Zürich
Magenkrämpfe nach dem Pilzgenuss
Von Marcus May. Aktualisiert am 04.01.2010
Küsnacht - Ende September letzten Jahres erhielt der Küsnachter Pilzexperte und Pilzkontrolleur Hans-Peter Neukom einen besorgniserregenden Telefonanruf einer Frau: Ihre Kollegin übergebe sich ständig, habe Durchfall und Magenkrämpfe sowie abwechselnd Schweissausbrüche mit Schüttelfrost und leichtem Fieber. Die Anruferin selber litt unter ähnlichen Symptomen.
Neukom empfahl den beiden Frauen, sich sofort zur Abklärung ins Spital zu begeben und noch vorhandene Pilze oder Rüstabfälle in die Küsnachter Pilzkontrolle zu bringen. «Neben den Symptomen sind in solchen Fällen die Angstzustände, die von der Diagnose Pilzvergiftung ausgelöst werden, am schlimmsten», sagt Neukom. Während Stunden wisse das Opfer nicht genau, wie schwer die Vergiftung sei und was es sonst noch erwarte. Im geschilderten Fall - die beiden Frauen hatten ihre Ernte vor dem Verzehr nicht zur offiziellen Pilzkontrolle gebracht - waren es drei Pilzarten, die bei einer genauen Kontrolle nur bedingt durchgekommen wären: Neukom fand unter den Ernteresten den Hallimasch, der in rohem Zustand giftig ist und heftige Magen-Darm-Reaktionen hervorrufen kann, sowie den ungeniessbaren Bärtigen Ritterling.
Tödliche Pilze relativ häufig
Zwar habe eine der Frauen einige der Hallimasche roh verzehrt, als problematischer hätten sich aber die Rüstabfälle der dritten, gekochten Pilzart herausgestellt: Neukom fand vier weisse Stielabschnitte. Zusammen mit den Beschreibungen der Opfer sei man schliesslich zum Schluss gekommen, dass es sich bei diesen Pilzen nicht um den vermeintlich essbaren Stäubling gehandelt habe, sondern um junge, sich noch in ihrer Eihülle befindliche, giftige Fliegenpilze. Die beiden Frauen konnten glücklicherweise noch am gleichen Abend, nachdem die Symptome abgeklungen waren, aus dem Spital entlassen werden.
Im letzten Jahr sei unter den von ihm kontrollierten Pilzen kein einziger tödlich wirkender Pilz zu finden gewesen, sagt Neukom (siehe Artikel unten). Das sei aber reiner Zufall. Denn auch in der Region Pfannenstiel würden tödliche Pilze wie der Knollenblätterpilz häufiger vorkommen. Der giftige, in der Region sonst eher seltene Satans-Röhrling habe im Jahr 2009 eine wahre Renaissance erlebt. Dazu hätten die klimatischen Bedingungen - Wärme und Feuchtigkeit - das ihre beigetragen, sagt Neukom. Das Gefährliche am Satans-Röhrling ist sein Aussehen: Er kann von Laien leicht mit anderen essbaren Röhrlingen wie dem Steinpilz verwechselt werden.
In seiner Funktion als Spitaldiagnostiker erhielt Neukom Mitte Oktober einen Anruf aus der Notfallstation eines Spitals. Vier Erwachsene und zwei 12-Jährige aus Uetikon hätten selbst gesammelte und nicht kontrollierte Pilze verzehrt. Eine Person leide unter starken Magenkrämpfen. «Bei leichten Pilzvergiftungen geht alles sehr schnell, denn die Gifte lösen sehr rasch Symptome aus», sagt Neukom. Anders sei es bei schweren Vergiftungen mit möglichem tödlichen Ausgang. Hier dauere es bis zum Ausbruch erster Symptome mehrere Stunden, oft gar mehrere Tage. Ein Spitaldiagnostiker unterstützt mit seinem Wissen die ärztliche Diagnose. Er bestimmt durch Untersuchung der Rüstabfälle, Reste der Ernte und der auftretenden Beschwerden die Pilzart.
Es stellte sich heraus, dass die beiden Uetiker Familien den Dunklen Hallimasch roh gegessen hatten. Um das Gift zu entfernen, hätte der Pilz vorgängig bloss zehn Minuten abgekocht werden müssen. Neukom rät, die Ernte beim leisesten Zweifel von einem offiziellen Pilzkontrolleur untersuchen zu lassen. Der giftige Satans-Röhrling war in der Region Pfannenstiel häufig zu finden. Foto: PD (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.01.2010, 02:01 Uhr


