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Pfarrer sprechen gut, gestikulieren aber wenig

Von Lukas Nussbaumer. Aktualisiert am 16.12.2009

Welcher Pfarrer präsentiert seine Predigt am besten? Wo liegen die Stärken und Schwächen der Pfarrerinnen und Pfarrer? Drei Rhetorik-Experten haben für den «Tages-Anzeiger» fünf Predigten besucht - und Ralph Miller aus Adliswil zum Sieger gekürt.

Bezirk - Wer als Pfarrer nicht vor halb leeren Sitzbänken predigen will, feilt mit Vorteil an seiner Rhetorik. Das gilt besonders für die Adventszeit, in der Christinnen und Christen vermehrt Lust auf einen Besuch in der Kirche verspüren - sie wollen nicht enttäuscht werden. Grund genug für den «Tages-Anzeiger», fünf Predigten unter die Lupe zu nehmen. Als Experte hat der Rhetorik-Coach Thomas Skipwith gearbeitet, zusammen mit zwei seiner Mitarbeiter.

Ausgewählt haben wir - willkürlich - einen Gottesdienst von Ralph Miller in der reformierten Kirche Adliswil, eine Eucharistiefeier von Mario Pinggera in der katholischen Pfarrkirche Richterswil, einen ökumenischen Regionalgottesdienst im Festzelt Auf der Schanz in Hütten von Werner Wagner, einen Gottesdienst von Martin Müller in der katholischen Kirche Oberrieden und einen Gottesdienst von Gertrud Bernoulli in der reformierten Kirche Rüschlikon. Die Gottesdienste fanden im August und September statt.

Thomas Skipwith und sein Team haben die Predigten nach neun Hauptkriterien beurteilt, aus denen sich die Skipwith-Radare ergaben. Die Experten haben drei positive Aspekte und drei Verbesserungsmöglichkeiten formuliert. Auffallend ist, dass alle Pfarrer bei der Publikumsgerechtigkeit (Sprache und Inhalt) gut bis sehr gut abschneiden. Die meisten Defizite machen die Experten beim Kriterium Körpersprache aus.

Gestik verbesserungsfähig

Die Momentaufnahme am besten gemeistert hat Ralph Miller, reformierter Pfarrer in Adliswil. Miller stellte seine 15-minütige Predigt unter den Titel «Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom» und beeindruckte den Experten sowie die 80 Zuhörer mit seinem Aufruf zur individuellen Lebensgestaltung schwer. In keinem der neun Kriterien fiel Miller ab. Der Effekt der Predigt, fand der Experte, wäre noch besser gewesen, wenn Miller auswendig gesprochen hätte. Ausserdem hat Miller gelegentlich Fallfehler begangen und könnte das Publikum mit einer etwas lebhafteren Gestik noch mehr beeindrucken.

Ralph Miller reagiert mit Humor auf die Bewertung. Ein Expertenteam habe ihn vor rund 25 Jahren im Oberland unter die Lupe genommen und sei zum Schluss gekommen, dass seine Gestik viel zu lebhaft sei. Mit dem Älterwerden sei er diesbezüglich «wahrscheinlich ein wenig zurückhaltender geworden». Die Fallfehler kann Miller gut erklären: «Deutsch ist halt nicht meine Muttersprache, sondern Englisch.»

Gut gefallen hat dem Rhetorikspezialisten in grossen Teilen auch die Predigt von Werner Wagner in Hütten. Die 61 Zuhörer kamen eine Stunde lang in den Genuss eines klar strukturierten Vortrags. Der reformierte Pfarrer verfügt über eine tadellose Aussprache, Grammatikfehler macht er keine, seine Stimme ist gut hörbar, dafür fehlen die Emotionen weitgehend. Verbessern kann sich Wagner in der Körpersprache - Blickkontakt zum Publikum hatte er über weite Strecken keinen.

Wie Miller freut sich auch Wagner, dass der «Tages-Anzeiger» einen seiner Gottesdienste besucht hat. Er sei froh über das Lob, aber auch über die kritischen Hinweise. «Ich bin seit 35 Jahren Gemeindepfarrer. Aber verbessern kann man sich immer», sagt Wagner.

Auswendig reden beeindruckt

Mit tiefer, kräftiger Stimme spricht Mario Pinggera, katholischer Pfarrer in Richterswil, zu seinem Publikum. Wie Ralph Miller liest er nach Meinung des Experten zu viel ab und könnte seinen Blickkontakt zu den Zuhörern intensivieren. Tadellos sind Grammatik und Aussprache. Pinggera trat vor 24 Personen auf und sprach 35 Minuten lang.

Pinggera nimmt die Anregungen gerne auf, wie er mitteilte. Er gibt zu bedenken, dass er an manchen Wochenenden an bis zu sieben Gottesdiensten vorstehe. Der Vorabendgottesdienst am Samstag sei in der Regel der am schwächsten frequentierte. «Hier finde ich es bedeutend anspruchsvoller, die Menschen anzusprechen, als in einem vollen Haus.» Es fehle der gruppendynamische Effekt des Auditoriums.

Mangelnde Körpersprache

In Grammatik und Aussprache einwandfrei: Das gilt auch für die reformierte Rüschliker Pfarrerin Gertrud Bernoulli, die den Stoff sehr anschaulich vermittelt und dem 25-köpfigen Publikum Zeit zum Denken lässt. Nachholbedarf hat Bernoulli in der Körpersprache, Tempowechsel hätten der einstündigen Predigt gut getan, urteilt der Experte. Bernoulli will sich «nicht öffentlich zu einem derartigen Experiment äussern». Sie sehne sich «nach sorgfältigem, professionellem Journalismus, der sich einer Sache ernsthaft widmet».

Keine Lust auf eine Replik

Obwohl in dieser Aufzählung an letzter Stelle genannt, ist Martin Müller, Pfarradministrator der Pfarrei Herz Jesu in Zürich-Wiedikon und Gastprediger in der katholischen Kirche Oberrieden, alles andere als ein schlechter Rhetoriker. Seine Erscheinung beurteilt der Experte als einnehmend, und Müller hat Humor. Hätte Müller ohne abzulesen geredet und würde er auf sprachliche Weichmacher wie vielleicht verzichten, wäre seine einstündige Predigt bei den 50 Zuhörern noch besser angekommen.

Wenig Humor zeigt Müller in seiner Antwort auf die schriftliche Anfrage des TA, die Beurteilung des Rhetorikexperten zu kommentieren. «Ich habe momentan weder Zeit noch Lust, eine Replik zu schreiben», teilt er mit.

Mitarbeit: Nicole Trossmann (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2009, 02:01 Uhr

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