Straftäter büffeln hinter Gittern für die Matura
Von Claudia Imfeld. Aktualisiert am 09.04.2009 11 Kommentare
Strafanstalt Pöschwies in Regensdorf: Hinter diesen Mauern lernen Häftlinge für die Matura. (Bild: David Baer)
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In der Strafanstalt Pöschwies haben ein paar Häftlinge Grosses vor: Sie wollen die Matura absolvieren. Dazu verbringen sie viel Zeit über Schulbüchern – genau wie die Häftlilnge in der argentinischen Provinz Buenos Aires, wo die nationale Hochschule eine Filiale eingerichtet hat und neu ein Soziologiestudium anbietet («Tages-Anzeiger» vom 8. April). Wer sich im Gefängnis weiterbilde, sei weniger gefährdet, in Freiheit wieder kriminell zu werden, sagen die Verantwortlichen.
In der Regensdorfer Strafanstalt hat die Universität Zürich zwar keine Filiale, dennoch ist Aus- und Weiterbildung ein Thema, wie Bruno Altorfer sagt. Laut dem Leiter des Bereichs Schule und Freizeit bereiten sich derzeit fünf Häftlinge im Fernstudium auf die Matura vor. Sie erhalten dazu Lernhefte des Bildungsinstituts Akad.
Nicht in Polizeibegleitung an Prüfung
Als Grund für die Weiterbildung gäben die Häftlinge an, im Gefängnis Zeit dafür zu haben und etwas Sinnvolles machen zu wollen. Sie bezahlen einen Teil der von der Akad reduzierten Kurskosten selbst, die katholische Kirche beteiligt sich daran. Wie hoch die Erfolgsquote bei den Kandidaten ist, welche die Matura nachholen wollen, weiss allerdings Altorfer nicht. Denn das Fernstudium hat für die Häftlinge einen Haken: die Prüfung, die ausserhalb des Gefängnisses stattfindet. Altorfer: «Wir können einen Häftling unmöglich in Polizeibegleitung an einen Prüfungstermin gehen lassen.»
Eine solche Ausbildung empfiehlt Altorfer deshalb vor allem jenen Straftätern, die mit einer Versetzung vom geschlossenen Vollzug im Pöschwies in einen offenen Vollzug rechnen können. In der Pöschwies seien vorübergehend schon Häftlinge untergebracht gewesen, die ein Uni-Fernstudium absolvierten. Das Studium sei in der Pöschwies allerdings nur unter erschwerten Bedingungen möglich, weil die Gefangenen das Internet nur eingeschränkt nutzen dürfen.
Eine Universitätsfiliale wie in Argentinien macht laut Altorfer in Regensdorf keinen Sinn, weil ein Grossteil der Inhaftierten nur schlecht Deutsch sprechen. Das gleiche Problem stellt bei den Sprach-, Informatik- und Buchhaltungskurse, die in der Strafanstalt ebenfalls im Angebot sind. Die Zahl der Interessenten ist auch beschränkt dadurch, dass an allen Bildungsangeboten nur teilnehmen kann, wer kein Sicherheitsrisiko darstellt.
Lehrlinge zwischen 20 und 55 Jahre alt
Den Schwerpunkt liegt in der Pöschwies nicht bei der rein schulischen Ausbildung, sondern bei Berufs- und Anlehren. In Betrieben innerhalb der Strafanstalt können sich die Insassen unter anderem zum Bäcker, Automechaniker, Gärtner oder Maler ausbilden lassen. Die derzeit 15 Lehrlinge und Anlehrlinge sind zwischen 20 und 55 Jahren alt, wie Altorfer sagt.
Letztes Jahr hätten vier die Lehrabschlussprüfung bestanden. Das Gefängnis hat eine eigene Gewerbeschule. Das sich eine Ausbildung lohnt, zeigen Beispiele von ausländischen Ex-Häftlingen, die – zurück in der Heimat – im erlernten Beruf ein Geschäft aufbauten. Altorfer ist sicher, dass jede Aus- oder Weiterbildung etwas bringt – «und sei es nur eine Struktur, an die man sich über längere Zeit hält». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.04.2009, 11:49 Uhr
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11 Kommentare
eigentlich finde ich das Angebot gut und kann die Argumente gut vestehen... es bleibt mir aber der bittere Nachgeschmack dass einmal mehr der ehrliche Bürger der sich selber um seine "Sozialisierung" und (Weiter-)Bildung kümmert der "Dubel" ist... Kirchensteuer: da die Kirche nur noch soziale Aufgaben übernimmt soll sie abgeschaft und dafür eine Sozialsteuer erhoben werden. (auch für die ausgetre Antworten
Als qualifizierter Erwerbsloser wurde mir seinerzeit keine Weiterbildung bezahlt, weil laut KIGA-Chef, Qualifizierte keine Gratis-Weiterbildung bekommen dürfen. Das Steueramt wollte auch nicht warten, bis ich wieder verdiente. Deshalb kein Geld, keine Weiterbildung und das Ende einer 20jährigen Berufskarriere. Ich hätte wohl in den Knast gehen sollen, vielleicht wegen Beamtenbedrohung! Antworten
Die Projektverantwortlichen gehen von der Hypothese aus, durch Arbeit an der Intelligenz Krimineller, deren Rückfälligkeit zu mindern. Sie nehmen damit stillschweigend die Möglichkeit in Kauf, mittels Erwerbs an Fachkompetenzen auch systematischere kriminelle Handlungen zu begehen. - Viele westliche Länder betreiben einen grossen Aufwand, um Baupläne von Atombomben von Terroristen fernzuhalten. Antworten
Jeder der Die Matur aus eigenem Sack bezahlt, wenn man etwa die Matur im zweiten Bildungsweg bei der Akad und co nachholt, ist eigendlich ziemlich angeschmiert. Diese Leute haben easy Zeit zu lernen und müssen für ihren Unterhalt noch nicht einmal selber aufkommen. Essen und Schlafen ist im Gefängnis ja gratis.. Antworten
Einmal mehr ein Exempel wie aus unseren Strafanstalten wahre Hotels oder eben Bildungsanstalten werden. Dass ein Teil der Kirchensteuer an inhaftierte Verbrecher zwecks Weiterbildung fliesst, überrascht mich nicht nur, sondern macht mich höchstnachdenklich, ob ich diesen sogenannten Glaubensapparat weiterhin unterstützen möchte. Mögen die unbelehrbaren Moralapostel wieder mal von schlechter Kindheit reden oder Verbrechen sonst schön reden. Letztendlich verantwortet sein Leben jeder selbst. Aber soll man man wirklich allen eine zweite Chance geben? Antworten
Fantastische Idee! Das repressive archaische Bestrafen funktioniert in vielen Fällen nicht ausreichend und solche Schritte helfen für die Wiedereingliederung, was die Rückfälligkeit deutlich reduziert. Der Häftling profitiert und die Gesellschaft indirekt auch. Eine gute Mischung zwischen linker "gspürsch-mi-fühlsch-mi" und rechter "auch die kleinste Tat hart bestrafen" ist doch immer am besten :) Antworten



Toni Müller
Bildung im Gefägnis, das ist wohl die wirkungsvollste Resozialisierung. Alle anderen (die da Draussen) haben zahlreiche andere Möglichkeiten, Ausbildungsgelder zu bekommen, wenn die eigenen finanziellen Mittel nicht ausreichen. So gibt es in der CH hunderte von Stiftungen, die an finanziell schwache Personen Ausbildungsgelder verteilen. Neid gegenüber Häftlingen ist da völlig fehl am Platz. Antworten