Eine Autistin öffnet sich: «Ich fühlte mich als Schwächling und minderwertig»
Von Martin Gmür. Aktualisiert am 14.04.2009 5 Kommentare
Sandra Schneebeli im Areal der Kantonsschule Freudenberg/Enge. (Bild: Sabina Bobst)
Sandras Maturarbeit hat grosse Folgen
Das Verständnis für ihre Schwierigkeiten mit dem Aspergersyndom sei grösser geworden, seit sie ihre Maturarbeit geschrieben habe, sagt Sandra Schneebeli. «Das war auch das Ziel meiner Arbeit.» Manchen Leuten in ihrem Umfeld sei erst jetzt bewusst geworden, warum sie anders sei und dass sie das Alleinsein nicht suche – im Gegenteil. Das Verständnis der anderen hilft auch ihr selber: «Wenn ich etwas Seltsames sage, fühle ich mich sicherer, denn ich weiss: Ich darf so sein, wie ich bin.»
Sandras Geschichtslehrerin, die ihre Arbeit an der Kanti Freudenberg betreute, hält diese für «aussergewöhnlich» angesichts ihres Alters und wünschte sich, «dass eine solche Information schon früher stattgefunden hätte».
Nicht nur die Maturarbeit hat Sandra geholfen und ihr Selbstbewusstsein gestärkt, sondern auch die Therapie, die sie seit 2007 macht. In eigentlichen Trainingseinheiten hat sie dort beispielsweise die Grundzüge des Smalltalk gebüffelt, hat Gestik, Mimik, Körperhaltungen lesen und deuten gelernt. Ihre Sprache hat sich dadurch verändert. Das Monotone, das viele Asperger-Betroffene auszeichnet, ist praktisch nicht wahrnehmbar. Wenn sie über den schulischen Alltag plaudert, tönt sie fast wie jede andere 18-jährige Gymnasiastin. Auch das Gespräch mit dem Journalisten nimmt sie cool: «Hier geht es ja um Sachliches, um konkrete Fragen.» (mgm)
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Mit fünf besuchte sie den Sprachheilkindergarten, mit sieben fragten sich Verwandte, ob sie die Primarschule schaffen würde. Nun steht Sandra Schneebeli vor der Maturität an der Kantonsschule Freudenberg. Und ihre Maturarbeit «Mein Leben mit dem Aspergersyndrom» ist nominiert für den kantonalen Wettbewerb um die 50 besten des Jahres. In dem 100-seitigen Büchlein beschreibt Sandra viele Aspekte ihres Autismus – sachlich, persönlich und bedeutsam. So bedeutsam, dass ihre Therapiestelle an der Uni Zürich daraus einen Ratgeber für Betroffene und deren Umfeld machen will.
Sandras Reaktionen sind in manchen Situationen völlig unpassend. An einer Geburtstagsparty stellen sich die Anwesenden vor und erzählen, wo sie zur Schule gehen. «Und was machst du, Sandy?», wird sie gefragt. «Mit dem Kerzenwachs spielen», sagt sie – die Runde ist reichlich verwirrt. Doch für Sandra ist die Antwort logisch, denn sie knetete gerade Wachs. Sie nimmt auch vieles wörtlich, was als Scherz gedacht ist: wie damals, als sie ihre Schlüssel an der Migros-Kasse liegen liess. Sie dreht sich um, geht zurück zur Kassierin. «Das kostet zehn Franken», sagt diese. Sandra will die Note zücken, die Kollegin hält sie zurück: «Das war nur ein Witz.»
Ironie, Zweideutigkeiten und Sarkasmus soll man meiden im Kontakt mit Personen, die vom Aspergersyndrom betroffen sind, rät Sandra in ihren Verhaltenstipps. «Klare Anweisungen und Strukturen vermitteln» helfe Betroffenen mehr.
Das gilt für alle Kontaktformen. Soziale Regeln zu begreifen, ist für Sandra ein hartes Stück Arbeit: Eine Schulkollegin hat Geburtstag, alle umarmen sie. Sandra ist verunsichert und gibt ihr als Einzige die Hand. «Solche und ähnliche Situationen erlebe ich immer wieder: Wie man wo wann wen grüsst – das muss ich lernen wie die Vokabeln einer Fremdsprache.»
Abstrakte Begriffe verstand sie nicht
Schon der Spracherwerb war für Sandra schwierig und entsprechend verzögert. «Ich konnte die Sprache nur in Bildern lernen», beschreibt sie ihre Kindheitserinnerungen und die ersten Schulerfahrungen. «Abstrakte Begriffe wie ‹übermorgen› oder ‹glücklich›, die ich nicht mit einem Bild in Zusammenhang bringen konnte, verstand ich nicht.» Sie realisierte damals noch nicht, wie anders sie war. Während Gleichaltrige herumtobten, hatte sie am liebsten ihre Ruhe und ihre Pixi-Büchlein im Laufgitter. Freunde fehlten ihr nicht, sie hatte ihre Plüschtiere als Ersatz und ihre ältere Schwester, die mit ihr spielte.
Trotz der Bedenken von Verwandten lernte sie in der Schule schnell und problemlos lesen und rechnen. Doch während sich andere Mädchen an Ponys und Barbie freuten, referierte Sandra über Münzen und Mythologie und machte sich als Drittklässlerin Gedanken über Naturschutz und Entwicklungsländer. Sie las keine Freundschaftsromane, sondern Sachbücher, Lexika und Comics: «Die Mischung von Bild und Gesprächen erleichtert es mir heute noch, die Handlung schneller zu erkennen.» Im Zeichnen konnte sie ihre Bilderwelt schon schon früh und gekonnt ausdrücken. Ihre Maturarbeit hat sie illustriert mit Comics zum jeweiligen Thema.
«Die Schule gab mir Halt und Sicherheit», erinnert sich die 18-Jährige. Doch in den Pausen und im Alltag zeigten sich die Schwierigkeiten: Zug fahren, Kindergeburtstage, sich im Dorf orientieren – lauter Probleme. «Ich wusste nicht, was abmachen bedeutet, wie man Kinder einlädt oder was man zusammen reden könnte.» Mathematikaufgaben zu lösen fiel ihr leichter. Die Folgen waren absehbar: Rückzug, Abstand, ungewolltes Alleinsein.
«Was ist los mit Sandy?», fragte selbst die Grossmutter und riet der Mutter, für mehr Kontakt mit Kolleginnen zu sorgen. Auch ihre Logopädin an der Primarschule erkannte ihre eigentlichen Kommunikationsprobleme nicht. Doch ihre Mutter erklärte ihr, dass sie im Gespräch nicht immer verstanden werde. Und drei beste Freundinnen hielten zu ihr, wechselten mit ihr auch ans Gymnasium Freudenberg.
Das Problem mit Jungs und Shoppen
Dass sie den Sprung ans Gymi schaffen würde, bezweifelte selbst ihr enges Umfeld. Eine befreundete Mutter sagte zu ihrer Tochter: «Wenn Sandy die Prüfung besteht, wirst du es problemlos schaffen.»
Das erste Jahr am Gymnasium genoss sie: «Ich brauchte keine mühevollen Gespräche zu führen, liebte das Lernen und fühlte mich umgeben von Gleichgesinnten.» Doch bald wurde sie zur Aussenseiterin. Sie schien die Streberin zu sein, die immer lernte, während die anderen H&M, Ausgehen und Jungs im Kopf hatten. Sie realisierte kaum, was da abging. Am schlimmsten waren leichtfertig hingeworfene Bemerkungen: «Ich hasse den und liebe jenen», «Die Schule ist schrecklich», «Ich habe absolut keine Lust zu lernen». Solche Sätze nahm Sandra wörtlich, konnte ihre effektive Bedeutung im jugendlichen Umfeld nicht einordnen und litt darunter: «Ich fühlte mich unverstanden, als Schwächling und minderwertig.»
Sandra war damals 13 und kam in die Pubertät. Mit 15 bestätigte sich der Verdacht, sie leide am Aspergersyndrom. Nun wusste sie wenigstens, weshalb sie anders war, und schöpfte vorerst wieder etwas Selbstvertrauen. Sie begann, sich intensiv mit dieser Form von Autismus zu beschäftigen und im Tagebuch Alltagssituationen festzuhalten, aus denen sie nun 24 für ihre Maturarbeit ausgewählt hat.
Sandra will gar nicht alleine sein
Um zu erfahren, wie man sie wahrnimmt, wie man ihre Stärken und Schwächen einschätzt, machte sie eine Umfrage unter Lehrern, Mitschülern und Verwandten. Mit erstaunlich unterschiedlichen Ergebnissen. Aufbrausend erleben sie nur die Nächsten: «Nur die Familie sieht meine verzweifelten Momente», erklärt sie. Als sehr intelligent sehen sie die Lehrer und Schüler, aber gar nicht die Verwandten. Freundlich und höflich wirkt sie auf alle. «Und ich sehe jetzt, dass viele glauben, ich wolle stets allein sein», stellt sie fest. «Dabei will ich das absolut nicht.»
«Die hellsten Köpfe Zürichs», Ausstellung der 50 besten Maturarbeiten 2009: ETH-Haupthalle, Rämistr. 101, 6. bis 19. Mai.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.04.2009, 22:50 Uhr
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In jedem von uns steckt ein Asperger und wir sollten ihn viel öfter rauslassen. Viel öfter sollten wir uns Gedanken über unser Universum machen, mit Kindern darüber philosophieren und sie loben wenn sie nichts von H&M, McDonalds und den restlichen Imperialismus halten. Ich wünsche mir mehr Asperger in politische Ämter. Antworten



































