Als ein Gangsterduo die heile Schweiz erschütterte

Die beiden Schwerverbrecher Ernst Deubelbeiss und Kurt Schürmann sorgten vor 60 Jahren mit einem brutalen Mord für Angst und Schrecken.

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Der Mordfall Bannwart

Von Benno Gasser

Zürich – Eine dünne Schneedecke liegt an jenem Dienstagabend, 4. Dezember 1951, auf Dächern und Strassen der Stadt. In den Kinos läuft Theo Lingens Lachschlager mit dem Titel «Nichts als Zufälle», und Johnny Weissmüller ist in «Tarzans Triumph» zu sehen. Am Talacker 24 löscht Armin Bannwart in der Bank Winterstein kurz vor 18 Uhr in seinem Büro das Licht – ein wenig früher als üblich – und übergibt den Tresorschlüssel seinem Prokuristen Züllig. Bannwart schmerzt das Hüftgelenk. Er muss deshalb seit sechs Wochen dienstags in die Therapie zu einem Spezialisten an der Burstwiesenstrasse 53 in Wiedikon. Der Teilhaber der Bank Winterstein ist ein pflichtbewusster und zuverlässiger Mensch. Seit das Unternehmen vor einem Jahr überfallen wurde, ist Bannwart besonders vorsichtig.

Nach 19 Uhr verlässt er das Haus des Therapeuten und steigt in seinen grauen Wagen der Marke Nash, ein stattliches Fahrzeug mit wuchtigen Kotflügeln. In seinem Haus an der Rotfluhstrasse in Zollikon wird der 50-Jährige bereits von seiner welschen Frau und seinen beiden Kindern zum Abendessen erwartet. Vor dem Haus warten auch zwei jüngere Männer ungeduldig auf den Bankier. Der 26-jährige Kurt Schürmann, ein Bauarbeiter, und der 30 Jahre alte Mechaniker Ernst Deubelbeiss haben sich wochenlang auf diesen Moment vorbereitet und Bannwarts Tagesablauf ausspioniert. Sie haben die Sicherung der Strassenbeleuchtung entfernt. Jetzt erwarten sie im Schutz der Dunkelheit ihr Opfer.

Sie stahlen Autos und Anzüge

Schürmann und Deubelbeiss hatten sich 1944 in der Strafanstalt Bochuz im Kanton Waadt kennen gelernt, möglicherweise bereits schon früher in Genf. Deubelbeiss verbüsste eine Haftstrafe von zehn Jahren wegen mehrerer Einbrüche. Er hatte zuvor versucht, aus einem anderen Gefängnis auszubrechen. Schürmann sass eine einjährige Strafe ab wegen eines missglückten Diamantendiebstahls in Genf.

Die beiden verloren sich aus den Augen und trafen sich in Ende der 40er-Jahre in Zürich wieder. «Wir brauchen Waffen, wenn wir Erfolg haben wollen», sagte Schürmann. Einfache Gewehre genügten ihnen aber nicht, Maschinenpistolen mussten her. In der Nacht auf den 24. Juli 1951 brachen sie deshalb in das Zeughaus Höngg ein und raubten 15 Maschinenpistolen und 9685 Schuss Munition. Der handwerklich geschickte Deubelbeiss kürzte später bei vier der gestohlenen Waffen die Läufe. So waren sie handlicher und liessen sich unter einem Mantel verstecken. Die Waffen brachten sie mit einem gestohlenen VW in ein Versteck bei Urdorf. Auto fahren konnten die beiden noch nicht, weshalb sie immer wieder den Motor abwürgten. Es war der Beginn ihres Autofimmels. Ein halbes Jahr lang stahlen sie praktisch jede Woche einen Wagen. Sie entwendeten auch regelmässig schicke Anzüge, wie sie in amerikanischen Gangsterfilmen zu sehen waren.

Der Tresorschlüssel fehlt

An jenem Abend wollen Deubelbeiss und Schürmann bereits ihr Versteck an der Rotfluhstrasse verlassen und unverrichteter Dinge wieder abziehen, da fährt Bannwart vor. Er hält kurz, bevor er über die Gegenfahrbahn in seine Garage einbiegt. Die beiden Gangster rennen auf das Auto zu, Deubelbeiss reisst die Fahrertür auf, drängt Bannwart zur Seite. Der Bankier wehrt sich, Schürmann öffnet die andere Tür und steht mit gezückter Waffe da. «Schiess!», ruft Deubelbeiss. Da ergibt sich Bannwart: «Ich mache, was ihr wollt.» Schürmann nimmt im Fond des Wagens Platz und richtet seine Waffe auf Bannwart. Die ganze Aktion dauert nur Augenblicke. Die Gangster sind nicht maskiert, obwohl sie Masken dabeihaben. Die Frau des Bankiers ahnt nicht, welche Tragödie wenige Meter entfernt ihren Lauf nimmt.

Deubelbeiss lenkt den Wagen zur Forch und hält vor einem Restaurant. Das Gangsterduo will wissen, wie viel Geld im Tresor ist, und fordert den Schlüssel des Safes. «20 000 Franken», sagt Bannwart. Tatsächlich liegen aber 100 000 Franken im Fach. Schürmann und Deubelbeiss lügen dem Bankier vor, sie würden im Auftrag einer Geheimorganisation handeln. Bannwart übergibt seine Schlüssel, aber der entscheidende Tresorschlüssel fehlt. Diesen verwahrt Prokurist Züllig. Er soll den Schlüssel bringen. Deubelbeiss steuert den Nash zu einer Telefonkabine in Witikon. Zuerst muss Bannwart seine Frau anrufen, die wegen der Abwesenheit des Mannes Verdacht schöpfen könnte. Bannwart, der sich normalerweise mit seiner Frau in ihrer Muttersprache unterhält, sagt, er habe jemanden getroffen und kehre später nach Hause zurück. Am Ende des kurzen Gesprächs sagt er auf Französisch: «Ich werde dir alles erklären, wenn ich daheim bin.»

Nach der kurzen Unterhaltung ruft Bannwart Züllig zu Hause an. Doch der geht nicht ans Telefon, weil er im Keller ein Gestell nagelt und das Klingeln nicht hört. Bei einem weiteren Versuch gelingt es. Bannwart beordert seinen Prokuristen mit dem Tresorschlüssel zur Bank. Züllig schöpft Verdacht und alarmiert darauf die Polizei.

Die Gangster fahren mit Bannwart zum Arbeitsort des Bankiers. Schürmann und Deubelbeiss tragen an diesem Winterabend Sonnenbrillen. Unter ihren Mänteln halten sie die verkürzten Maschinenpistolen im Anschlag. Bannwart soll den Zugang zur Bank aufschliessen. Er öffnet ein Schloss, doch die Tür bleibt versperrt. Der Bankier zeigt sich erstaunt. Eine List: Das zweite Schloss in der Tür sehen die Gangster nicht. Das Trio geht nach draussen und wartet auf Züllig. Nach einer halben Stunde biegt der grüne Hillmann um die Ecke, das Auto des Prokuristen. Züllig steigt aus. Doch er ist nicht allein. Ein zweiter Mann ist bei ihm. Ein Detektiv. Damit haben die Verbrecher nicht gerechnet. Was tun? Schürmann und Deubelbeiss machen sich mit ihrem Opfer aus dem Staub. Das Schicksal von Bannwart ist besiegelt, der Überfall ein Reinfall. Um 22.35 Uhr meldet Frau Bannwart ihren Mann als vermisst. Mit dem Nash fliehen die Gangster aus der Innenstadt, fahren über Schlieren nach Bremgarten weiter ins Reppischtal. Statt Drahtfesseln trägt Bannwart jetzt an Händen und Füssen Ketten und zusätzlich eine Augenbinde. An einem abgelegenen Ort hält der Wagen. Man müsse das Auto tauschen, erzählen die Verbrecher. Der Bankier muss mit verbundenen Augen aussteigen. Als er sich bückt, schlägt ihn Deubelbeiss mit der Maschinenpistole auf den Hinterkopf. Das Opfer geht zu Boden, richtet sich auf und erhält einen weiteren Schlag. Schürmann drückt ab, doch der Schuss geht wegen einer Ladehemmung nicht los.

In diesem Moment sprintet der frühere Leichtathlet mit verbundenen Augen los. Er hat das Klicken der Waffe gehört und weiss, dass er um sein Leben rennt. Die Entführer holen ihn ein, Bannwart fleht sie an und bietet Geld. Die beiden Schwerverbrecher gehen zum Schein auf das Angebot ein und drücken ein mit Äther getränktes Tuch auf die Nase ihres Opfers. Sie tragen Bannwart ins Auto und glauben, er sei betäubt. Doch dieser bewegt das Bein. Schürmann schäumt vor Wut und schiesst ihm ins Genick. Als Bannwart am Boden liegt, feuert er ein weiteres Mal. Mit der Leiche im Wagen fahren Deubelbeiss und Schürmann mit hoher Geschwindigkeit über Birmensdorf nach Uitikon. In der Nähe des Restaurants Sternen entdecken sie ein geeignetes Versteck. Doch zuvor nimmt Deubelbeiss dem Toten noch das Portemonnaie mit 215 Franken Bargeld ab. Sie legen die Leiche unter das hintere Sitzpolster, lösen die Handbremse und lassen den Nash ein paar Meter in ein Wäldchen rollen. Das Wageninnere übergiessen sie mit Benzin, zünden es aber nicht an. Nach Hause gehen sie zu Fuss, jeder mit einem leeren Kanister in der Hand. In dieser Nacht ist auch Kantonspolizist Fritschi unterwegs wegen eines Dachbrandes in Uitikon. Als er um 1.20 Uhr zu seinem Posten in Birmensdorf fährt, fällt ihm der Wagen auf. Kurz darauf stösst er auf den Ermordeten.

Auch der zweite Coup misslingt

Die Tat erschüttert die Schweiz und sorgt für Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Nach dem missglückten Raub brechen Schürmann und Deubelbeiss in der Nacht auf den 25. Januar 1952 in die Post im aargauischen Reinach ein. Obwohl sie alles perfekt vorbereitet hatten, misslingt auch dieser Raubzug, weil ein Bewohner des Postgebäudes verdächtige Geräusche hört und die Polizei alarmiert. Nach einer wilden Schiesserei, bei der die beiden Gangster 108-mal feuern, verunfallen sie auf der eisigen Strasse und müssen auf ihrer Flucht ihre Einbruchswerkzeuge zurücklassen. Ein Stück Schaumgummi bringt die Polizei auf die richtige Spur. Am 11. Februar 1952 verhaftet sie die beiden Schwerverbrecher. Der «Tages-Anzeiger» berichtet gross darüber und schreibt, der «schmächtige, bleichgesichtige Schürmann» sehe aus «wie ein nichtsnutziger Tanzbodenschwengel», und Deubelbeiss sei «ein verstockter, grobschlächtiger Geselle».

Das Obergericht verurteilt Schürmann und Deubelbeiss zu lebenslänglichen Zuchthausstrafen. Schürmann wird 1970 entlassen, Deubelbeiss 1978. Deubelbeiss lebt danach als Ernst Schmid in Oerlikon. Im Jahr 1992 wird er wegen Körperverletzung angezeigt. Das Verfahren gegen den damals 71-Jährigen wird später sistiert. Weder die Polizei noch die Untersuchungsbehörden erkennen die wahre Identität des Beschuldigten. Er stirbt am 7.Januar 2005, 84-jährig. Seine Asche wird in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Schürmann stirbt ein Jahr später. In Zürich erinnert der Räuberweg in Höngg an die beiden Gangster. Bei diesem Strässchen hatten sie einst ein Waffenlager angelegt, vergraben im Boden in einem Ölfass.

Quellen: Willi Wottreng: «Deubelbeiss & Co.». Viktor Zwicky und Walter Kunz: «Was sind das für Menschen?».

Schürmann schäumt vor Wut und schiesst dem Bankier ins Genick.

Polizeifotos nach der Verhaftung am 13. November 1952: Kurt Schürmann . . .

. . . und Ernst Deubelbeiss. Fotos: PD

(Erstellt: 06.12.2011, 06:26 Uhr)

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