«Das Gymnasium ist nicht für gute Schüler gedacht, sondern für sehr gute»
Interview: Felix Schindler. Aktualisiert am 08.06.2009
Das Drama ist viel grösser, wenn ein Kind erst nach der Probezeit rausfällt: Andrea Aebi, Präsidentin der Elternkonferenz der Stadt Zürich.
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Elternkonferenz der Stadt Zürich
Die Elternkonferenz ist die Vereinigung aller Elternräte, Elternforen und Elternvereine in der Stadt Zürich. Rund 70 Prozent der 106 Schuleinheiten der Volksschule in der Stadt haben bis jetzt schon eine Elternmitwirkung eingerichtet, im Schuljahr 2009/10 werden es dann alle sein. Die Elternkonferenz ist – derzeit noch - eine Sektion der kantonalen VEZ, der Vereinigung der Elternorganisationen im Kanton Zürich, der auch Elternvereine einiger Gymnasien im Kanton Zürich angehören.
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6000 Kinder haben sich im Kanton Zürich monatelang auf die Gymiprüfung für die Lang- und Kurzgymnasien vorbereitet, 2800 sind jetzt durchgefallen. Mit wie vielen menschlichen Dramen waren Sie in den letzten Tagen konfrontiert?
Andrea Aebi: Mit einigen. Aber fast jedes dieser Dramen wäre viel grösser, wenn diese Kinder erst nach der Probezeit rausgefallen wären. Die Aufnahmeprüfung ist die kleinste Hürde auf dem Weg zur Matura. Wenn ein Schüler diese Prüfung nicht besteht, ist es wahrscheinlich, dass das Gymnasium nicht das Richtige für ihn ist.
Viele Kinder sind durchgefallen, weil der Schnitt künstlich gesenkt wurde.
Man hat laut den Artikeln im Tages-Anzeiger von letzter Woche aufgrund der gestiegenen Anmeldungen und anhaltend hohen Vornoten beispielsweise beim Aufsatz den Schnitt um ein paar Zehntelsnoten gesenkt. Das ist eine minimale Korrektur. Die Prüfungen wurden schon bisher sehr streng bewertet, nur war das der Allgemeinheit nie bewusst. Die Anmeldungen zur Gymiprüfung nehmen zu, die Prüflinge bringen nach der 6. Klasse einen sehr hohen Notendurchschnitt mit. Die Gymnasien platzen schon jetzt aus allen Nähten. Es ist nur logisch, dass die Aufnahmebedingungen angepasst werden müssen.
Also ging es einfach um Quoten, nicht um das, was für die Kinder das Richtige ist.
Das Gymnasium ist nicht für gute Schüler gedacht, sondern für sehr gute. Wenn man noch mehr Schüler im Gymnasium zulassen würde, würden viele gute Sekschüler zu schlechten Gymnasiasten. So sinkt das Niveau nicht nur im Gymnasium, sondern auch in der Sek A und den Berufsschulen, weil dort dann die guten Schüler fehlen.
Das heisst: Je mehr Schüler antreten, desto mehr sollen durchfallen. Das wird in den Ohren vieler Eltern, die Sie vertreten, falsch klingen.
Die Kinder werden nicht klüger, nur weil sich mehr Schüler für die Gymiprüfung anmelden. Für die vielen bildungsnahen ausländischen Elternteile ist unser Schulsystem schwer zu verstehen, bessere Information tut hier Not. Vor allem wenn es wirtschaftlich schlechter geht, haben viele Eltern in gewissen Kreisen Angst und sagen: Entweder geht mein Kind ins Langgymnasium oder in eine Privatschule. Das ist völliger Unsinn. Die Sekundarschulen sind einerseits sehr gut und viel besser als ihr Ruf. Und andererseits bieten sie sowohl nach der 2. als auch nach der 3. Sek unendliche Möglichkeiten für den Zugang zu den Hochschulen: Mit den Kurzgymnasien und Fachmittelschulen, sowie mit den Berufsmittelschulen mit Berufsmatura.
Die Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Was ist falsch daran?
Das Beste für das Kind ist nicht immer dasselbe wie das, was die Eltern wollen. Nicht jedes Kind ist so begabt und reif, wie wir es gerne hätten. Das Beste ist aus meiner Sicht, wenn ein Kind ein gutes Selbstvertrauen entwickelt und sich nach seinem Tempo und seinen Neigungen entwickeln kann.
Sie sind selbst Mutter zweier Kinder. Gehen sie ins Gymnasium?
Ja, das tun sie. Der ältere ist vom Typ her eindeutig ein Gymischüler. Nicht zuletzt, weil ihm das selbständige Arbeiten leicht fällt. Das ist im Gymi neben der Intelligenz sehr wichtig. Der Jüngere wäre beinahe durch die Probezeit im Langgymnasium gerasselt. Aber das wäre kein Weltuntergang gewesen, zumindest aus schulischer Sicht. Sozial wohl eher, da es nicht sehr lustig ist, mitten im Schuljahr in eine bestehende Klasse zu kommen.
Haben sie kein Verständnis für eine Mutter, die ihrer Tochter lieber ein Hochschulstudium statt einer Lehre als Kosmetikerin wünscht?
Natürlich. Aber viel wichtiger ist doch, was dieses Mädchen wirklich selber will. Vielleicht geht ihr während der Lehre der Knopf auf, sie besucht die Berufsmittelschule und wird Architektin. Oder sie wird als Make-Up-Artistin erfolgreich und geht nach Paris. Warum nicht? Das ist der Vorteil an unserem dualen Bildungssystem. Es bietet viele Wege, um sich auf ein erfolgreiches Berufsleben vorzubereiten.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.06.2009, 15:12 Uhr


































