«Viele Leute haben beim Thema Armut Bilder aus der Dritten Welt im Kopf»
Miriam Götz, die Caritas Zürich hat das Projekt «Armut bei uns - sieben Tage, ein Thema» ins Leben gerufen. Weshalb ausgerechnet in Effretikon?
Ziel von Caritas Zürich ist es, nicht nur in der Stadt Zürich, sondern auch flächendeckend in der Agglomeration und in den ländlichen Regionen aktiv zu sein. Wir haben anhand von Sozialhilfe- und Arbeitslosenquoten versucht, herauszufinden, wo wir möglichst viele Menschen mit unserer Arbeit ansprechen können.
Das Projekt handelt von Armut. Ab wann wird jemand in der Schweiz als arm bezeichnet?
In der Schweiz gibt es die absolute Armut nicht. Man spricht hier von einer relativen Armut. Demnach ist arm, wer im Vergleich zu den Mitmenschen im eigenen Land ein eingeschränktes Leben führen muss. In der Schweiz hat die Politik bisher noch keine Armutsgrenze definiert. Als Orientierung dienen die Empfehlungen zur Bemessung der Sozialhilfe der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe. Es kann jedoch kein für alle gültiges Existenzminimum beziffert werden. Die Antwort fällt je nach Lebenssituation, Familienzusammensetzung, persönlichem Bedarf und nicht zuletzt auch Wohnort höchst unterschiedlich aus.
Gut, nehmen wir ein Beispiel. Ab welchem monatlich zur Verfügung stehenden Betrag ist eine alleinstehende Person arm?
Im Einpersonenhaushalt gilt als arm, wer weniger als 960 Franken pro Monat zur Verfügung hat, wenn Mietzins und Krankenkassenprämie für die Grundversicherung bereits bezahlt sind. Dies ist allerdings nur eine Orientierungshilfe und kann von Fall zu Fall schwanken.
Was unternimmt die Caritas Zürich gegen die Armut?
Einerseits versuchen wir, mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft ins Gespräch zu kommen. Wir machen ihnen konkrete Vorschläge, wie Armen geholfen werden kann. Es muss alles getan werden, damit weniger Menschen in Armut geraten. Andererseits versuchen wir mit Projekten wie hier in Effretikon, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren. Hilfe finden die Menschen in unserer Familien- und Schuldenberatung. Unser besonderes Augenmerk gilt der wachsenden Zahl bedürftiger Familien.
Weshalb wird die Armut in der Schweiz von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen?
Man sieht die Armut nicht auf der Strasse, man sieht es den Leuten nicht an, sie wollen nicht als arm erkannt werden. Viele schämen sich und haben Angst vor der Verurteilung durch die Gesellschaft. Die Leute denken, Armut existiere hier gar nicht. Viele haben beim Thema Armut das Bild von der Dritten Welt im Kopf.
Gibt es einen typischen Fall, wie jemand in die Armut gerät?
Grundsätzlich kann es jeden treffen, da gibt es viele verschiedene Wege. Viele haben ihre Stelle verloren und sind nun altersbedingt nicht mehr attraktiv für den Arbeitsmarkt oder bringen zu wenig berufliche Qualifikationen mit. Zugenommen hat vor allem die Familienarmut. Bei Familien mit drei und mehr Kindern reicht das Haushaltseinkommen oft nicht aus. Das grösste Armutsrisiko birgt aber die soziale Herkunft. Kinder aus armen und bildungsfernen Haushalten tragen im Vergleich zu den Kindern aus gut situierten Haushalten ein wesentlich grösseres Risiko, als Erwachsener selber wieder zu den Armen zu zählen.
Wie hoch ist die Chance, herauszukommen?
Das ist sehr unterschiedlich. Da gibt es zum Beispiel die temporäre Armut. Viele Studenten leben sogar unter dem Existenzminimum. Sie haben sich allerdings selbst dazu entschieden. Sie haben eine Perspektive, dadurch können sie viel einfacher mit der vorübergehenden Armut umgehen. Schwierig ist es für Leute, die sich selbst aufgegeben haben. Wer sich damit abgefunden hat, dass die Armut sein Schicksal ist, kommt nur schwer wieder heraus. Vom 22. bis 29. Mai 2010 organisiert die Caritas Zürich in Illnau-Effretikon verschiedene Veranstaltungen und Aktionen in der Gemeinde.
www.caritas-zuerich.ch/armutbeiuns (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.05.2010, 15:42 Uhr



