehrlinge ihre Kritik an der älteren Generation: Diese habe keine Ahnung von den Problemen, mit denen die Jungen in ihrem Alltag konfrontiert würden. Gerade deshalb hätten so viele von ihnen für ein Minarettverbot gestimmt. Was nun? Bereits haben die sogenannten Mitteparteien zwischenzeitlich Forderungen gestellt, die von der SVP kommen könnten. Die Lehrlinge von Winterthur wollen nur eines: Ihre Befürchtungen sollten endlich ernst genommen werden. Lehrlinge der Berufsbildungsschule Winterthur: Für die Mehrheit stehen Minarette für eine intolerante Religion. Foto: Reto Oeschger Minarett in Winterthur. Foto: Doris Fanconi (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.12.2009, 02:01 Uhr


