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Wenn die Verliererin der Gewinnerin auf den Zahn fühlt

Aktualisiert am 30.06.2011

In ihrer Heimat Winterthur hat Jacqueline Fehr gestern Simonetta Sommaruga interviewt, ihre einstige Konkurrentin um den Bundesratssitz.

Von Simone Rau, Winterthur

Nach der Bundesratswahl, sagt Jacqueline Fehr, habe sie sich gefühlt wie eine Comicfigur. Es ist der 22. September 2010, Fehr ist soeben im dritten Wahlgang ausgeschieden. Die neue Bundesrätin heisst Simonetta Sommaruga. «Ich kam mir vor, als würde ich voll gegen die Wand fahren», sagt die Unterlegene über den Moment der Niederlage, «innert Sekunden war alles vorbei.» In den Tagen und Wochen danach habe sie eine «grosse Traurigkeit» gefühlt. «Nicht so schlimm, wie wenn jemand stirbt. Aber in etwa so, wie wenn man einen Job unbedingt will und dann nicht erhält.»

«Motiviert wie eh und je»

Jacqueline Fehr wollte unbedingt Bundesrätin werden, das gibt sie unumwunden zu. Doch heute sagt sie: «Ich habe die Niederlage verdaut.» Nicht nur sie sagt das – auch ihre Parteikollegen sagen das. Zum Beispiel SP-Nationalrätin Pascale Bruderer: «Sie ist engagiert und motiviert wie eh und je.» Wer sich für das Amt der Bundesrätin bewerbe, der wolle gewinnen. Doch habe sich Fehr «der Wahl im vollen Bewusstsein gestellt, dass sie den Kampf auch verlieren kann». Sie sei realistisch geblieben und habe die Zeit vor, während und nach der Wahl gut gemeistert – zusammen mit Sommaruga. «Es hat mich beeindruckt, wie fair die beiden Frauen miteinander umgegangen sind.»

Auch die einstigen Konkurrentinnen sind offenbar dieser Ansicht. Denn gestern lud Fehr die Bundesrätin zum Gespräch in ihre Heimat Winterthur. «Es soll ein klares Zeichen sein, dass es für mich sehr okay ist, dass Simonetta Sommaruga gewählt wurde», sagt Fehr. «Auch an die Winterthurer, die wohl lieber mich als Gewinnerin gesehen hätten.» Nicht immer sei sie einverstanden mit dem, was Sommaruga als Bundesrätin mache. «Doch aus ihrer Perspektive macht sie es gut.» In der Spenglerei Winterthur nahmen die beiden SP-Frauen dann auf roten Fauteuils Platz, sichtlich erfreut über die rund 100 Gäste und das Zustandekommen des Treffens. Für einen ersten Lacher sorgte die Bemerkung Fehrs, die Bundesrätin sei auf «ihren eigenen Füssen vom Bahnhof hierher gelaufen». Womit die beiden schon mitten im ersten Thema waren: Heimat. Die Politikerinnen sprachen über Winterthur, die Heimatstadt von Fehr, auf die sie «furchtbar stolz» ist, aber auch über Köniz, die «zwölftgrösste Stadt der Schweiz. Aber wer weiss das schon?», fragte Sommaruga. Wieder ein Lacher.

Linkes Thema Zuwanderung

Von der Heimat war es nicht weit zur nächsten Debatte: der Zuwanderung. Die grösste Herausforderung für sie sei, dass man einerseits auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sei, andererseits in der Schweiz immer mehr das Gefühl überhandnehme, es werde zu eng, sagte Sommaruga. Übernutzte Böden, überlastete Infrastruktur – «das sind längst nicht mehr nur Vorbehalte von rechts». Wo die Zuwanderung thematisiert wird, ist auch das Wachstum nicht weit. Flink hüpften die SP-Damen zur Energieversorgung und freuten sich, zusammen mit dem Publikum, ob des kürzlich beschlossenen Ausstiegs der Schweiz aus der Atomenergie. «Was für ein schöner Mittwochmorgen», sagte die Bundesrätin. «Ein guter Entscheid! Das ist hoffentlich genau der Schub, den die Schweiz braucht.» Sie glaube fest daran, dass nach dem Nationalrat nun auch der Ständerat dem Bundesrat helfe.

Die Verantwortung spüren

Neben Politik hatte am gestrigen Abend auch viel Persönliches Platz. So gab Sommaruga dank Fehrs direkten Fragen preis, welch schwierige Erfahrung sie letzten Winter gemacht hat. Im Streit um das gemeinsame Sorgerecht hatte sie die Väter gegen sich aufgebracht, wurde heftig angegriffen. Zuerst habe sie sich zurückziehen wollen, nicht reagieren auf die Pflastersteine und die Mahnwache vor dem Bundeshaus. «Doch dann wusste ich: Ich muss auf diese Männer zugehen. Es kostete mich Überwindung, aber es hat sich gelohnt.»

Auch von der Arbeit in ihrem Departement erzählte Sommaruga: «Da ist der Funke wirklich gesprungen.» Und sie plauderte aus dem Nähkästchen des Bundesrats: «Wir haben es gut miteinander, kämpfen aber auch. Und ich gebe nicht auf. Das fägt.» Man spürte die Verantwortung, die auf den Schultern der Bundesrätin lastet, an diesem Abend gut. Doch ihren Charme und den Humor, den verliert sie nie.

Simonetta Sommaruga (l.) diskutierte gestern in Winterthur mit Jacqueline Fehr – auch über die Bundesratswahl. Foto: Sabina Bobst

Erstellt: 30.06.2011, 23:10 Uhr

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