Zürich
Plüschlöwen und Schneekatzen als Testpatienten
Von Helene Arnet (Text) und Dominique Meienberg (Bilder)
Zürich &endash Löwe Lenny hat einen Legostein verschluckt. Und der Biber ist vom Balkon gestürzt und hat sich den Schwanz gebrochen. Adine misst ihrer Schneekatze gerade das Fieber. Nur kann sie das Thermometer nicht lesen. Sie kennt die Zahlen noch nicht, denn sie geht erst in den Kindergarten.
Gestern ist im Kinderspital das Projekt Teddy-Spital der Swiss Medical Students’ Association gestartet. Zwei Dutzend Medizinstudentinnen und Medizinstudenten untersuchten und behandelten mit Karton-EKG-Geräten, Plüschspritzen und aus Deorollern gebastelten Ultraschallköpfen die Stofftiere, welche Kindergärtner mitbrachten. Der Zweck des Projekts ist es, den Kindern auf spielerische Art die Angst vor einem Spitalbesuch zu nehmen. Projektleiterin Anna Wang sagt: «Wenn Kinder erste positive Erfahrungen mit Ärzten und Spitälern machen, hilft ihnen das im Ernstfall über die Angst hinweg.» Das erleichtere die Diagnose und die Behandlung.
Das Herz tönt wie eine Trommel
Adine hat ein Stethoskop übergestreift. Angestrengt horcht die Kleine. Ihr Teddy-Doktor klopft leicht auf den Rücken des Kätzchens, da ruft sie. «Jetzt hör ichs! Das Herz tönt wie eine Trommel. Ich hätte nicht gedacht, dass Lela ein echtes Herz hat.» Claudia Bennert ist Adines Lehrperson. Sie unterrichtet im Kindergarten an der Forchstrasse in Hirslanden und ist hin und weg vom Teddy-Spital. Die Kinder seien ganz ungezwungen und mit Eifer dabei. «Das muss das Kispi weiterhin anbieten.» Laut Marco Stücheli vom Kispi ist durchaus vorgesehen, dass es nicht bei diesem einen Mal bleibt. «Wir können uns gut vorstellen, zweimal pro Jahr Kinder ins Teddy-Spital einzuladen.»
Schneekatze Lelas Temperatur ist normal. 37 Grad. Puls und Herzschlag sind in Ordnung, aber der Fuss muss geröntgt werden. Das Tierchen wird in einen rosa Strahlenschutz gewickelt, Adine selbst zieht einen hellblauen Schurz mit Sternenmuster über. «Ou, isch de schwer.» Das Röntgenbild bringts an den Tag: Der Fuss ist gebrochen. Er muss gegipst werden. Teddy-Doktor Silvan Hämmerli, Medizinstudent im fünften Semester, hat sichtlich Spass an der Arbeit. «Ich bin überrascht, wie wenig Berührungsängste die Kinder zeigen.»
Rosmarie Dietiker, langjährige Pflegefachfrau am Kinderspital, sagt: «Kinder brauchen Zeit, sich an die Situation im Spital zu gewöhnen. Und die müssen wir ihnen geben.» Manchmal spüre man, dass es eher die Mamis und Papis seien, die Angst hätten. Auch sei es wichtig, dass Eltern, Ärzte und Pflegende ehrlich zu den kleinen Patienten seien. Nach dem Mandelschneiden habe man nun mal Halsschmerzen. «Das muss man dem Kind auch sagen, wenn es Vertrauen in die Ärzte und die Medizin schöpfen soll.»
Medizin: Zwieback und Liebe
Florian hält den Legostein, den er seinem Löwen mit der Teddy-Doktorin in einer mehrminütigen Operation aus dem Bauch operiert hat, triumphierend in die Höhe. Nun muss die Wunde genäht werden, was in diesem Fall keine Narbe hinterlässt. Der Löwe Lenny hat einen Reissverschluss am Bauch. Die Nachbehandlung wird besprochen: zwei Tage nur Tee und Zwieback. Und viel Liebe.
Auch Adine assistiert dem Doktor. Sie wickeln das gebrochene Bein erst in einen Plastiksack und bestreichen es dann mit Gips. Der dürfe nach zwei Stunden wieder abgenommen werden, sagt der Teddy-Doktor. Bei Schneekatzen heile ein Knochen eben schneller als bei Kindern. Adine streichelt ihre Katze sanft am Bauch und sagt: «Muesch käi Angscht ha, ich bin ja bi dir.»
Dem Löwen von Florian muss ein Legostein aus dem Bauch entfernt werden. Die Operation verläuft erfolgreich.
Der Hund Gipsy hat sich beim Wandern das Knie verletzt und hängt am Tropf.
Ellen assistiert der Teddy-Doktorin bei der Behandlung ihres Pferdes.
Erstellt: 02.11.2011, 06:21 Uhr


