«Turnverein-Demokratie»: Gemeindeversammlungen sollen weg

Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 29.07.2009 21 Kommentare

In den Zürcher Gemeinden entscheidet meist nur eine Handvoll Bürger über das Schicksal des Dorfes. Hat die Gemeindeversammlung ausgedient?

Durchschnittliche Stimmbeteiligung an Gemeindeversammlungen.

Durchschnittliche Stimmbeteiligung an Gemeindeversammlungen.

Umfrage

Sollen Gemeindeversammlungen abgeschafft werden?

Ja

 
43.4%

Nein

 
56.6%

1342 Stimmen


Artikel zum Thema

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Hans Jucker, dem Haudegen aus der Sportredaktion des Schweizer Fernsehens, hat es vor den Sommerferien «den Deckel gelupft». In einem Leserbrief im Säuliämtler Lokalblatt beschreibt der langjährige Gemeinderat von Affoltern am Albis (ehemals FDP, heute parteilos), die Institution Gemeindeversammlung als «Farce» und «Manipulierveranstaltung». Seit die neue Verfassung in Kraft sei, könnten die Unterlegenen an einer Gemeindeversammlung zwar eine nachträgliche Urnenabstimmung erzwingen. Doch das ist für Jucker ein Grund mehr, über die Gemeindeversammlungen zu wettern. Es sei lächerlich, einen ganzen Abend zu diskutieren, wenn am Schluss der Entscheid nicht gültig sei. «Das ist für mich ein verlorener Abend», sagt der Kommunalpolitiker.

Grund für Juckers Verärgerung sind zwei Versammlungen in Hausen und in Ottenbach. In beiden Fällen hat die Minderheit (mindestens ein Drittel der Anwesenden) eine Urnenabstimmung verlangt. In Hausen wurde das Nein der Gemeindeversammlung zu einem neuen Sportplatz an der Urne bestätigt, in Ottenbach das Ja zu einem privaten Gestaltungsplan für ein Alters- und Pflegeheim in ein Nein umgedreht. «Da bleibt man am besten zu Hause», bekräftigt Jucker auf Anfrage seine Kritik. Er empfindet es auch als Zumutung, wenn ein halbes Prozent der Stimmberechtigten über die Rechnung oder das Budget seiner über 10'000 Einwohner zählende Gemeinde Affoltern entscheidet.

Dreher spricht von «Staatskrise»

Support erhält Jucker von unerwarteter Seite. Ex-Nationalrat Michael E. Dreher, immerhin in der Parteileitung der kantonalen SVP, bläst ins gleiche Horn. Er bezeichnet die Gemeindeversammlungen als reine «Turnverein-Demokratie». Seine negative Erfahrung mit der Urform der direkten Demokratie liegt schon bald fünf Jahre zurück. Damals entschieden sich die Küsnachter mit knapper Mehrheit für Tempo 30. Dreher, dem Begründer der Auto-Partei, passte das natürlich überhaupt nicht. Doch der Entscheid der Gemeindeversammlung war endgültig, da damals in Küsnacht noch keine Möglichkeit bestand, in der Versammlung eine Urnenabstimmung zu verlangen.

Dreher wurde damals aktiv und begann in wichtigen Agglomerationsgemeinden Daten von Gemeindeversammlungen zu sammeln. Jetzt liegt seine Erhebung vor, und sie zeigt deutlich: Die Gemeindeversammlungen werden praktisch nie von mehr als 10 Prozent der Stimmberechtigten besucht. Im Schnitt kommen jeweils rund 3 Prozent (siehe Grafik). In Affoltern am Albis waren es nicht einmal 2 Prozent, was etwas mehr als 100 Personen entspricht. Gemäss Drehers Aufstellung waren beispielsweise im Juni 2008 nur gerade 39 Affoltermer Stimmberechtigte anwesend. «Da muss man von einer eigentlichen Staatskrise in den Gemeinden sprechen», findet Dreher.

«Gemeindeversammlung abschaffen»

Für Jucker gibt es nur einen Ausweg: «Gemeindeversammlung abschaffen und eine bessere Alternative suchen.» Beispielsweise ein Parlament oder die Fusion von kleinen Gemeinden. «Ich werde im Säuliamt aktiv werden.» Michael E. Dreher schwebt eine andere Lösung vor. Er wäre zufrieden, wenn jeder Beschluss einer Gemeindeversammlung innert 20 Tagen mit den Unterschriften von nur 4 Prozent der Stimmberechtigten der Urnenabstimmung unterstellt werden könnte. Und wichtig für ihn: Die neue Regelung müsste auch für den Steuerfuss gelten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2009, 22:32 Uhr

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

21 Kommentare

Rolf Schumacher

29.07.2009, 09:00 Uhr
Melden

Eine direkte Demokratie darf nicht auf so tönernen Füssen stehen! Die Gemeindeversammlung war früher Ort des Infromationsaustausches, heute gibt es andere Kanäle. Zudem ist es unangenehm öffentlich wählen zu mussen (Massenterror) Die Bürger haben volle Terminkalender und wollen in Ruhe zu Hause wählen können. Man sollte die Brief-Wahl ermöglichen, wie das kantonal und national auch gemacht wird. Antworten


Martin Hermann

29.07.2009, 08:52 Uhr
Melden

Meiner Meinung nach bietet die Gem.V. eine schlanke und unmittelbare Möglichkeit der politischen Partizipation. Nicht an einer Gem.V. teilzunehmen, ist auch ein Entscheid, der zu respektieren ist. Nur dürfen diese Personen im Nachhinein nicht jammern. Und, es stimmt tatsächlich, es braucht etwas Courage, offen seine Meinung zu vertreten. Die Kompetenzen der Gem.V. sind vielleicht zu prüfen. Antworten



Zürich

Meistgelesen in der Rubrik Zürich

Lokalverzeichnis

Werbung

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?



AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Dachdecker gelernt Bellini Personal AG, ZH

Dachdecker/-in Bellini Personal AG, ZH

Strategischer Einkäufer - Lead Buyer (m/w) yellowshark, Bern

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Telefonbuch

Marktplatz

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz