«Ich war 15 Jahre in freiwilliger Gefangenschaft»

Ueli Graf, Direktor des Gefängnisses Pöschwies in Regensdorf ZH, tritt ab. Heute sieht er die Häftlinge skeptischer als beim Amtsantritt.

«Das Leben hinter Gittern macht krank»: Ueli Graf in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies. (Bild: Nicola Pitaro, Tages-Anzeiger)

«Das Leben hinter Gittern macht krank»: Ueli Graf in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies. (Bild: Nicola Pitaro, Tages-Anzeiger) Bild: Keystone

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Ende Dezember müssen Sie die Vollzugsanstalt Pöschwies altershalber verlassen. Wie gross ist die Angst vor der Freiheit?
Ich werde in der Tat zwangsweise aus diesem Areal verbannt. Emotional fehlt mir die Zeit, mich mit dem Ruhestand zu befassen. Aber ich habe vorsichtshalber ein paar Vorbereitungen getroffen, damit ich dann nicht nur zu Hause herumhocke. Ich bin ein eifriger Hündeler, ich könnte eine Hundeschule eröffnen, die Ausbildung habe ich eben absolviert.

Gibt es wirklich keine anderen Pläne, als Hunde zu disziplinieren?
Doch, doch. Ich werde mich in einem landesweiten Projekt mit der Frage befassen, welche Perspektiven es für ältere Menschen im Strafvollzug gibt.

Sie können einfach nicht loslassen.
Das kann man durchaus so sehen. Aber wissen Sie, ich war 15 Jahre in freiwilliger Gefangenschaft, ich habe das selber so gewollt. Seit Jahren bewege ich mich in einem völlig durchstrukturierten Alltag, lebe mit den Gefangenen und den Mitarbeitenden im Guten wie im Schlechten. Nun möchte ich mein Wissen und meine Erfahrung über die Pensionierung hinaus weitergeben. Noch habe ich einen gewissen Marktwert, in zwei, drei Jahren bin ich dann wirklich weg vom Fenster.

Lässt sich Ihre Situation vergleichen mit jener der Gefangenen, die sich vor der Leere fürchten, wenn sie entlassen werden?
Ein Gefangener hat mir gegenüber einen Riesenvorteil. Das meine ich nicht despektierlich: Seine Entlassung in die Freiheit läuft in Stufen ab – vom geschlossenen Vollzug in den offenen, mit begleitetem Urlaub, mit einer Tätigkeit tagsüber ausserhalb der Gefängnismauern. Doch der pensionierte Direktor steht von einem Tag auf den anderen draussen vor der Tür.

Werden Sie eines Tages zurückkommen – als Besucher?
Nein, auf keinen Fall. Würde ich einen Gefangenen besuchen, wüssten das alle innert einer Viertelstunde. Das wäre eine unglaubliche Bevorzugung eines Einzelnen. Das geht nicht. Ich werde Regensdorf verlassen und mich womöglich im Burgund niederlassen.

Gibt es nach all den Jahren keine persönlichen Bindungen?
Doch. Hier sitzen Häftlinge, die mit mir gekommen sind oder noch länger da sind. Einige sehe ich fast jeden Tag, ich wechsle dann ein paar Worte mit ihnen. Viele wollen mir an meinem letzten Arbeitstag Adieu sagen und im Abschlussgespräch Ermunterungen hören. Sie wollen wissen, wie es mit ihnen weitergeht, sie wünschen mir alles Gute.

Sind Sie so beliebt?
Ich bin nicht beliebt, und ich muss es auch nicht sein.

Aber Sie haben Präferenzen?
Es gibt Gefangene, die mir trotz happiger Delikte sehr sympathisch sind. Namen nenne ich selbstverständlich keine. Gleichwohl werden Gefangene nie zu Kollegen. Als Direktor bin ich der Repräsentant des Systems, das hier herrscht – mit all seinen Auswüchsen.

Als Kopf dieses Systems mussten Sie häufig Kritik einstecken. Von einem Kuscheldirektor ist die Rede.
Oder von einem Weichspüler, einem Gutmenschen.

Ärgern Sie solche Qualifikationen?
Ja. Ich gelte bereits als Gutmensch, wenn ich das vertrete, was der Bund in Strassburg unterschrieben hat: die Menschenwürde der Insassen zu respektieren. Die Stimmung in der Bevölkerung ist oft so, als ob wir noch im Mittelalter lebten. Das ist das Ergebnis eines Prozesses, der 1993 mit dem Mord an der Pfadiführerin Pascale Brumann auf dem Zollikerberg seinen Anfang nahm und seither weiterging, nicht zuletzt wegen emotionalisierter Berichte in den Medien.

Zwei andere Tötungsdelikte haben die Pöschwies in den letzten Jahren in die Schlagzeilen gebracht. 2006 endete ein Streit zwischen zwei Häftlingen tödlich, 2008 betäubte ein Insasse einen jungen Gefangenen, missbrauchte ihn sexuell und brachte ihn um.
Das ist passiert, nachdem der Kanton uns 2004 aus Spargründen gezwungen hatte, Zellen doppelt zu besetzen. Wir mussten damit rechnen, dass das nicht in jedem Fall gut gehen kann.

Der Sexualmord ging Ihnen nahe. Sie mussten eine Auszeit nehmen.
Dass das in meiner Hütte passiert war, konnte ich nicht fassen. Ich sagte mir: Ich werde nie mehr an diesen Ort zurückkommen. Eine dreiwöchige intensive Therapie in einer Klinik half mir jedoch wieder auf die Beine. Ich musste mir die Frage stellen: Wer ist Ueli Graf? Wer ist der Direktor? Braucht es dazwischen eine Schutzwand? Die Antwort: Ist der Direktor angeschossen, darf sich Ueli Graf nicht infrage stellen.

Sie waren nach vier Wochen schon wieder zurück. Ein Wunder?
Ich hätte mich damals, ich war 60, frühzeitig pensionieren lassen können. Doch ich kam zum Schluss: So darf ich mich nicht aus dieser Übung hinausschleichen. Die Aussicht auf einen faszinierenden Job motivierte mich.

Die Anstalt, Ihr Leben?
So würde ich es nicht formulieren. Sicher aber habe ich ein gutes Verhältnis zu Institutionen.

Wie ist es dazu gekommen?
Als Bub musste ich in ein Kinderheim im Prättigau, weil ich mit meinen Mandeln ein Problem hatte und auch sonst etwas schwächlich war. Das war die schönste Zeit meiner Kindheit. Seither stehe ich Institutionen positiv gegenüber: Ich habe in Heimen mit Jugendlichen und Behinderten zusammengearbeitet. Und dann kam die geschlossene Anstalt Pöschwies. Mit einem Bild aus dem Fussball: Das ist die Champions League. Wer will nicht einmal in der Champions League spielen, dazu bei Barcelona?

Sie fühlen sich ausgerechnet in der Welt mit den schärfsten Regeln und härtesten Strukturen wohl?
Ich würde nicht von Wohlfühlen sprechen, das könnte falsch verstanden werden. Ein Gefängnisdirektor sollte immer ein leichtes Unbehagen gegenüber seiner Tätigkeit verspüren. Diese Fähigkeit zur Selbstkritik ist Bedingung, dass ein repressives System wie ein Gefängnis langfristig funktioniert. Ein repressives System, in welchem jeder Häftling TV schauen kann?
Das macht Sinn. Seit es hier TV gibt, also seit 31 Jahren, ist die Zahl der Suizide und Selbstverletzungen stark zurückgegangen; das zeigen unsere Statistiken.

Auch haufenweise Psychopharmaka sollen zur Beruhigung beitragen.
Sicher ist: Der Einsatz von Medikamenten macht krank. Es gibt bei uns heute aber mehr psychisch Auffällige, die eigentlich in eine Klinik gehören und nicht ins Gefängnis. Angenommen, wir würden in Regensdorf 100 Leute einsperren, die nichts verbrochen haben: Mehr als die Hälfte hätte bald massive Probleme – Durchfall, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Angstzustände.

Aber die Häftlinge sind ja aus Eigenverschulden hier.
Das ändert nichts daran, dass das Leben hinter Gittern krank macht.

Ein Leben ohne Sex kann auch krank machen.
Anrufen und eine Frau bestellen – das geht nicht. Wir haben in der Pöschwies eine vergitterte Zweizimmerwohnung, die alle 9 bis 10 Wochen einem Häftling zur Verfügung steht. Dort kann er fünf Stunden lang mit seiner Frau oder Freundin allein sein, völlig unbewacht.

Das ist nicht gerade viel.
Viele Männer wissen sich selber zu helfen. Es kommt zu Sex unter ihnen, etwa beim Duschen. Läuft das einvernehmlich ab, finde ich das gar nicht schlecht.

Ihr Chef, Martin Graf, bezeichnete kürzlich die Spritzenabgabe zwecks Aids-Prävention als «undenkbar».
Das ist ein altes Thema, das immer wieder als neu lanciert wird. Wir haben uns aus Sicherheitsgründen klar gegen die Spritzenabgabe im geschlossenen Vollzug ausgesprochen. Als alternative Präventionsmethode gibt der Anstaltsarzt beim Eintritt den Gefangenen eine kleine Apotheke ab, welche etwa Desinfektionsmittel und Kondome enthält. Intravenöser Konsum ist kaum ein Thema. Auch wegen der rigiden Eingangskontrollen.

Geht Ihnen das Schicksal der Insassen manchmal ans Herz?
Wenn ich gewisse Akten lese, läuft es mir kalt den Rücken herunter. Ich habe jedoch professionell zu bleiben und alle Gefangenen gleichzubehandeln.

Wie gehen Sie etwa mit dem Babyquäler René Osterwalder um?
Ich begegne ihm wie allen anderen Gefangenen. Ich bin ein gläubiger Mensch und habe die Auffassung, dass jeder Gefangene, auch Herr Osterwalder, Respekt und einen fairen Umgang verdient. Wenn ich Verachtung zeigen würde, wäre ich am falschen Platz.

Hat sich Ihr Menschenbild in den letzten 15 Jahren gewandelt?
Ich gehöre zur 68er-Generation. Anfangs war ich überzeugt, dass ich mit Engagement und Fachwissen aus Straftätern gute Menschen machen könnte. Doch mittlerweile musste ich feststellen: Vieles ist und bleibt verkachelt.

Wie haben Sie all die Jahre die enorme Belastung ausgehalten?
Es gibt nur eine Strategie: verdrängen. Ehemalige Arbeitskollegen von mir sagen, sie hätten sich am ersten Morgen nach ihrer Pensionierung völlig befreit gefühlt. Ob ich das auch so erleben werde, kann ich Ihnen im Januar sagen.

Wird Ihnen Ihr Hund helfen, loszulassen?
Ja, ich kann ihm alles erzählen. Er spitzt die Ohren, hört zu und schweigt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.12.2012, 10:45 Uhr)

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Ueli Graf

Der 64-Jährige hat am 31. Dezember seinen letzten Arbeitstag in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf. Mit 426 Plätzen für straffällige Männer ist sie die grösste geschlossene Anstalt der Schweiz. 300 Angestellte teilen sich rund 2500 Stellenprozent. Seit Grafs Amtsantritt 1997 war das Gefängnis stets voll belegt – es gibt lange Wartelisten. Graf ist verheiratet, Vater dreier Kinder und erklärter FCZ-Fan. Seine Wohnung direkt neben dem Gefängnisareal gibt er auf; er verlässt Regensdorf. Sein Nachfolger ist Andreas Naegeli (49). Der gelernte Agronom leitet derzeit die Strafanstalt Wauwilermoos im luzernischen Egolzwil. (sth/sit)

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