Zürich
Landarzt in dritter Generation
Von Susanne Anderegg. Aktualisiert am 08.05.2010
Weisslingen - «Gut laufende Landarztpraxis mit grossem Kundenstamm zu übergeben.» Solche Inserate in der «Ärztezeitung» stossen auf wenig Echo. Landärzte im Pensionsalter müssen in der Regel lange suchen, bis sie einen Nachfolger gefunden haben. Oder sie finden gar keinen, wie der ehemalige Hausarzt von Kollbrunn. In diesem Tösstaler Dorf hat es heute keine Arztpraxis mehr. Die Leute gehen jetzt zum Teil nach Weisslingen. Dort gibt es zwei Hausärzte, schon seit Jahrzehnten. Matthias Ammann ist einer von ihnen. Vor zwei Jahren, mit 35, hat er die Praxis von seinem Vater übernommen. Er hat einen drei- und einen einjährigen Sohn, seine Frau macht die Buchhaltung. So wie es auch seine Mutter tat.
Angst vor der Verantwortung
Matthias Ammann ist Landarzt in dritter Generation. Schon der Grossvater war Hausarzt gewesen - «mit einem ganz anderen Stil», wie der junge Ammann anfügt: Er duldete keine Widerrede. Das Verhältnis zu den Patientinnen und Patienten hat sich sehr geändert. Diese sind informiert, stellen Fragen, wollen einbezogen werden. Gleich geblieben ist die Verantwortung, die der Arzt übernimmt. Ammann: «Der Hausarzt muss innert zehn Minuten erfassen, beurteilen und entscheiden.» Das sei sehr anspruchsvoll, und hierin sieht Ammann auch den Grund, weshalb Landpraxen wenig begehrt sind. «Viele junge Ärzte haben Angst vor der Verantwortung.» Wenn Matthias Ammann morgens um sieben die Praxis aufschliesst, weiss er nicht, was auf ihn zukommt.
Es ist Montag, zwanzig Patienten sind eingeschrieben. Zehn weitere melden sich im Laufe des Tages aus aktuellem Anlass an. Für den ersten Patienten hat Ammann viel Zeit anberaumt. Herr Furrer* ist 77-jährig und muss zur Kontrolle für den Fahrausweis. Doch zuerst berichtet er von andern Problemen. Er müsse nachts wieder drei- oder viermal aufstehen und auf die Toilette. Dabei hat er doch die Prostata vor zwei Jahren operiert. «Und dann habe ich noch etwas: Magenbrennen.» Amman stellt Fragen, gibt Anweisungen zu den Medikamenten und empfiehlt eine Nachkontrolle beim Urologen im Spital. Dann macht er die Tests zur Fahrtüchtigkeit. Es ist alles tipptopp, ausser die Sehkraft. Die ist gerade noch akzeptabel. Herr Furrer hat Glück. Er braucht das Auto, denn er hilft noch immer im Geschäft des Sohnes mit.
Nur noch ein Drittel Blut
Bei klaren Fällen scheut sich Ammann nicht, den Schein zu verweigern. Die viel zitierte Grosszügigkeit der Hausärzte gegenüber ihren langjährigen Kunden trifft auf Ammann nicht zu. Einmal hat ihm ein Patient den Rücken gekehrt, weil er ihn nicht mehr fahren liess. Es war einer dieser eigenwilligen Bauern, die im Tösstaler Hügelland noch zahlreich sind. Ein anderer wartet an diesem Morgen im Sprechzimmer. «Herr Roost ist wieder voll auferstanden», begrüsst der Arzt den munteren älteren Mann, als er ins Zimmer tritt. «Ich war auch gar nicht schwer krank», entgegnet Herr Roost. Doch das ist stark untertrieben. Vor zwei Monaten hatte er bloss noch ein Drittel der normalen Blutmenge. Und den Arzt hat er damals auch nur aufgesucht, weil er nicht mehr in seine Schuhe reinkam. Infolge des Blutmangels hatte sich Wasser in den Beinen gesammelt. Herr Roost erhielt im Spital Bluttransfusionen und beim Hausarzt Eiseninfusionen.
Labor ist Service am Patienten
Nun hat Bauer Roost wieder genug Eisen. Das zeigt der Bluttest, den die Praxisassistentin vor der Sprechstunde gemacht hat. Der Arzt kann das Resultat auf seinem Computer abrufen. Ammann beschäftigt drei Assistentinnen, allein für das Labor braucht es rund 60 Stellenprozente. Er hat sich lange über die Senkung der Labortarife geärgert, die der frühere Gesundheitsminister Pascal Couchepin verfügt hatte. Nun hat er sich damit abgefunden.
Für die Bestimmung des Entzündungswertes etwa erhält der Hausarzt nur noch 12 statt über 20 Franken. «Vom Aufwand her lohnt sich das Labor nicht mehr», sagt Ammann. «Aber es ist ein Service am Patienten und zudem attraktive Arbeit für die Assistentinnen.» Verdienen tut der Landarzt hingegen mit dem Medikamentenverkauf. Ein Geschäftszweig, den Couchepin den Ärzten ebenfalls wegnehmen wollte. Politisch ist das aber kaum durchsetzbar, wie das Beispiel Zürich zeigt. Im Kanton Zürich hat das Volk die Medikamentenabgabe durch Ärzte an der Urne befürwortet - jenen in Zürich und Winterthur ist sie bisher verboten. Die Umsetzung des Volksentscheides steht wegen einer Beschwerde noch aus.
Ein Hausarzt auf dem Land verdient denn auch tendenziell mehr als einer in der Stadt. Bei Ammann sind die Einnahmen aus dem Medikamentenverkauf ein wesentlicher Bestandteil des Einkommens. Wie hoch dieses ist, will er nicht offenlegen. Laut einer kürzlich publizierten Studie betrug das AHV-pflichtige Einkommen eines Allgemeinmediziners in der Schweiz im Jahr 2006 im Mittel 193 000 Franken. Inzwischen dürfte der Betrag etwas tiefer sein, wurden doch neben den Labortarifen auch die Margen bei den Medikamenten reduziert.
Geringschätzung der Hausärzte
Ammann teilt die Meinung seiner Hausarztkollegen, dass seine intellektuelle Leistung im Vergleich zu technischen Leistungen wie Röntgen schlecht bezahlt ist. Dabei werde das Gespräch von den Patienten «extrem geschätzt». Vor einem Jahr hat der Jungarzt an der Ärztedemo in Zürich teilgenommen, und er hat auch Unterschriften für die Hausärzte-Initiative gesammelt, «aus Solidarität». Persönlich nimmt er die schlechteren Rahmenbedingungen relativ gelassen. Matthias Ammann hat seinen Traumberuf, für ihn kam nie etwas anderes in Frage.
Von Kopf bis Fuss
Die Kollegen im Spital hätten zu ihm gesagt: «Was machst Du schon als Hausarzt, ein bisschen Zucker, ein bisschen Blutdruck.» Dabei sei die Arbeit sehr abwechslungsreich und anspruchsvoll: «Ich muss flexibel sein, Leute führen, Entscheidungen treffen.» Während ein Spezialist immer dasselbe Organ begutachtet, hat es Matthias Ammann mit dem ganzen Körper zu tun. An einem einzigen Morgen sieht er Patientinnen und Patienten mit Leiden vom Kopf bis hinunter zum Fuss.
Eine unter Depressionen leidende Frau sucht den Hausarzt wegen einer Harnweginfektion auf. Ein kleiner Bub hat Angina. Ein Patient, der vor 15 Jahren ein neues Herz bekam, kommt zur Blutkontrolle. Ein anderer hat Brustschmerzen, vermutlich eine Lungenentzündung. Ein dritter leidet unter einer seltenen Schilddrüsenkrankheit, er ist immer müde. Wieder ein anderer hatte vor einem Monat eine Diskushernie und möchte nun wieder halbtags arbeiten. Eine junge Frau mit einer Knöchelverletzung - sie stürzte vom Pferd - beklagt sich über anhaltende Schmerzen im Fuss. Kurz vor Mittag kommt noch ein Notfall, eine Schülerin mit Stechen im Bauch. Der Hausarzt diagnostiziert einen entzündeten Blinddarm und ruft gleich den Chirurgen im Spital an. Das Mädchen hat gerade noch Zeit, zu Hause die Zahnbürste zu holen. Ammann bittet die Mutter, ihm am Abend Bescheid zu geben, ob es tatsächlich der Blinddarm war. Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es in der Medizin nie. *Alle Namen der Patienten geändert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.05.2010, 02:01 Uhr


