Zürich
Nie mehr «Zürich by Mike»
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 10.03.2009 144 Kommentare
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Wenn er auf die Redaktion kam, um seinen neuesten Comicstrip abzuliefern, hatte er immer ein wenig Zeit, um zu diskutieren oder auch nur zu plaudern. Worum auch immer es ging, Mike Van Audenhove zeichnete sich durch eine sympathisch zurückhaltende, nie voyeuristische Neugier aus. Er lachte viel, wohl wissend, dass das Komische ohne tragische Note nicht auskommt.
Ein fast intuitives Verständnis hatte er für das, was manch anderen ganz unverständlich oder schlicht «jenseits» schien. Wenn er die Redaktionsräume wieder verliess, um neue Eindrücke in der Limmatstadt zu sammeln, blieb stets eine seltsame Leere zurück. Dies mag an dem Charme und der Offenheit gelegen haben, die seine Art zu reden und zu beobachten prägten – und die auch seine Kunst bestimmten.
Subtile Striche und Stiche
Der 1957 in den USA als Sohn belgischer Immigranten geborene Mike Van Audenhove hatte einen unvergleichlichen Blick für die Eigenheiten der Zürcher Bevölkerung. Sei es im Tram, auf der Strasse oder im Einkaufszentrum – er schaute stets mit dem Auge eines interessierten Ethnologen auf das mitunter eigenartige Verhalten der Einheimischen. Und genau dies machte seine Arbeiten, die wöchentlich im «züritipp» des «Tages-Anzeiger» und danach in Buchform erschienen, zu unentbehrlichen Begleitern zahlreicher Zürcher. Sie liessen sich die liebevollen Comics mitsamt ihrer sanften Kritik gerne gefallen: als Spiegel, in dem sie sich mit all ihren Schwächen leicht wiedererkannten.
Mike Van Audenhove griff bei seinen Comics nie zum Zweihänder, strapazierte nie eine Bildmetapher bis zum bitteren Ende. Vielmehr wies er mit leiser Ironie auf die Beschränktheit nicht nur unseres Alltags, sondern unseres Lebensstils überhaupt hin. Da er zeigen und nicht belehren wollte, waren seine kritischen Stiche genauso subtil wie seine Zeichenstriche.
Mike Van Audenhove war ein geduldiger Mensch
Mike Van Audenhove war ein genauer Beobachter – und ein geduldiger Mensch. Bis er sich als Comiczeichner bewähren konnte, musste er einen langen Weg zurücklegen. Er, der im Alter von zehn Jahren in die Schweiz gekommen war und das Institut Montana der Hochschule Zugerberg besucht hatte, arbeitete in verschiedenen Ländern und verschiedenen Berufen – etwa als Bäcker, Dachdecker, Chauffeur. Diese Wanderjahre, die ihn Mitte der 70er-Jahre auch wieder in die USA führten, wo seine ersten Cartoons ausgestellt wurden, legten den Grundstein seiner künstlerischen Laufbahn.
Mike Van Audenhove, der Schweizer Dialekt mit amerikanischem Akzent sprach, schaute den Leuten genau aufs Maul, und er spitzte die Situationen auf die Pointe zu, der sie im täglichen Leben meist entrinnen. Die Figuren, die er zeichnete, waren etwas schlaksig und unförmig, und ganz so gingen sie auch mit Problemen um – oder sie mit ihnen! Ins Bild hob er selten den Geschäftsmann, häufiger den Kollegen von nebenan, dem die Katze abhanden gekommen ist, oder die Kollegin, die unverhofft Besuch bekommt. Der Erfolg seiner Comics gründet auch darin, dass Van Audenhove die seltene Gabe besass, in der Banalität die Skurrilität zu erkennen – und daraus Funken der Situationskomik zu schlagen.
Umzug ins Tessin
Vor acht Jahren zog Mike Van Audenhove mit seiner Partnerin, der Künstlerin Iris Pfister, die seine Comics kolorierte, vom aargauischen Rudolfstetten ins Tessin. Im Zentrum von Cavigliano am Eingang des Centovalli bezogen sie ein altes Haus, das sie sanft renovierten. «So organisch, wie meine Comics entstehen, so ging auch der Umbau vonstatten», sagte er.
Alle zwei Wochen fuhr er in die Stadt, um seine Arbeiten beim «züritipp», für den er seit über zwölf Jahren zeichnete, abzugeben, bei seinem Verlag Edition Moderne reinzuschauen und Freunde zu besuchen. Und natürlich schlenderte er durch die Strassen Zürichs auf der Suche nach neuen Bildern – und Dialogen. «Ich beobachte gerne und schnappe meine Ideen überall auf, wo ich mich gerade aufhalte: vor dem Fernseher, beim Flanieren, auf Besuch, im Tram, beim Zahnarzt. Das sind Alltagssituationen, in denen sich die meisten wiedererkennen», erzählte Mike Van Audenhove.
Letzte Woche noch ging er durch unsere Redaktionsräume, um dem «züritipp» einen Comic zu bringen. Er war wie immer gut gelaunt, und wie bei der ersten Begegnung war sein herzhaftes Lachen ansteckend. Nichts deutete auf Schlimmes hin. Am Sonntagmorgen jedoch starb Mike Van Audenhove an Herzversagen. Zunächst war von einem Hirnschlag die Rede gewesen. Mit diesem plötzlichen Tod verliert die Schweiz einen grossen Comic-Künstler, und diejenigen, die ihn persönlich gekannt haben, zudem einen grosszügigen und grossartigen Menschen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.03.2009, 15:39 Uhr
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144 Kommentare
Mein herzliches Beileid an die Angehörigen - das ist einfach unfassbar! Ich bin wie alle die hier geschrieben haben ein totaler Mike-Fan. Keiner hat Zürich & Suburbs so gut portraitieren können wie Mike. Der Humor, die Zeichnungen, Ausdrücke/Gesichter der Personen... fantastisch. R.I.P Mike und vielen Dank für Deine wundervollen Werke. Antworten
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