Zürich
Vom Stadtkind zur Bäuerin
Von Liliane Minor. Aktualisiert am 05.03.2010
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Winterthur - Noch vor ein paar Jahren fürchtete der Landfrauenverband die Schliessung von Bäuerinnenschulen - mangels Nachfrage. Nun hat sich das Blatt gewendet. Die Frauen stehen Schlange für diese Ausbildung. «Wir haben inzwischen eine Warteliste», sagt Sylvia Minder von der kantonalen Landwirtschaftsschule Strickhof. Etwa 75 Frauen absolvieren dort jedes Jahr die Ausbildung. Wartelisten gibt es auch in der Bäuerinnenschule im Kloster Fahr, wo jedes Jahr 56 Frauen die Kurse belegen. «Wir nehmen bereits Anmeldungen für die Kurse 2011 entgegen. Dieses Jahr sind wir ausgebucht», sagt Ausbildungsleiterin Therese von Aarburg.
Warum sind die Kurse plötzlich so gefragt? Regula Siegrist vom Landfrauenverband macht dafür das gestiegene Selbstbewusstsein der Bäuerinnen verantwortlich: «Sie wollen ihrem Mann eine ebenbürtige Partnerin sein.» Es komme auch öfter vor, dass Landwirte den Hof der Tochter übergeben.
Sinnvolle Auszeit im Beruf
Zudem drängt es immer mehr Frauen aus anderen Berufen in die Bäuerinnenschulen. Sylvia Minder vom Strickhof Wülflingen erklärt sich das so: «In der Schule und daheim lernen die Frauen immer weniger über Ernährung und Haushaltführung.» Manche Frauen nutzen die sechsmonatige Ausbildung auch als sinnvolle Auszeit im Beruf.
So zum Beispiel die 27-jährige Katrin Greber. Sie ist Primarlehrerin und, wie sie selbst sagt, ein Stadtkind: «Ich hatte nie etwas mit Landwirtschaft zu tun.» Als sie zum ersten Mal von der Bäuerinnenschule Strickhof hörte, dachte sie: «Das klingt sehr konservativ.» Dennoch packte sie die Neugier, weil sie nach vier Jahren Schuldienst auf der Suche nach etwas Neuem war. Sie sah sich die Schule an und war begeistert. «Kochen, Werken und Handarbeit sind Dinge, die ich auch daheim gerne mache», sagt sie, «und doch lerne ich hier ganz viel Neues.» Am meisten angetan habe es ihr aber die Rindviehhaltung, erzählt sie lachend. Auch wenn sie sich im Unterricht gegenüber ihren Klassenkameradinnen zuweilen unfreiwillig als Städterin outet: «Es kann schon für Heiterkeit sorgen, wenn ich sage, eine Kuh sei schwanger statt trächtig.»
Katrin Greber ist in ihrer Klasse in der Minderheit: «Neben mir haben nur noch zwei oder drei keinen Hof daheim. Aber wir werden gut aufgenommen.» Anders sieht es im Kloster Fahr aus. Im Gegensatz zum Strickhof werden dort Frauen, die einen Hof haben, bei der Aufnahme nicht bevorzugt. Die Folge: Mehr als die Hälfte der Schülerinnen haben keinen landwirtschaftlichen Hintergrund, sondern sind Coiffeusen, Gärtnerinnen oder sogar Ärztinnen.
Dass die «Berufsfremden» den Bäuerinnen Ausbildungsplätze streitig machten, glaubt Regula Siegrist vom Landfrauenverband aber nicht: «Im Gegenteil, es ist positiv, wenn die Schulen genügend Kandidatinnen haben, sodass sie ihre Klassen füllen können. Und es ist schön, wenn sich viele Leute für die Landwirtschaft interessieren.»
Am Ende der Ausbildung erhalten alle Frauen ein Zertifikat. «Echte» Bäuerinnen sind sie damit allerdings noch nicht - der eidgenössische Fachausweis für Bäuerinnen steht nur Frauen offen, die mindestens zwei Jahre in einem Betrieb gearbeitet haben. Das Kloster Fahr wird heute um 14 Uhr den erfolgreichen Absolventinnen die Diplome überreichen. Primarlehrerin Katrin Greber in der Kochschule des Strickhofs. Foto: Doris Fanconi (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.03.2010, 02:01 Uhr


