Zürich
Mit Männlichkeitsritualen auch in Zürich ein guter Mann werden
Von Erika Burri. Aktualisiert am 12.06.2009 2 Kommentare
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Das männliche Netzwerk
«Boys to Men» ist eine Nonprofit-Organisation, die in San Diego gegründet wurde, um Jungs zwischen 12 und 17 Jahren beim Erwachsenwerden zu begleiten. Jeder Jugendliche, der beim Netzwerk mitmacht, wird von einem Mentor, einem erwachsenen Mann, betreut. Dieser pflegt regelmässig Kontakt mit dem Jungen und begleitet ihn zu den alle zwei Wochen stattfindenden Gruppentreffen.
Die Mentoren müssen sich für mindestens ein Jahr verpflichten und werden vorgängig in Wochenendkursen auf ihre Aufgabe vorbereitet. Männer, die beim Netzwerk mitmachen wollen, müssen einen einwandfreien Leumund vorweisen. Durch die Mentoren erhalten die Jugendlichen laut Organisation Vorbilder und die Gelegenheit, in der Gruppe Integrität, Mitgefühl und Respekt zu lernen und zu erfahren. «Boys to Men» gibt es unter anderem auch in Deutschland und Südafrika.
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Eine Negativmeldung jagt die nächste: Im Winter vor einem Jahr haben jugendliche Fasnächtler in Locarno einen 22-Jährigen totgeprügelt, und eben erst in der Kreuzlinger Bahnhofunterführung schlugen Halbwüchsige vor laufender Überwachungskamera noch weiter auf einen Passanten ein, obwohl dieser schon reglos am Boden lag. Die meisten Kinder und Jugendlichen, die Ritalin nehmen, sind Jungs. Und auch Raser sind alle männlich.
Stefan Hermann, deutscher Ex-Tennis-Profi und Unternehmenscoach, kennt die Probleme aus seiner Heimat Santa Barbara in Kalifornien: Jugendbanden und massenhaft Kinder, die ohne Väter aufwachsen, dafür bis zu 50 Stunden pro Woche vor TV und Computer verbringen. Der 50-Jährige engagiert sich seit Jahren in den USA gegen häusliche Gewalt. Da wurde ihm klar: «Um häusliche Gewalt zu verhindern, aber auch andere typisch männliche Probleme wie Rasen zu bekämpfen, muss man bei den Jugendlichen ansetzen.»
«Den Jungen von heute fehlen die Väter»
Hermann fiel auf, was auch Sozialarbeiter, Lehrer und Psychologen beklagen: Die enorme Energie, das «teenage fire», die männliche Teenager entwickeln, haben in der Gesellschaft von heute keinen Platz. Mit der Folge, dass sie sich zu oft in zerstörerische Energie umwandelt. «Den Jungen von heute fehlen die Väter», sagt er, die positiven männlichen Vorbilder, die ihnen zeigen, wie sie ihr Leben gestalten können und wie sie die Energie für etwas Positives einsetzen.
Stefan Hermann kam in Kontakt mit einer «Boys to Men»-Gruppe. Das Modell des Netzwerks überzeugte ihn, und er gründete vor vier Jahren in seiner Heimatstadt eine eigene Gruppe. Auch hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Interessenten auf der ganzen Welt bei der Gründung von «Boys to Men» zu unterstützen. Diese Woche weilte der Deutsche in Zürich und stellte vor einem kleinen Kreis Interessierter das Projekt vor.
Erwachsene als Vorbilder
Das Netzwerk ist nicht religiös motiviert, hat aber trotzdem eine Mission: nämlich aus den Jungs verantwortungsvolle, selbstbewusste Männer zu machen. Dies will «Boys to Men» erreichen, indem erwachsene Männer den Jugendlichen als Vorbilder dienen und ihnen helfen, die Höhen und Tiefen des «Mannwerdens» zu überstehen.
In Amerika werden die Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren von Partnerorganisationen wie der Bewährungshilfe, Kirchenvereinen oder Frauenorganisationen angemeldet. Es sind Jugendliche, die auffallen, Buben, die bei allein erziehenden Müttern aufwachsen und sich nichts sagen lassen, oder Jungs, die «schon ziemlich viel Mist gebaut haben», so Hermann.
Bevor ein Jugendlicher aufgenommen wird, führen Männer von «Boys to Men» ein Interview mit ihm. Hermann: «Wir wollen herausfinden, ob ein Junge wirklich bereit ist, an sich zu arbeiten.» Denn die Treffen, die im Schnitt jede zweite Woche stattfinden, sollen zwar Spass machen. Erwachsene und Jugendliche essen zusammen und spielen. «Doch es wird auch geredet.» Zum Beispiel darüber, wie ein Junge mit Fehlern umgehen soll oder wie sie über Enttäuschungen hinwegkommen.
Ein Abenteuerweekend zum Start
Der Start jeder neuen «Boys to Men»- Gruppe ist ein gemeinsames Abenteuerwochenende. Die Jugendlichen tauschen ihre Kleider gegen einheitliche Trainingsanzüge. «Das Wochenende steht symbolisch für den Beginn der turbulenten Reise vom Jungen zum Mann», sagt Hermann, es sei eine Art Initiation.
Er nennt die Jugendlichen «Journeyman», was auf Deutsch Geselle heisst. Denn die Jungs seien keine Buben mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Mit alten Männlichkeitsritualen werden die Jugendlichen ermutigt, ihrem Ich auf den Grund zu gehen und sich auf die «Reise zum Mann» einzulassen.
«Initiationsrituale sind mit der Industrialisierung verloren gegangen», sagt Hermann. Früher hätten die Männer die Jungs «aus den Armen der Mütter genommen» und ins Mannsein eingeführt, steht auf der amerikanischen Website der Organisation. Der Film «Journeyman», der während zweier Jahre zwei Jugendliche von «Boys to Men» Minnesota begleitet, gibt Einblick in die Rituale: Die Jungs spielen im Schlamm, bemalen sich mit Körperfarbe und stemmen das Schwert in die Luft, während sie ein Versprechen an sich selber ablegen. Einigen kommen dabei die Tränen.
Was bedeutet es ein Mann zu sein?
In Zürich kann eine «Boys to Men»- Gruppe erst starten, wenn 40 Männer als Mentoren mitmachen wollen. Etwa 40 Männer braucht es, um eine Gruppe von 20 Jugendlichen optimal zu betreuen. «Es ist viel einfacher, Jungs zu finden, die mitmachen wollen, als Männer», weiss Hermann. «Boys to Men» brauche keine perfekten Männer, sondern solche, die sich «mit den harten Fragen des Mannseins auseinandersetzen wollen». Also mit der Frage, was es für sie bedeutet, ein Mann zu sein. Er spüre bei den Männern eine tiefe Verunsicherung diesbezüglich. Und nicht selten treffe er Männer, die sich vor Jugendlichen fürchten.
Im Tessin hat letzte Woche eine erste Gruppe Männer ein Mentorentraining absolviert. Aufgrund des Vorfalls an der Fasnacht vor einem Jahr hat sich ein Regierungsrat persönlich dafür eingesetzt, dass «Boys to Men» Tessin als erste Sektion in der Schweiz gegründet wird.
Beat Fritsche von der Jugendanwaltschaft Winterthur begrüsst das Prinzip von «Boys to Men», auch wenn ihm die Initiationsrituale etwas «amerikanisch vorkommen». In der Schweiz hätten zudem die Lehrmeister schon heute eine Art Mentorenfunktion, die für die Gesellschaft sehr wichtig sei. «Oft schaffen es Lehrmeister, delinquente Jugendliche wieder auf den richtigen Weg zu bringen».
Wer Interesse hat, als Mentor bei «Boys to Men» Zürich mitzumachen, meldet sich per Mail an: stefan@boystomenccc.org
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.06.2009, 10:08 Uhr
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2 Kommentare
Boys to Men ist ein ermutigendes Projekt, insbesondere weil man sich konsequent auf das Problem-Geschlecht in unserer Gesellschaft fokussiert. Wirklich Breitenwirkung kann so was aber erst haben, wenn man auch im Bundeshaus sich ganz klar zum Männer-Problem bekennt und Geld für flächendeckende Nacherziehung der Problem-Männer bereitstellt. Antworten
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