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Kunst schätzen ist auch eine Kunst

Von Eduard Gautschi. Aktualisiert am 09.04.2010

Eine Skulptur von Alberto Giacometti wurde kürzlich für über 100 Millionen Dollar versteigert. Wie kommt so ein Preis zustande? Ist er angemessen? Auf solche Fragen erhielten Interessierte in Uster eine Antwort.

Uster - Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) besitzt eine ansehnliche Sammlung von Kunstwerken - für einen Teil ihrer Kunden dürfte das auch zutreffen. Grund genug für die ZKB, sich Gedanken über die Preise von Bildern und Skulpturen zu machen respektive darüber, wie solche Preise entstehen. Sie lud deshalb Christian von Faber-Castell ein, den Kunstmarktberichterstatter für die Wirtschaftszeitung «Finanz und Wirtschaft». Faber-Castell betonte am Mittwochabend im Stadthofsaal Uster vor 200 Zuhörern, dass er weder Kunsthistoriker noch Kunstkritiker sei, sondern «nur als Journalist über den Kunstmarkt» schreibe. Er spreche nicht über Kunst, sondern über den Markt - was in etwa gleich spannend sei.

Er beleuchtete den Verkauf der Giacometti-Skulptur «Homme qui marche», die für 104 Millionen Franken versteigert worden war. Das sei ein Preis jenseits von Gut und Böse - vor allem, wenn man bedenke, dass von dieser erst 50 Jahre alten und 180 Zentimeter grossen Skulptur 10 Abgüsse gemacht worden seien. Vor der Versteigerung sei der Wert dieser Figur auf 19 bis 29 Millionen Dollar geschätzt worden. Warum haben sich die Fachleute so verschätzt?, fragte Faber-Castell. Ganz einfach: Weil «zwei Grosskunstjäger da waren, die grosses Interesse an der Skulptur hatten und über die nötigen finanziellen Mittel verfügten». Anzunehmen, dass die beiden Trophäenjäger an Kunst interessiert seien, sei möglicherweise falsch. Ganz sicher aber seien sie an der Trophäe interessiert gewesen.

Enorme Wertsteigerung

Faber-Castell erläuterte die Methoden, mit denen man den Wert eines Kunstwerks ermitteln kann. Eigentlich gibt es nur eine: schätzen. Beim Schätzen kann man allerdings verschiedene Faktoren berücksichtigen. Etwa die Wertsteigerung des Werks in den vergangenen Jahren. Werke berühmter Künstler erreichen eine Wertsteigerung von 10 bis 30 Prozent pro Jahr. Die Zeit für so hohe Gewinne ist allerdings begrenzt. Wäre dem nicht so, würden die Preise schnell die Milliardengrenze erreichen. Der Siebdruck «200 One Dollar Bills» von Andy Warhol kostete 1986 «nur» 385 000 Dollar. 2009 wurde das Werk, basierend auf einem geschätzten Wertzuwachs von 14 bis 16 Prozent pro Jahr, auf 8 bis 12 Millionen geschätzt. Verkauft wurde es für 43,8 Millionen. Würde der Wert des Werks im gleichen Mass wachsen, müsste man in 10 Jahren 271 Millionen und in 20 Jahren 1677 Milliarden für die «200 One Dollar Bills» bezahlen - was natürlich ein Unsinn ist. Enorme Wertsteigerungen ergeben sich manchmal aus der Herkunft des Werks. Für einen 30 Zentimeter grossen Rauchquarz wurden einmal 32 000 Dollar bezahlt. Allerdings nur, weil er vorher Yves Saint Laurent gehört hatte. Der kräftige Prominentenbonus verteuerte den Rauchquarz um das Hundertfache. Ähnliches habe man bei Versteigerungen von Marilyn Monroes Kleidern oder dem Schaukelstuhl von John F. Kennedy erlebt.

Ein teurer Rahmen

Faber-Castell riet den Zuhörern, beim Schätzen des Werts eines Kunstgegenstands den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Am Ende zahle man so viel, wie einem das Werk persönlich wert sei. Der Kunstmarkt funktioniere nicht nur nach Angebot und Nachfrage, denn ein hoher Preis könne durchaus die Nachfrage stimulieren. Manchmal helfe allerdings schon banales Kopfrechnen, um herauszufinden, dass ein Preis zu hoch sei. «Wenn die Lithografie eines Schweizer Künstlers in einer Auflage von 300 Stück 5000 Franken pro Exemplar kostet, dann muss der Rahmen sehr teuer sein», sagte Faber-Castell. Der Wert des Werks belaufe sich bei dieser Auflage und diesem Preis auf 1,5 Millionen Franken - und das sei ziemlich viel für eine Lithografie. «Homme qui marche II» in der Fondation Beyeler in Riehen im Mai 2009. Archivbild: Keystone (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2010, 02:01 Uhr

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