Zürich

«Für mehr Freiraum brauchts mehr Dichte»

Von Thomas Wyss und Benno Gasser. Aktualisiert am 24.06.2009

Die Architekten Mike Guyer und Roman Züst setzen mit dem geplanten Wohnturm beim Löwenbräu-Areal einen Markstein. Ginge es nach ihnen, sollte in Zürich dichter gebaut werden.

1/28 loewenbraeu.jpg
Auf dem Zürcher Löwenbräu-Areal realisiert die private Eigentümerin PSP Swiss Property von 2009 bis 2013 eine Überbauung für Dienstleistungen, Wohnungen und kulturelle Nutzungen. Zwei Hochhäuser führen die mit den Silos vorgezeichnete Baudimension fort.
PD

   

Mike Guyer (Gigon/Guyer) und Roman Züst (Atelier WW) haben gemeinsam die neue Überbauung des Löwenbräu-Areals an der Limmatstrasse entworfen, deren Wahrzeichen ein sich nach oben hin verbreiternder Wohnturm mit Eigentumswohnungen sein wird. Neben diesem jüngsten Projekt haben die Architekten und ihre Büros in letzter Zeit auch mit zahlreichen anderen Bauten für Aufsehen gesorgt (siehe Kasten).

Herr Guyer, mit dem Prime Tower errichten Sie das höchste Gebäude der Schweiz. Sind Hochhäuser die Königsdisziplin der zeitgenössischen Architektur?
Guyer: Die Höhe eines Gebäudes beschäftigt die Medien deutlich mehr als die Architekten. Für uns es nicht so wichtig, dass es sich um das höchste Haus der Schweiz handelt. Vielmehr gilt es einen Turm zu entwerfen, der die Silhouette der Stadt bereichert, dem Quartier neue Impulse verleiht.

Sie haben sich damit viel Verantwortung aufgeladen. Findet der Tower keine Akzeptanz, hätte die Abstimmung «40 Meter sind genug», mit der die Maximalhöhe gesetzlich geregelt werden soll, bessere Chancen.
Guyer: Das ist richtig, wir müssen diese Abstimmung ernst nehmen, gerade weil sie bislang in den Medien kaum gross thematisiert wurde. Die zukünftige Stadtentwicklung darf nicht durch solche Gesetze eingeschränkt werden.

Weshalb gibt es in Zürich diese Skepsis gegenüber hohen Gebäuden?
Guyer: Gegenüber markanten Veränderungen - es betrifft nicht nur Hochhäuser - gibt es immer eine Skepsis. Man weiss, was man verlieren kann, und misstraut dem Neuen, weil man es nicht kennt. Unser seit Jahren steigender Raumbedarf zwingt uns jedoch, unsere bestehenden Lebensräume zu verändern und zu verdichten. Zu viel Veränderung macht die Leute heimatlos, und sie reagieren darauf ablehnend.
Züst: Richtig ist, dass wir vor vier bis fünf Dekaden noch 20 Quadratmeter Wohnfläche pro Person beanspruchten, heute liegt dieser Wert bei 44 Quadratmetern. Und das hat natürlich auch Folgen auf die Bautätigkeit.

Wie erklären Sie diese Zunahme?
Züst: Das könnte ein Soziologe wohl präziser erklären. Generell ist es aber so, dass der Raum ein Abbild der Gesellschaft ist. Mit dem Wechsel vom Mehrgenerationen- zum Singlehaushalt und der Verlagerung des Öffentlichen in den privaten Raum geht ein grosser Flächenkonsum einher.
Guyer: Als Architekten leben wir in einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten von einem starken Wachstumsglauben geprägt ist. Die Fläche für das Arbeiten wird optimiert, dagegen wird für das Wohnen und die Freizeit wegen der starken Individualisierung mehr Fläche benötigt.
Züst: In der IT-Branche wurde in den vergangenen 20 Jahren der Bedarf an Fläche pro Arbeitsplatz im Extremfall von 21 auf 7 Quadratmeter gesenkt.
Guyer: Ja, der Bedarf an mehr Fläche entsteht klar im individuellen Privatbereich und nimmt beim Arbeiten ab.
Züst: Es geht dabei auch um die Dichte. In Neu-Oerlikon beispielsweise ist die Dichte sicher zu gering. Die Freiräume und Verkehrsflächen sind zu gross. Für mehr Freiräume braucht es aber auch mehr Dichte. Ende des 19. Jahrhunderts war die Dichte höher. Es gab mehr Personen pro Quadratmeter - wie auch kompaktere Bautypologien. Da gab es im Parterre eine Bäckerei oder Schuhmacherei. Diese Erdgeschossflächen müsste man heute für gewerbliche Nutzungen subventionieren oder eben nachhaltiger, dichter bauen.

Ist der Wohnturm eine geeignete Massnahme, um zu verdichten?
Guyer: Nein, in die Höhe zu bauen, ist nicht an allen Orten angebracht, häufig sind andere Bebauungstypologien richtiger. Der Wohn- und der Büroturm im Löwenbräu erlauben, dass die bestehenden Gebäude, die jetzt von der Kunst gebraucht werden, sowie die öffentlichen Platzräume erhalten werden können. Es entsteht dadurch ein deutlicher Mehrwert für die Stadt und das Quartier, der die Hochhäuser rechtfertigt.

Kommen wir nochmals zu den diffusen Ängsten der Bevölkerung vor einer Zubetonierung der Stadt. Wie sollte man auf solche Ängste reagieren?
Guyer: Wichtig ist die transparente Kommunikation. Wenn man die Bevölkerung von Anfang an über die Schritte eines Projekts aktiv informiert, hilft dies, Ängste abzubauen.
Züst: Bei der projektierten Umgestaltung des Löwenbräu-Areals spürten wir bisher keine Opposition aus der Bevölkerung. Dies hängt neben der Kommunikation bei diesem Projekt auch mit den baulichen Eingriffen zusammen, die sehr präzise vorgenommen werden.

Scheiterte das geplante Zürcher Kongresshaus an der Urne, weil schlecht kommuniziert wurde?
Guyer: Beim Kongresshaus-Projekt von Rafael Moneo war die Bevölkerung innerhalb der politischen Parteien, Interessenverbände und anderen Zusammengehörigkeiten oft nicht nachvollziehbar gespalten. An diesem Ort war die Aufgabe mit den schützenswerten Gebäuden, den unterschiedlichen Eigentumsverhältnissen, dem Verbund von privaten Investoren und der Stadt sowie der hohen Ausnützung zu komplex. Man hat in der Vorbereitung gewisse Probleme nicht eindeutig gelöst und zu viele Anforderungen an die Architektur delegiert, die diese dann nicht einlösen konnte. Das Kongresshaus scheiterte nicht an der Kommunikation, sondern an seiner inhaltlichen Komplexität und Zwiespältigkeit.

War es nicht so, dass Moneo als Stararchitekt gar nicht anders konnte als ein solch überfrachtetes Konzept einzubringen?
Züst: Das mag im Allgemeinen stimmen, aber auf Moneos Kongresshaus-Projekt trifft das kaum zu, weil ihm ja klare Vorgaben und Leitplanken gegeben wurden.

War vielleicht auch die Lage am See, die viele Politiker, Interessenverbände wie auch grosse Teile der Bevölkerung vor Überbauungen schützen möchten, für das Scheitern verantwortlich?
Guyer: Ich glaube, dass Zürich einem guten Projekt am See eine Chance geben würde. Nur ist die Seefront weitgehend bebaut, und etwas Neues würde die Veränderung von Bestehendem nach sich ziehen. Und damit wären wir wieder bei der vorhin erwähnten Skepsis, die in Zürich sehr ausgeprägt ist und allen Grossprojekten einen schweren Stand bereitet. Darum wäre auch die Realisierung des Löwenbräu-Projektes mit dem Nebeneinander von neuen Hochhäusern und erweiterten, aufgestockten Altbauten ein wichtiges Signal.

Bei solch wichtigen Stadtentwicklungsthemen wäre eine Leitfigur mit grossem Renommee ein immenser Vorteil. Früher gab es mit Stadtbaumeistern wie Arnold Bürkli oder Gustav Gull solche Figuren.
Guyer: Ja, wobei ich glaube, dass alles komplexer geworden ist. Den heutigen Stadtbaumeistern jedenfalls wünsche ich die grösstmögliche, positive Wirkungskraft auf die zukünftige Entwicklung unserer Stadt.

Wenn Sie beide in diese Rolle schlüpfen könnten, wie und wo würden Sie die Akzente setzen?
Züst: Die Bau- und Zonenordnung (BZO) abschaffen (lacht). Die Dichte der Stadt Zürich sollte aus nachhaltiger Sicht - ökologisch wie auch ökonomisch und gesellschaftlich - so stark wie möglich erhöht werden. Nur hohe Dichte schafft wieder Nachfrage nach öffentlichen Erdgeschossflächen und produziert urbane, qualitätsvolle Räume.
Guyer: Die BZO finde ich grundsätzlich nicht schlecht. Daneben ist aber eine aktive, dynamische Stadtentwicklungsplanung wichtig, die flexibel agieren kann, zukünftige Potenziale erkennt und kontinuierlich an einer gesamtheitlichen Entwicklungsstrategie arbeitet. Dabei sollen Orte für eine zusätzliche Verdichtung sorgfältig ausgewählt und die Bedingungen für die Bebaubarkeit auf allen Ebenen gut vorbereitet werden. Nur so kann gute Architektur entstehen, die dann in der Wirkung und im Gebrauch erfolgreich ist. Diese städtebaulich und politisch relevante Vorbereitungszeit dauerte beim Prime Tower wie beim Löwenbräu-Areal mehrere Jahre. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2009, 13:23 Uhr

Zürich

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokalverzeichnis

Werbung

Verzeichnis- & Serviceportal

Marktplatz


Abopreise vergleichen

Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.

Fernstudentin an der FFHS

Award für beeindruckende Weiterbildungsbiografie