Zürich
«Wir nennen sie Kapo-Frauen»
Frau Steiner, Sie kämpfen als Staatsanwältin seit Jahren gegen Menschenhandel und Prostitution. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation am Sihlquai ein?
Zurzeit herrscht auf dem Sihlquai eine Art offene Prostitutionsszene, die aus dem Ruder zu laufen droht. Es sind vorwiegend Männer und Frauen aus Ungarn, die das Sihlquai beherrschen. Aus unseren Verfahren wissen wir, dass Konkurrenzdruck und Gangart zunehmend härter werden.
Nicht nur männliche Zuhälter kontrollieren den Strich am Sihlquai, sondern auch weibliche. Gehen diese Frauen genau gleich vor wie ihre männlichen Pendants?
Nein, diese Frauen sind eine Art verlängerter Arm der männlichen Zuhälter. Ein Zuhälter kontrolliert in der Regel drei bis vier Frauen, will sich selbst aber nicht auf dem Strich blicken lassen. Einerseits will er der Polizei aus dem Weg gehen, andererseits mögen es die Freier nicht, wenn Zuhälter herumstehen. Damit sie trotzdem alles unter Kontrolle behalten, lassen die Zuhälter eine ihrer Frauen in der Hierarchie aufsteigen. Wir nennen sie Kapo-Frauen, in Anlehnung an die Häftlinge in den Konzentrationslagern, die zu Aufsehern befördert und ebenfalls Kapos genannt wurden.
Was sind die Aufgaben dieser Frauen?
Sie arbeiten als Prostituierte und kontrollieren gleichzeitig ihre Kolleginnen. Einerseits instruieren sie ihre weniger erfahrenen Kolleginnen und führen die Preisverhandlungen für sie. Ausserdem stehen sie via Handy konstant im Kontakt mit dem Zuhälter und informieren ihn über jeden Schritt seiner Prostituierten. Schliesslich setzen sie ihre Kolleginnen unter Druck, indem sie Drohungen des Zuhälters weitergeben.
Sie sind lediglich Mittelsleute?
Nicht nur, gewisse gehen deutlich weiter, als sie müssten. Wenn eine Frau nur das tut, wozu ihr Zuhälter sie zwingt, stelle ich das Verfahren gegen sie ein. Bisher habe ich zwei Frauen angeklagt. Sie hatten selbst gezielt Druck ausgeübt.
Zuhälter setzen ihre Prostituierten oft mit physischer Gewalt unter Druck. Tun das diese Frauen auch?
Das ist mir so nicht bekannt. Gut möglich, dass es das gibt. Doch im Grunde ist das gar nicht nötig. Bei den Roma ist es häufig so, dass nur eine Frau einer Gruppe geschlagen wird. Dann wissen die anderen Frauen, was ihnen geschieht, wenn sie nicht gefügig sind.
Wie viele Kapo-Frauen gibt es in Zürich?
Das kann ich nicht sagen. Ich vermute, dass jeder Zuhälter mindestens eine Kapo-Frau hat. Eine wurde bisher verurteilt, eine weitere ist angeklagt. Gegen weitere laufen Ermittlungsverfahren.
Haben diese Frauen Privilegien?
Sie meinen es, aber objektiv kann man kaum von Privilegien sprechen. Sie sind oft die Hauptfrauen, die dem Zuhälter als Sexgespielinnen zur Verfügung stehen müssen. Vielleicht lässt er sie ein wenig am finanziellen Gewinn teilhaben. Doch auch sie müssen anschaffen gehen und ihren Verdienst abgeben.
Gibt es für die Frauen Alternativen zur Prostitution?
Nein. Die meisten von ihnen kommen aus ländlichen Gebieten, haben keine oder nur eine schlechte Ausbildung und leben in unbeheizten Hütten. Sie können im besten Fall in der Gemüseernte etwas Geld verdienen.
Sind diese Frauen nun eher Opfer oder Täter?
Die Frauen haben eine etwas schizophrene Wahrnehmung ihrer Rolle. Eine Frau muss sich auf dem Strich verkaufen. Das kann sie nur, wenn sie den Anschein erweckt, sie tue es freiwillig. Gleichzeitig sehen sie sich als Opfer, weil sie nicht freiwillig ins Prostitutionsgeschäft eingestiegen sind, sondern aus Not. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz) Eine Prostituierte wartet am Sihlquai auf Freier. Foto: Nicola Pitaro (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.04.2010, 02:01 Uhr


