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Industriedenkmal vor dem Abriss

Oerlikon verliert mit grösster Wahrscheinlichkeit einen wichtigen Zeugen des Industriezeitalters. Für eine Rettung des markanten Backsteingebäudes neben dem Bahnhof Oerlikon ist die Zeit zu knapp.

Das repräsentative Verwaltungsgebäude der einstigen Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) ist dem Abriss geweiht. Alle Versuche, das Backsteingebäude aus dem Jahr 1889 zu erhalten, sind gescheitert. Für eine Rettung fehlt die Zeit und der Kooperationswille von ABB und SBB.

Ursprünglich hätte der 5600 Tonnen schwere Bau 63 Meter nach Westen verschoben werden sollen. Auf diese Weise wäre das Haus den zwei geplanten Gleisen in Richtung Winterthur nicht mehr in die Quere gekommen. Die neuen Gleise 7 und 8 braucht es, um die Durchmesserlinie (Altstetten-Hauptbahnhof-Oerlikon) voll nutzen zu können. Eine Studie hat gezeigt, dass eine solche Hausversetzung technisch machbar ist und neun Monate dauert. Die SBB wollen spätestens 2012 mit dem Bau des neuen Gleiskorridors beginnen.

Unversöhnliche Standpunkte

Das MFO-Gebäude konnte bisher nicht verschoben werden, weil sich SBB und ABB - ihr gehört das Gebäude - um die Höhe der Entschädigung streiten. Die ABB ist der Meinung, dass sie von den SBB für Land und Gebäude entschädigt werden muss. Über die Höhe der Forderungen will ABB-Sprecher Lukas Inderfurth keine Angaben machen. Die SBB sind anderer Ansicht und berufen sich dabei auf die Sonderbauvorschriften für Zürich Nord, mit denen sich die ABB verpflichtete, das Gebäude auf eigene Kosten abzubrechen und das Areal altlastenbereinigt zu übergeben. «Die ABB erhält gemäss Sonderbauvorschriften keine Entschädigung, weder für das Areal noch für das Gebäude», sagt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. Eine Verschiebung des Gebäudes habe darauf keinen Einfluss. Die SBB wollen die Schätzungskommission über die Höhe der Entschädigung entscheiden lassen.

Dieser Rechtsstreit lässt die Hoffnungen auf eine Rettung des historischen Baus gegen null sinken. Denn es fehlt die Zeit: Im Herbst wird das Bundesamt für Verkehr (BAV) mit grösster Wahrscheinlichkeit die notwendige Baubewilligung für die beiden Gleise erteilen. Erst danach nimmt die eidgenössische Schätzungskommission Kreis 10 ihre Arbeit auf, die laut Kommissionspräsident Albert Staffelbach «meistens einige Monate dauert». Der Entscheid der Kommission kann später noch an das Bundesverwaltungsgericht und ans Bundesgericht weitergezogen werden. Dies geschehe allerdings sehr selten, sagt Staffelbach.

Die Gebäudeverschiebung macht auch noch eine Anpassung der städtischen Sonderbauvorschriften notwendig, die vom Stadtrat und Gemeinderat bewilligt werden müssen, was noch einmal wertvolle Zeit kostet.

Quartier erwartet Lösung

Daniel Racine, Präsident des Quartiervereins Oerlikon, will das Gebäude noch nicht verloren geben. «Es kann doch nicht sein, dass ein solcher Bau wegen ein paar juristischen Streitereien geopfert wird. SBB und ABB müssen sich so schnell wie möglich an einen Tisch setzen, um eine Lösung zu finden.» Als Nachfolgerin der MFO müsse doch auch der ABB daran gelegen sein, ihr historisches Erbe zu bewahren.

Unmittelbar vom Abriss betroffen wäre Bolt, Rohner & Co. Die Agentur für Werbung und Markenberatung mietet das MFO-Gebäude seit fünf Jahren. Teilhaberin Silvia Rohner hofft trotz der düsteren Aussichten auf ein Einlenken der involvierten Firmen und auf ein positives Ende. Erst kürzlich wurde der Mietvertrag mit der ABB um weitere fünf Jahre verlängert. Ebenfalls im MFO-Gebäude eingemietet ist eine Abbruchfirma - hoffentlich kein böses Omen.

Die Stadt möchte das markante Gebäude unbedingt erhalten. Selber kann sie zur Rettung allerdings nur sehr wenig besteuern. Im vergangenen Jahr konnte sie immerhin die Immobilienfirma Swiss Prime Site (SPS) als Unterstützerin gewinnen: Das verschobene MFO-Gebäude würde zu einem Grossteil auf dem Gelände der SPS stehen, der andere Teil auf städtischem Grund. Diese 372 Quadratmeter im Wert von rund 400 000 Franken würde die Stadt der SPS gratis abgegeben. Dafür müsste die Immobilienfirma, die Besitzerin des MFO-Gebäudes würde, die Verschiebungskosten von zwei Millionen Franken bezahlen. Dazu müsste die SPS laut Urs Spinner, Pressesprecher des Hochbaudepartementes, noch etwa fünf Millionen Franken für Anpassungen und Unterkellerungen aufwenden. Nach anfänglicher Ablehnung lenkte die SPS ein und bot Hand zur Gebäudeverschiebung. Auch die SBB möchten den historischen Bau erhalten und 300 000 Franken an die Zügelaktion beisteuern - Geld, dass sie sonst für Abbrucharbeiten investieren müsste. Überbleibsel der Maschinenindustrie: das MFO-Gebäude. Foto: Sophie Stieger Eine Luftansicht von 1930 auf die MFO-Fabrik in Oerlikon: im Vordergrund das frühere Verwaltungsgebäude. Foto: PD (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2010, 02:01 Uhr

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