Zürich
Betagte als Opfer: «Die Scham überwiegt bei Misshandlungen»
Interview: Lorenz Schmid. Aktualisiert am 26.02.2009
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Die Misshandlung im Pflegeheim Entlisberg wird als Einzelfall dargestellt. Wie kann man das angesichts einer hohen Dunkelziffer mit Gewissheit sagen?
Die Literatur ist sich einig, dass der grösste Anteil an Misshandlungen von alten Menschen im Privathaushalt vorkommt. Dies deckt sich auch mit meiner Erfahrung, die ich in den 25 Jahren als Stadtarzt gesammelt habe. Misshandlungen in Institutionen sind allerdings oft spektakuläre Einzelfälle, die entsprechend wahrgenommen werden.
Welches waren die letzten bekannten Fälle?
Ein Beispiel aus der Schweiz ist der Fall des Pflegers im Betagtenzentrum Eichhof in Luzern von 2001. Dieser ist allerdings speziell, da es dabei zur Tötung von Patienten kam. Was jedoch täglich vorkommt, ist die Gewalt von Betagten gegen das Pflegepersonal. Alle paar Jahre werden Fälle gemeldet, in denen daraufhin eine Pflegeperson zurückschlug.
Mit dem Filmen der Taten erreichten die Misshandlungen ebenfalls eine neue Dimension. Was bringt Menschen dazu, dies zu tun?
Ich verstehe nicht, wie man so etwas machen und dann noch filmen kann. Ich kann mir einzig vorstellen, dass dies eine Art einer neuen Kultur ist. Junge Menschen wachsen mit den Möglichkeiten der elektronischen Geräte auf. Jede Generation macht ihren Blödsinn: Meine Kinder spielten mit Knallkörpern, heute ist das Handy das Mittel.
Misshandlungen können viele verschiedene Formen haben. Wieso werden sie dennoch nur selten wahrgenommen?
Finden Misshandlungen im privaten Umfeld statt, überwiegt bei den Tätern sehr oft die Scham davor, die Misshandlung einzugestehen. Es ist vergleichbar mit dem Tabu, welches lange Zeit bei Kindsmisshandlungen vorhanden war. Dieses wurde erst durchbrochen, als sich Opfer nach vielen Jahren öffneten und ihren Fall publik machten. Bei der Misshandlung von Betagten ist dies jedoch unwahrscheinlich. Andererseits ist oft auch auf der Opferseite eine grosse Hemmung vorhanden. Ich kenne Fälle, in denen Söhne ihre Mütter würgten. Die Opfer wollten die Täter aber nicht anzeigen, da dies einem Eingeständnis des eigenen Versagens gleichgekommen wäre. Denn als Mutter gaben sie dem Sohn ihr halbes Erbgut und waren zudem für die Erziehung verantwortlich.
Bei Misshandlungen in Heimen und Kliniken fehlen die familiären Beziehungen, die Scham der Opfer kann dennoch eine Meldung verhindern. Welche Anzeichen können Angehörige auf Misshandlungen hinweisen?
Die Opfer können beispielsweise Verhaltensänderungen zeigen. Unerklärbare Verletzungen oder Änderungen in der medikamentösen Behandlung, beispielsweise durch die Verabreichung von Beruhigungsmitteln, sind ebenfalls starke Anzeichen.
Stellt sich der Verdacht einer Misshandlung, wie sollen Angehörige vorgehen?
Als Sofortmassnahme ist eine Spitaleinweisung eine sehr gute Massnahme. Dadurch schafft man Distanz und hat die Möglichkeit, Untersuchungen vorzunehmen sowie in Ruhe eine Lösung zu finden.
Eine solche Lösung muss nicht zwingend auf eine Anzeige hinauslaufen?
Nein, die Patienten bestimmen dabei den Weg. Wichtig ist jedoch die Einsicht, dass eine Misshandlung kein einmaliges Ereignis ist. Das heisst, dass es nach einer ruhigen Phase wieder zu Rückfällen und damit zu erneuten Misshandlungen kommen kann. Hier greift dann der individuelle Sicherheitsplan, den man erarbeitet. Mit diesem geht es in erster Linie darum, die häufig herrschende Isolation zu durchbrechen. Dies kann beispielsweise durch Besuche der Spitex geschehen.
Was kann getan werden, damit es gar nicht erst zu Misshandlungen kommt?
Misshandlungen sind ein Zeichen der Überlastung. Also sollte diese gar nicht erst entstehen können. Dies bedingt ein Klima des Verständnisses, damit jemand zu sagen wagt «ich mag nicht mehr». Ein solches Eingeständnis darf nicht weiter als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden. Im Gegenteil: Es ist als Stärke zu werten, wenn jemand die Fähigkeit zur Selbstreflexion hat und sein Bedürfnis artikuliert. In Institutionen sollten Angestellte dann die Möglichkeit beispielsweise eines Abteilungswechsels haben. Im privaten Kontext sollten frühzeitig die bestehenden Entlastungsangebote genutzt werden. Hier kommen wiederum die Spitex oder auch Tagesheime zum Tragen. Verbringt eine betagte Person zum Beispiel eine oder zwei Nächte pro Woche im Heim, entlastet dies die Angehörigen massiv. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.02.2009, 15:45 Uhr
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