Zürich

Geliebtes Pony im Papier verewigt

Aktualisiert am 10.10.2010

Das Buchdruckmuseum Graphos in Uster ist um eine Attraktion reicher: Die Besucher können neuerdings beim Papierschöpfen ihre kreative Ader walten lassen.

Von Jennifer Steiner

Uster – Die Konzentration steht Romana Klein und Robin Müller ins Gesicht geschrieben. Die beiden stehen neben einem grossen roten Waschzuber. Romana rührt mit der Hand in einer grauen Masse aus Papier und Wasser – der Pulpe, wie es im Fachjargon heisst. Robin taucht sorgfältig das kleine Schöpfsieb in die Papiermasse, lässt das Wasser abtropfen und «gautscht» dann gekonnt den feuchten Papierbogen aus dem Sieb auf ein Fliess. Wie kleine Profis gehen die beiden Neunjährigen ans Werk.

Grenzenlose Kreativität

Mit der Eröffnung der Papierschöpfecke am vergangenen Samstag lässt das Buchdruckmuseum Graphos in Uster ein uraltes Handwerk aufleben. Die neue Attraktion im noch jungen Buchdruckmuseum stösst auf reges Interesse: Jung und Alt lassen sich von Bruno Gassmann an diesem Nachmittag in die vorindustrielle Zeit zurückversetzen. «Ein Papierbogen, den man selbst geschöpft hat, erhält eine ganz andere Bedeutung als ein normales Massenfabrikat», sagt der Schwerzenbacher, der sich vor zehn Jahren dem Papierschöpfen verschrieben hat. Ein Hobby, bei dem auch die künstlerische Ader nicht zu kurz kommt: Die Papierbögen zeigen alle erdenklichen Farbschattierungen, sind mit Konfetti, Pflanzensamen, bunten Fäden, Kaffeesatz oder Rhabarberfasern verziert – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. «Einmal habe ich für ein Mädchen Papier geschöpft, dessen Pony gestorben war: Die Familie hat mir etwas Mähnenhaar des Tieres gegeben, damit ich ein ganz spezielles Trauerkärtchen machen konnte», erinnert sich Gassmann.

So kunterbunt die Ausbeute, so simpel die Produktionsanlage: Ein Behälter, Altpapier, ein Schöpfsieb, eine Presse sowie Vlies oder Filz – nach dem Expertentipp von Bruno Gassmann wahlweise auch Windeleinlagen – die zwischen den Papierbogen zu liegen kommen. Mehr braucht es nicht. «Kalligrafie-Papier gibt das nicht, aber schreiben kann man auf selbst geschöpftem Papier allemal», betont Gassmann.

Auch Brigitte und Heinz Schlegel aus Aathal haben dem Buchdruckmuseum an diesem Samstag einen Besuch abgestattet. «Es ist wohl das individuelle Gestalten und der persönliche Bezug zum Papier, die das Papierschöpfen so beliebt machen», meint die Typografin. Insbesondere in der Zeit der elektronischen Kommunikation, in welcher das Papier zunehmend an Bedeutung zu verlieren scheine. «Und gerade für Kinder ist es eine faszinierende Arbeit, denn sie können das Resultat unmittelbar nach der Arbeit in den Händen halten.» Der wachsende Pauscht – der von Romina und Robin eifrig aufgetürmte Stapel aus Papieren und Windeleinlagen – gibt ihr recht.

Im Buchdruckmuseum können die Besucher seit Samstag Papier schöpfen. Foto: Christoph Kaminski

Erstellt: 10.10.2010, 21:35 Uhr

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