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Katholiken überholen die Reformierten

Von Andy Frei. Aktualisiert am 20.04.2010

Zuwanderung und Geburtenüberschuss sorgen bei den katholischen Gemeinden für Zuwachs. Schon in vier Unterländer Orten stellen sie die stärkste religiöse Gruppe. Grosse Verlierer sind die Reformierten.

Unterland - Einst war das Unterland eine traditionell reformierte Gegend. Opfikon war vor 20 Jahren noch die einzige Gemeinde, wo es mehr Katholiken als Reformierte gab. Heute haben sich die Verhältnisse auch in Kloten, Regensdorf und Höri geändert. Oberglatt kippt wohl noch dieses Jahr. Die nackten Zahlen (siehe unten) sprechen klar für den Vormarsch der Katholiken. Darunter leiden die Reformierten, denen die Mitglieder in Scharen davonlaufen. Ihre Vorherrschaft im Unterland scheint ein Ablaufdatum erhalten zu haben.

Der reformierte Bülacher Pfarrer Matthias Herren brachte die Thematik vor zwei Wochen aufs Tapet. In einem Artikel der «NZZ am Sonntag» zitierte er aus der Studie der Religionssoziologen Jörg Stolz und Edmée Ballif, welche bis ins Jahr 2050 einen Rückgang der reformierten Bevölkerung auf 20 Prozent prognostizieren. Die Gründe dieses Niedergangs sind gemäss der Studie in gesellschaftlichen Megatrends zu suchen: Gemeint sind die Entflechtung von Staat und Schule von der Kirche, die Kosten-Nutzen-Rechnung der Menschen wie auch die Konkurrenz durch andere spirituelle Angebote sowie Internet und Massenmedien.

Kleiner, älter, ärmer

Für Andreas Weber, Pfarrer der reformierten Kirche Eglisau, kommen noch andere Gründe hinzu. «Evangelisch-reformierte Christen gibt es vor allem in der Schweiz», erklärt Weber. «Zuzüger haben meist eine andere Konfession.» In Eglisau gibt es heute genau gleich viele evangelisch-reformierte wie vor 20 Jahren. Von aussen kommen also kaum neue Evangelische in die Unterländer Gemeinden.

Das sieht auch Noemi Breda, Pfarrerin in Bülach, ähnlich. «Wir haben in der reformierten Kirche einen Ausländeranteil von drei Prozent», sagt Breda. «Schweizer Eltern bekommen aber weniger Kinder als ausländische, somit haben wir bei der hier ansässigen Bevölkerung weniger Zuwachs. Auf 60 Taufen kommen in Bülach etwa 100 Beerdigungen und 80 Austritte.» Breda macht sich, wie ihr Kollege Herren, keine Illusion über die Zukunft der reformierten Kirche. «Sie wird kleiner, ärmer und älter sein.»

Den Bülacher Katholiken geht es etwas besser. Gerade durch Zuwanderung konnten sie in den letzten Jahren stetig zulegen. In Bülach sind denn auch 30 Prozent der Katholiken Ausländer. Es gibt für sie spezielle Gottesdienste und Gruppierungen. «Die Leute machen heute wieder aktiver mit als früher», weiss Robert Ernst, Präsident der Kirchenpflege. «Das hängt sehr vom aktuellen Pfarrer ab.» Dieser hat in den letzten Wochen Schlagzeilen gemacht. Mit seiner Ehegarantie über 15 Jahre trat Jaroslav Duda auch im Fernsehen auf.

Auswirkungen des Skandals

In den Schlagzeilen waren aber auch der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche, die pädophilen Priester und die aufgedeckten Vertuschungsversuche des Vatikans. «Auch wir waren schockiert», sagt Duda. «Es wurde Vertrauen missbraucht, und das ist das Schlimmste, was passieren kann.» Die lokale Kirche spürt die Auswirkungen dieses Skandals deutlich. «Letztes Jahr hatten wir mit 69 Austritten einen neuen Höchststand. In den letzten drei Monaten hatten wir schon 40», weiss Fritz Umbricht, Aktuar der katholischen Kirche. «Gründe geben die wenigsten an.» Letztes Jahr wurden am häufigsten finanzielle Gründe, die Haltung der Kirche zum Zölibat und der Sexualität sowie fehlende Identifikation aufgeführt. «Es sind sicher einige wegen der jüngsten Vorfälle ausgetreten», meint Aktuar Umbricht. «Belegen lässt sich das nicht.» In der Gemeinde sei das Thema aber schon angesprochen worden. «Die Glaubwürdigkeit der lokalen Kirche ist aber noch vorhanden», weiss Duda. Über die Austritte ist der Pfarrer traurig. «Es tut mir weh, wenn Leute austreten. Sie wollen damit die Verantwortlichen des Skandals bestrafen, treffen aber mit ihrem Entscheid vor allem uns, die lokale Kirche.» Diese sei für die soziale Arbeit mit Ausländern, den Armen und Jugendlichen auf die Gemeinde angewiesen.

Weniger Misstrauen bei Jungen

Ähnlich tönt es auch in Opfikon, der stärksten katholischen Gemeinde mit den meisten Ausländern. «Das Image unserer Kirche hat Schaden genommen», ist sich Mathias Burkard bewusst. «Die Jugendlichen interessiert das aber weniger.» Der Jugendseelsorger ist sich mit Religionslehrerin Heidi Kallenbach einig, dass gerade die Jungen der katholischen Kirche nicht misstrauen. «Wir müssen die gute Seite der Kirche wieder hervorheben», meint Kallenbach deshalb.

Eine Veränderung der katholischen Strukturen wäre bei allen willkommen. «Der Pflichtzölibat und die Rolle der Frau müssen offen diskutiert werden», sagt Opfikons Pfarradministrator Hans Schwegler bestimmt. «Die Zivilisation hat sich weiterentwickelt, nur die katholische Kirche ist in gewissen Belangen stehen geblieben.»

Ändern lasse sich das aber nicht von der Kirche aus, die auf lokaler Basis arbeitet. «Das muss von oben kommen», erklärt Gemeindeleiter Thomas Lichtleitner. «Unsere Kirchenarbeit hier bei den Menschen ist zwar nicht spektakulär, aber wir haben uns damit ein Vertrauen aufgebaut. Dieses dürfen wir uns jetzt nicht zerstören lassen.» Lichtleitner ist positiv gestimmt, dass dies den Katholiken im Unterland trotz der derzeitigen Krise langfristig wieder gelingen wird. Der Nachwuchs ist bei der katholischen Kirche weit grösser als bei den Reformierten. Foto: David Baer (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2010, 02:01 Uhr

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