Zürich
30 Prozent der Strafgefangenen sind Muslime
Von Daniel Suter. Aktualisiert am 11.12.2008 1 Kommentar
Muslime in Zürich sind häufiger arbeitslos als andere Bevölkerungsgruppen.
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Vor zwei Jahren hat der Kantonsrat vom Regierungsrat einen umfassenden Bericht zur Situation der muslimischen Bevölkerung verlangt. Der Regierungsrat beauftragte damit das Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich. Seit gestern Mittwoch liegt die Studie vor: 210 Seiten, die in eine Reihe kleinerer Empfehlungen münden, die keinen Kurswechsel verlangen.
Sind der Staat Zürich und seine Muslime also auf dem richtigen Weg? «Ja», sagte Markus Notter, Direktor der Justiz und des Inneren, an einer Medienkonferenz. «Es gibt nicht die grösseren Probleme, die man vermuten könnte.» Die muslimische Bevölkerung werde nicht benachteiligt – das war für Notter das wichtigste Ergebnis der Untersuchung, die nun dem Kantonsrat vorgelegt wird.
Zu wenig statistisches Material
Weil Muslime so unauffällig unter und mit uns leben, gibt es nur unzulängliche statistische Daten über sie. Die letzte Volkszählung kam im Jahr 2000 auf 66'520 Muslime 5,3 Prozent der Kantonsbevölkerung. 14,3 Prozent der Muslime hatten die Schweizer Staatsbürgerschaft.
Seither sind acht Jahre vergangen. Darum haben die Forscher in 29 Gemeinden die Entwicklung der muslimischen Bevölkerungszahl untersucht. Sie kamen auf eine Quote von 7,9 Prozent Muslime für das Jahr 2007. Dieses Resultat sei für den ganzen Kanton repräsentativ. Da Ende 2007 die Bevölkerung 1,3 Millionen erreichte, lebten somit rund 102'000 Muslime im Kanton Zürich. Heute sind es noch etwas mehr, wobei sich der Zuwachs in den letzten Jahren abgeflacht hat. Auch wurden seit dem Jahr 2000 viele integrierte Muslime eingebürgert.
Die grosse Mehrheit der Muslime sind Einwanderer; vier Fünftel hatten bei der Volkszählung 2000 die Niederlassung C oder die Jahresaufenthalterbewilligung B. Ihre Herkunft gibt die Studie unpräzise an: 56 Prozent stammten aus dem «Balkan», wozu die bosniakischen Slawen genauso gehören wie die Albaner aus Kosovo, Mazedonien und Albanien. 19 Prozent waren türkische Muslime.
Der Grossteil kam als Arbeitsmigranten in die Schweiz – darum sind die Muslime von allen Religionsgruppen die jüngsten Jungen: Knapp 80 Prozent sind jünger als 40 Jahre, knapp 40 Prozent sind unter 20 Jahre alt. Viele von ihnen sind ungelernte Arbeitskräfte (11,3 Prozent). Weil es Leute ohne Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt immer schwerer haben, ist bei den Muslimen auch die Quote der Erwerbslosen höher (8,3 Prozent). Mit der Religion hat das allerdings nichts zu tun.
Ein Drittel der Strafgefangenen
Apropos Religion: Muslime pflegen ihre Religion weniger intensiv, als viele Nichtmuslime denken. Ein Drittel gibt an, ausserhalb des Gottesdienstes nie zu beten (bei den Christen sind es gut ein Viertel). Auf der anderen Seite sagen 27,5 Prozent der Muslime, sie beteten täglich – bei den Christen sind es 32,7 Prozent.
Die Studie untersuchte vier Bereiche genauer: Schule, Gesundheitspflege, Sozialhilfe und Strafvollzug. Knapp 10 Prozent der Zürcher Schülerschaft sind muslimisch – rund 15'000 Kinder und Jugendliche. Davon leben zwischen 1500 und 2000 streng religiös. «Im Bildungsbereich drängen sich keine grundsätzlich neuen Vorkehrungen zur Ausgestaltung der Berührungspunkte von Schule und religiöser Praxis auf», resümiert die Studie. Die «lösungsorientierte Herangehensweise bei Problemen» weise auf eine «positive Zusammenarbeit aller Beteiligten» hin.
Auch im Gesundheitswesen gebe es kaum Probleme; muslimische Patienten seien zufrieden mit der medizinischen Behandlung, die sie bekommen. Bei der Sozialhilfe fehlen die Daten für fundierte Aussagen, weil die Fürsorgebehörden nicht nach der Religion fragen.
Dafür weiss der Strafvollzug genauer über seine Klienten Bescheid. Von den 461 Insassen der Strafanstalt Pöschwies waren ein Drittel Muslime – diese Quote entspricht dem schweizerischen Durchschnitt. Muslimische Insassen sind deutlich jünger als andere; neun Zehntel sind Ausländer. Die Taten, die sie hinter Gitter gebracht haben, sind zu 45 Prozent Drogendelikte (bei Nichtmuslimen 39 Prozent), 28 Prozent Vermögensdelikte (Nichtmuslime 30 Prozent), 24 Prozent Gewaltdelikte (Nichtmuslime 22 Prozent) und 24 Prozent Tötungdelikte (Nichtmuslime 31 Prozent). Im Gefängnis hatten Muslime häufiger Anpassungsschwierigkeiten; 24 Prozent von ihnen hatten mindestens eine gewalttätige Auseinandersetzung (Nichtmuslime 16 Prozent).
Schweizer Muslime brauchen Gräber
Die Hauptprobleme für Muslime im Kanton Zürich liegen ausserhalb der vier genauer untersuchten Themenkreise. Die Studie geht nur am Rande darauf ein: In vielen Gemeinden fehlen auf den Friedhöfen Grabfelder für ihre muslimischen Einwohner. Wenn ein Familienmitglied stirbt, wird der Leichnam heute noch in neun von zehn Fällen teuer in das Herkunftsland zurückgebracht. Doch für immer mehr Muslime ist die Schweiz das Herkunftsland. Davon zeugen auch die Gräber auf dem muslimischen Friedhof in Zürich-Witikon. Bis Ende 2007 wurden dort 53 Tote bestattet – 23 waren Kinder.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.12.2008, 09:42 Uhr
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