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Harmos: Auch Zürich wird zugepflastert

Von Patrick Kühnis. Aktualisiert am 05.11.2008

Obwohl sich im Kanton Zürich kaum etwas ändert, fährt die SVP schweres Geschütz gegen Harmos auf. Die Kampagne für ihre Gold-Initiative dagegen schiebt sie ans Gewerbe ab.

Wie hier im Kanton Luzern werden die Anti-Harmos-Plakate auch bald im Kanton Zürich zu sehen sein.

Wie hier im Kanton Luzern werden die Anti-Harmos-Plakate auch bald im Kanton Zürich zu sehen sein.

Wenn eine kleine Hawaiianerin für die SVP weint

Es sind die bekanntesten Tränen der Schweiz. Mit weinenden Buben und Mädchen warb die SVP in Luzern gegen das Konkordat Harmos, mit dem die Kantone ihre Schulsysteme vereinheitlichen wollen. Das Heulen verfehlte seine Wirkung nicht: Das Volk stellte sich überraschend klar gegen die Reform.

Jetzt exportieren die Harmos-Kritiker ihr Erfolgsrezept nach Zürich. Über 1500 mal sollen die Kinder auf Plakatwänden auftauchen. Doch wer ist das Mädchen, das so traurig auf die Passanten blickt? Ist es wirklich ein Kind, das jetzt gegen seinen Willen früher in den Chindsgi muss? Nein, es sei nur ein Kindermodel, sagt Alexander Segert von der Werbefirma «Goal», welche die Kampagne für die SVP kreiert hat. Und er scherzt: «Der Fotograf musste nur einmal Harmos sagen – und das Kind hat losgeheult.»

Recherchen des TA zeigen, dass diese Version wirklich nicht stimmt. Denn das Foto stammt von der US-Fotografin Renee Lee aus Salt Lake City – und das kleine Mädchen laut deren Angaben aus Hawaii. Andere Bilder der Serie zeigen, dass ihm das Lachen nicht vergangen ist. Und es ist unwahrscheinlich, dass das Mädchen wegen des drohenden Chindsgis eine Träne verdrücken musste. Denn zum Zeitpunkt der Aufnahme hatte es das Kindergartenalter offenbar noch gar nicht erreicht: Die Bildagentur hat das Foto in der Kategorie «Kleinkinder 15 bis 18 Monate» abgelegt. (pak)

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Auf dem Tisch stapeln sich die Plakate. Daneben Kisten voll Taschentücher, die auch mit einem weinenden Mädchen für ein Nein zu Harmos werben. An der Versammlung der kantonalen SVP genügt ein Blick auf das aktuelle Werbematerial, um zu wissen, welche der zehn Abstimmungen vom 30. November für die Partei die wichtigste ist.

Die SVP gibt dafür auch deutlich mehr Geld aus als für die Kampagne, mit der sie ihre eigene Gold-Initiative bewirbt. Das bestätigt Nationalrat Alfred Heer. «Weil uns die SVP Schweiz dabei unterstützt, können wir den Abstimmungskampf gegen Harmos grösser fahren.» Wie viel Mittel aus Bern in die Kampagne fliessen, bleibt geheim. Die Mutterpartei hat aber laut Heer ein starkes Interesse daran, dass nach Luzern auch Zürich die Schulreform ablehne – «wegen der Signalwirkung».

Mehr Plakate gedruckt als in Luzern

1550 Plakate gegen Harmos hat die SVP für den Kanton Zürich gedruckt. Das sind mehr, als sie zuvor in der Innerschweiz aufgehängt hat. Den Luzerner Slogan «Schulzwang für Vierjährige?» musste sie jedoch austauschen. Denn Zürich hat mit seinem neuen Volksschulgesetz die wichtigsten Punkte der Schulharmonisierung bereits umgesetzt. Die Kinder gehen jetzt schon zwei Jahre in den Chindsgi. Harmos verschiebt einzig den Stichtag für den Eintritt um drei Monate. Die SVP nimmt darum nun das Konkordat wegen des mangelnden Mitspracherechts ins Visier, wie Parteisekretärin Daniela Vas sagt. «Wir finden, dass die Eltern in schulischen Fragen das letzte Wort haben sollen, damit die Schule nicht zum Spielball von Bürokraten und Theoretikern wird.»

Im Hickhack um Harmos stehen der SVP die Lehrerverbände sowie ein linkes und bürgerliches Komitee gegenüber. Letzterem gehören auch Wirtschafts- und Gewerbekreise an, die klar hinter der Schulreform stehen. «Dem Nein-Lager stehen sicher mehr finanzielle Mittel zur Verfügung», sagt Martin Arnold vom kantonalen Gewerbeverband (KGV). Vor allem seit der potente Dachverband Economiesuisse beschlossen hat, sich nicht in die kantonalen Urnengänge einzumischen.

Kämpfen SVP und Gewerbe bei Harmos gegeneinander, sind sie bei der Gold-Initiative Partner. Und bald schon mehr als das: Nach dem Willen der SVP soll der KGV sogar die Kampagnenführung übernehmen. Das bestätigen sowohl Parteiexponenten wie auch der Gewerbeverband. Die Grünliberalen, die auch dafür sind, dass der Kanton inskünftig mit ausserordentlichen Erträgen seine Schulden tilgt, fänden das zumindest unüblich: «Die SVP hat für die Initiative 8000 Unterschriften gesammelt. Darum sollte sie im Abstimmungskampf auch den Lead übernehmen», sagt GLP-Fraktionschef Thomas Maier. Leider zeichne sich aber ab, dass Harmos das grosse Thema sein werde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2008, 16:55 Uhr

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