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Nachhilfe für die naiven Freier vom Sihlquai

Thomas Seeholzer ist seit zehn Jahren als Sozialarbeiter im Rotlichtmilieu tätig. Dort berät er Freier, verteilt Kondome – und hört sich die immer gleichen Ausreden an.

«Weisst du, was Syphilis ist?»: Sozialarbeiter Thomas Seeholzer spricht nachts auf dem Sihlquai die Freier an.

«Weisst du, was Syphilis ist?»: Sozialarbeiter Thomas Seeholzer spricht nachts auf dem Sihlquai die Freier an.
Bild: Tom Kawara

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Da rollen Autos vorbei, darin wippen Duftbäumchen, und die Mundwinkel der Fahrer zeigen abwärts. Da gehen Frauen auf Stöckelschuhen, die Kleider zittern im Wind. Da stehen zwei Männer und reden, der eine ist ein Freier im ärmellosen Leibchen, der andere heisst Thomas Seeholzer, Sozialarbeiter im Poloshirt der Aidshilfe. Ein klassischer Dialog am Sihlquai:

– Weisst du, was Syphilis ist? – Klar, bin denk ein Vollprofi. – Du nimmst immer ein Kondom? – Sogar wenn sie mir eins blasen. – Super. – Weisch, ich kenn mich aus. War in Afrika, Asien, Südamerika. Hatte über tausend Frauen. – Schön. Noch einen guten Abend. – Dir auch. Tschüss.

Seeholzer gibt ihm ein Präservativ und wendet sich dem Nächsten zu. Der Freier schlurft davon in seinen Schuhen mit Klettverschluss. Nach einer Viertelstunde biegt er wieder um die Ecke und geht mit einem Lächeln an Seeholzer vorbei. Kommt nach zehn Minuten erneut und lässt sich doch einen Syphilis-Flyer in die Tüte stecken. Er geht immer wieder vorbei – wie die Figur einer Kuckucksuhr, die stündlich aus dem Gehäuse tanzt.

Der Strassenstrich ist eine Endlosschlaufe. Viele Freier sind ewig auf der Pirsch. Viele Frauen stehen ewig da, ohne Kunden, ohne Deutschkenntnisse. Die meisten stammen aus Ungarn, sagt Seeholzer, eine Folge des Schengener Abkommens. Wenn eine Frau ihren Preis aushandelt, tippt sie eine Zahl ins Handy.

Zwei von Drei lenken ein

Steigt sie zum Freier in den Wagen, lässt ihn Seeholzer unbehelligt; er will das Geschäft nicht verderben. Biegt ein Mann aber ohne Begleitung auf den Sihlquai, tritt Seeholzer an den Wagen, bückt sich, lächelt ins Innere. Zwei von dreien kurbeln das Fenster herunter und lassen sich ein Kondom geben, vielleicht auch ein Faltblatt, das über «Don Juan» informiert. So heisst das Freierprojekt der Zürcher Aidshilfe, für das der Psychologe mit Abschluss in Sozialarbeit seit zehn Jahren nachtaktiv ist.

Er und zwei Kollegen sind jeweils von zehn bis halb eins unterwegs, mal am Sihlquai, mal auf der Langstrasse. Kommt Seeholzer mit den Leuten ins Gespräch, schockiert ihn oft die Naivität der Freier: Das Mädchen sieht doch gesund aus, sagen sie. Oder sie fragen: Müssen die Frauen nicht regelmässig zum Gesundheitscheck?

Wenn Seeholzer leere Hände hat, geht er zum Bus der Aidshilfe, der am Ende des Strichs steht. Dort steht ein Koffer voller Kondome. Auf der Ladefläche steht ein Bildschirm, über den ein Präventionsvideo flimmert: Eine Frau hält eine Kondompackung, gross wie eine Pizzaschachtel. Sie pult ein Riesenkondom raus, stülpt es über einen Riesenphallus und lächelt dabei, als würde sie für Zahnpasta werben.

«Ich suche nur einen Parkplatz»

Mit vollen Händen steht Seeholzer vor dem Bus und wartet. Entweder ist viel los oder gar nichts, die Freier tauchen schubweise auf, eine Erklärung dafür hat er nicht. Allgemein lassen sich folgende Faktoren ausmachen: Nach dem Zahltag kommen viele, bei Fussballspielen wenige, im Sommer mehr als im Winter, bei Regen weniger als bei Trockenheit. Die Ausreden sind immer dieselben: «Ich suche einen Parkplatz», «ich wohne hier», «ich hole jemanden ab», «ich suche eine Seitenstrasse», «mir gefällts hier einfach», «ich spaziere nur». Seeholzer geht absichtlich in die Knie, wenn er mit den Autofahrern spricht. Wenn er etwas gesagt hat, lässt er den Mund offen, weil es dann weniger wahrscheinlich sei, dass der Freier das Gespräch abbreche.

Die Krise beeinflusse den Strich kaum, sagt Seeholzer, es kämen so viele vorbei wie zuvor. Männer zwischen 17 und 70, viele mit Aargauer oder Schwyzer Kennzeichen – und auf Hochglanz polierten Autos. Ein Mercedes lässt das Fenster runter, ein Junge beugt sich heraus, Gel im Haar:

– Was gibts denn da? – Kondome und Informationen. – Cool. Her damit. – Wie viel braucht ihr? – Drei, mindestens.

Sie nehmen die Präservative, lachen und fahren weg. Seeholzer nennt das ein Erfolgserlebnis und macht drei Striche für die Statistik. Sie spielt aber nur eine Nebenrolle, wichtig sind Seeholzer die vielen Gespräche, die er schon geführt hat. Die Konkurrenz auf dem Strich sei härter geworden, sagt er. Ein Teil der Szene hat sich an den Stadtrand verlagert – in Sexclubs, wo Sozialbehörden ungern gesehen werden.

«Erzähl mal»

An der Langstrasse ist die Arbeit am schwierigsten: Nach 23 Uhr geht er selten in Bars, die meisten Gäste sind dann bereits blau und können nichts mehr anfangen mit Flugblättern und Kondomen. Einmal sprach er einen Mann auf der Langstrasse an. Der ging wortlos weiter. Nach zehn Minuten kam er zurück und sagte: «Erzähl mal.» Seeholzer legte los, dann machte er auf seinem Zettel wieder einen Strich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2009, 23:16 Uhr

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