«Die Besten sind die, die richtig krank sind im Kopf»
Von Florian Leu. Aktualisiert am 26.02.2010
Daniel Ryser, geboren 1979 in Chur, arbeitet seit 2005 als Inlandredaktor bei der «Wochenzeitung».
Das Buch
Daniel Ryser, «Feld-Wald-Wiese.Hooligans in Zürich», Echtzeit-Verlag.
Während Monaten raste Daniel Ryser «Zürichs kranker Horde» hinterher, so nennen sich die Hooligans der Stadt. Er hörte Sätze wie: «Die Besten sind die, die richtig krank im Kopf sind.» Sätze wie: «Der kleine Müller hat sich kürzlich beim ersten Feldkampf echt gut geschlagen. Hat sich dann eine Rippe angerissen und nur noch gejapst.» Sätze wie: «Ein Kampf dauert zwischen fünfzehn Sekunden und zwei Minuten. Aber davon weiss ich jeweils nichts mehr. Das Adrenalin befreit mich von allen Gedanken.»
- Krank: Der Reporter von der «Wochenzeitung» sah, wie Männer vorm Letzigrund mit Ketten und Hämmern aufeinander losgingen. Er sah, wie Männer übereinander herfielen, als wärs ein Rugbyspiel ohne Regeln bis auf eine. Wer am Boden liegt und die Hand hebt, bleibt unbehelligt.
- Feldkampf: Ryser liess sich erzählen, wie sich Hooligans jenseits der Stadien treffen, fernab von Polizei, Presse, Unbeteiligten. Wie sie sich in Reihen aufstellen, 20 gegen 20, sich zwischen Bäumen und Büschen die Augen blau schlagen, die Brauen blutig hauen. Bis der Gegner fällt und liegen bleibt, bis das Bein knickt und der Mundschutz davonfliegt.
- Adrenalin: Eigentlich recherchierte Ryser einen Bericht über Adrenalin. Das Adrenalin, das sich die Männer mit ihren Fäusten ins Leben dreschen. Die Action, die sie sich am Wochenende herbeiprügeln. Der Rausch, in den sie geraten und in dem die Zeit sich dehnt, bis ein Schlag den Schläger zu Boden schickt. Ein Hooligan sagte: «Nur du bist da; und deine Gegner sind da; und dann läufst du auf die zu, dein Blick verengt sich, Tunnelblick, und dann knallt es, eine Sache von Sekunden, aber es kommt dir vor wie Stunden.»
«Feld-Wald-Wiese» heisst das Buch. Es liest sich wie eine Übersetzung von Faustschlägen. Die Kapitel sind klein. Die Abschnitte kurz. Die Sätze hart, schnell, kalt. Wenn die Unterwelt des Fussballs einen Soundtrack hat, dann klingt er wie Rysers Sprache: ohne Schnörkel, Firlefanz und Adjektive. Im Sommer 2008 fing er mit der Recherche an, bis Ende letzten Jahres sammelte er Szenen, Zahlen und Zitate. Er betrieb Ganzkörperjournalismus zu Zeiten gekürzter Zeitungsbudgets: sprach mit Hooligans und Polizisten, Politikern und Experten, wurde von der Polizei an die Wand gestellt und durchsucht, wurde von einem Vermummten in eine Ecke gedrängt und angepöbelt, ein Stuhl flog ihm an den Kopf, man nannte ihn Medienfotze.
Volle Vorstrafenregister
Ryser wollte eine Geschichte schreiben über eine Gesellschaft, zu der es kaum einen Zugang gibt. So viele Hooligans er auch traf, bei einem Kampf im Wald war er doch nicht dabei. Die Hooligans liessen ihn nie zuschauen, sprachen nur darüber, zeigten ihm Videos. Sie liessen Abmachungen sausen, machten die Tür nicht auf. Sie gingen nicht ans Telefon, misstrauten ihm und sagten: «Paranoide Zeiten. Da kommt ein Journalist nicht gelegen.» Eine Recherche, die auf Ryser abgefärbt hat. Erst war er zu einem Treffen mit dem «Tages-Anzeiger» bereit, dann sagte er wieder ab.
Der erste Teil des Buches ist eine Montage, zusammengesetzt aus Dutzenden von Hooliganstatements, eine Oral History aus der Welt der vollen Vorstrafenregister und der flächendeckenden Rayonverbote. Das wirkt, als hätte Ryser Chuck Palahniuks «Fight Club» auf Zürcher Verhältnisse abgestimmt, als fänden die Kämpfe auch hier statt, damit die Schläger in einer «abgeschlafften, vom Kommerz vereinnahmten, brusthaarrasierten Calvin-Klein-Sixpack-Model-Welt wieder etwas spüren», wie Ryser im Intro schreibt. Die Statements kommen aus allen Richtungen, Quellen liefert Ryser natürlich keine, die Hooligans hätten sonst nicht mit ihm geredet. Die Zitate prasseln auf einen ein, und man fühlt sich wie ein Boxer, der in einer Ringecke steht und Schläge einsteckt - als müsste man das Buch mit Boxhandschuhen lesen.
Schlag auf Schlag erfährt man, wie die Szene sich sieht, wie sie tickt und austickt. Ryser fügt die Zitate so geschickt zusammen, dass ein Film entsteht, wenn auch ein ruckliger und grobkörniger. Man sieht: wie sich die Männer im Wald gegenüberstehen, wie sie während ewiger Sekunden kämpfen. Man lernt: was in ihren Köpfen vorgeht, weshalb sie Hunderte von Kilometern zurücklegen und nach Norddeutschland fahren, für einige Augenblicke des Aussergewöhnlichen. Wie sie vor den Kämpfen tagelang keinen Alkohol trinken und kaum schlafen können vor Vorfreude.
Raum ohne Gesetze
Im zweiten Teil liefert Ryser Hintergründe. Der erste Schweizer Hooliganpolizist Adolf Brack tritt auf. Der Hooliganverantwortliche Nordrhein-Westfalens kommt zu Wort. Ryser besucht Schauplätze in St. Gallen, schreibt über Hooligans in Vaduz und Winterthur, in Bern und Basel. Vor allem aber geht es um «Zürichs kranke Horde». An den Spielen fallen sie kaum auf, aber ihre Namen sind in der Regel registriert. Ryser lernte keinen kennen, dessen Angaben nicht schon aufgenommen worden wären. Wer an den Spielen auffällt, das sind selten die Hooligans, meist sind es die Ultras, und unter ihnen die Feuerwerker, die Fahnenschwinger. Doch lässt sich kaum sagen, wo die Trennlinie verläuft. Obwohl mehrheitlich rechts, ist die Hooliganszene auch politisch schwer zu fassen. Seit zwei Jahren gibt es «Zürichs kranke Horde», dazu gehören Hooligans beider Stadtvereine, dazu kommen Verbindungen zu Hooligans in halb Europa: Wenn die Fussballer aus Warschau zu Gast sind, treffen sich deren Anhänger mit Zürcher Hooligans zu einem «Feld-Wald-Wiese» weit weg vom Letzigrund. Manche tun es, weil sie die Angst in den Augen der andern sehen wollen. Manche, weil sie hier, irgendwo im Nirgendwo, einen Raum betreten fast ohne Gesetze.
Das ist die Stärke des Buches: Es erklärt fast nichts. Ryser kommentiert selten. Am Ende verhallen die Schläge fernab der Unbeteiligten, und keiner weiss, was sie eigentlich bedeuten. Kämpfen, um etwas zu spüren? Um andere fertig zu machen? Um seine Kraft zu messen? Um sich mächtig zu fühlen? Um den Trieben freien Lauf zu lassen? Um den Frust über die Dauerüberwachung in und um die Stadien prügelnd zu kommentieren? Um der Anpassung wenigstens am Wochenende zu entkommen? Ryser lässt es offen, tippt die Möglichkeiten nur an, der Rest liegt am Leser. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.02.2010, 14:20 Uhr


































