Zürich
Velofahrer mit höheren Bussen einschüchtern
Von Stefan Häne und Claudia Imfeld. Aktualisiert am 06.02.2009 74 Kommentare
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Häufigste Unfallgründe: Vortritt missachten und auf Trottoir fahren
60 Prozent aller Velounfälle in der Stadt Zürich sind von den Velofahrern selbst verursacht worden.
Von Stefan Hohler
Die Zahlen sind alarmierend: 2008 registrierte die Stadtpolizei 284 Unfälle, an denen Velofahrer beteiligt waren – 15 Prozent mehr als der Durchschnitt der beiden Vorjahre. Ein Velofahrer wurde gar getötet. Diese Zahl steht im Widerspruch zu den restlichen Unfallzahlen, die gesamtstädtisch um 2 Prozent abgenommen haben. Von den 284 Unfällen sind 167 von den Radfahrern selbst verursacht worden, also knapp 60 Prozent.
Im Vordergrund stehen dabei die typischen «Zweiradsünden»: Vortritt missachten, Fahren auf dem Trottoir und bei Rot über die Kreuzung. Daneben führen auch häufig Unaufmerksamkeit und Alkohol- oder Drogenkonsum zu Unfällen. Dieser Trend zu gefährlichem Fahren hat gegenüber den beiden Vorjahren sogar um über ein Viertel zugenommen.
Einige Beispiele aus der TA-Berichterstattung im letzten Jahr:
Ein 48-jähriger Velofahrer fuhr auf dem Trottoir der Kronenstrasse im Kreis 6. Dabei prallte er in einen Radfahrer, der von der Glassammelstelle herkam. Dieser erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma.
Ein 30-jähriger Velofahrer missachtete auf der Kreuzung Schaffhauser-/Ohmstrasse in Oerlikon das Rotlicht. Er prallte in ein Auto und verletzte sich an der Schulter.
Eine 32-jährige Velofahrerin fuhr auf dem Trottoir der Forchstrasse. Dabei prallte sie in einen Fussgänger, der aus einem Haus kam. Die Velofahrerin stürzte und erlitt einen Kieferbruch.
Eine 27-jährige Velofahrerin fuhr nachts ohne Licht durch die Bahnhofstrasse. Bei der Kreuzung Börsenstrasse prallte sie in ein Auto und stürzte. Sie verletzte sich an der rechten Hand und den Beinen.
Keine eindeutigen Gründe
Über die Gründe der Unfallzunahme rätseln die Fachleute. Ob vermehrt Velo gefahren wird – und dadurch die Unfallgefahr grösser wird – ist unklar. Gemäss städtischem Tiefbauamt stagniert der Anteil des Veloverkehrs am Gesamtverkehr. Im Jahr 2000 wurden 6,6 Prozent des Wegaufkommens in der Stadt mit dem Velo getätigt, 2005 waren es noch 6,2 Prozent.
Dagegen stieg der Anteil der Velobesitzer in der Stadt Zürich von 60 Prozent im Jahr 2000 auf 68 Prozent 2005. Allerdings ist die Quote der eingelösten Velos mit einer Vignette in derselben Zeitspanne von 85 auf 82 Prozent gesunken. In Winterthur stagniert die Zahl der Unfälle, an denen Fahrräder beteiligt sind: 2008 waren es 128, im Vorjahr 130.
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Der Wunsch von Ruth Genner erfüllt sich nicht. Die grüne Stadträtin hat gehofft, dass die am Donnerstag publizierte Unfallstatistik der Kantonspolizei Zürich keinen Wirbel auslösen wird. «Wir müssen die Daten zuerst analysieren», sagt sie. Die Debatte müsse sachlich erfolgen. Doch nun stehen die Velofahrer in der Kritik. Sie haben 2008 auf Zürcher Stadtgebiet deutlich mehr Unfälle verursacht als noch im Jahr zuvor. Ihre Zahl stieg um ein Viertel auf 167 Personen.
Verkommen Zürichs Strassen zu Rennstrecken für Velorowdys? Dave Durner, Geschäftsführer von Pro Velo Kanton Zürich, ärgert sich über diese Frage. Denn Fachleute können keine Gründe für den Anstieg nennen. «Von Velorowdys zu sprechen, scheint mir deshalb voreilig zu sein.» Durner zieht andere mögliche Begründungen heran: Vielleicht seien mehr Velofahrer unterwegs gewesen, wie im Jahrhundertsommer 2003, als die Zahl der Unfälle ebenfalls gestiegen sei. Möglicherweise habe sich auch das Anzeigeverhalten verändert. Was laut Durner auf jeden Fall zutrifft: Velofahrer verursachen immer noch einen Bruchteil aller Unfälle. «Und dabei gefährden sie sich in erster Linie selbst, ganz im Gegensatz zu unfallverursachenden Autofahrern.»
«Wie im Wilden Westen»
Reto Cavegn, Geschäftsführer der Zürcher Sektion des Touring-Clubs der Schweiz (TCS), sieht sich durch die Statistik in seinem «unguten Gefühl» bestätigt: «Es gibt Velofahrer, die sich wie im Wilden Westen aufführen.» SVP-Gemeinderat Bruno Amacker, Mitglied der Verkehrskommission, spricht von einem fragwürdigen Anspruchsverhalten: «Manch ein Velofahrer glaubt, die Strassen und Trottoirs gehörten ihm allein.» Beide räumen zwar ein, dass die genauen Gründe für die Zunahme der Unfälle noch nicht eruiert seien. Und sie betonen, dass sie «keine Hatz auf die Velofahrer anzetteln wollen» (Cavegn). Trotzdem orten sie Handlungsbedarf: Es brauche mehr Verkehrsunterricht in der Schule, in der Theorie und der Praxis. Zudem soll die Polizei die Kontrollen intensivieren. «Fehlbare Velofahrer müssen wissen, dass sie erwischt werden können», sagt Amacker.
60 Franken sind zu wenig
Der SVP-Gemeinderat schlägt zudem vor, die Strafpraxis bei besonders rücksichtslosen Velofahrern zu verschärfen. Ein Velofahrer, der bei Rot über eine Kreuzung fährt, zahlt heute in der Regel eine Ordnungsbusse von 60 Franken. Für dasselbe Delikt wird ein Autofahrer hingegen wegen grober Verkehrsregelverletzung angeklagt. Hier bestehe ein Missverhältnis, so Amacker.
Markus Hammer* aus Zürich meint, er würde seinen Fahrstil vielleicht überdenken, wenn er dafür regelmässig und hoch gebüsst würde. Der 31-Jährige fährt mit seinem Velo häufig auf dem Trottoir und über Rot. Er gehöre zu den schwächeren Verkehrsteilnehmern und verpeste nicht einmal die Luft. «Da muss mir das Velofahren doch irgendeinen grossen Vorteil bringen.» Und das sei eben, dass man schneller sei. «Halte ich mich hingegen an die Verkehrsregeln, verliere ich diesen Vorteil.»
Den Vorteil Geschwindigkeit spielen auch die Velokuriere in Zürich aus. Doch die steigenden Unfallzahlen gingen nicht auf ihre Kappe, betonen sie. Die beiden Kuriere Flash und Veloblitz reden von einer Handvoll Unfälle pro Jahr, in die neben dem Kurier weitere Verkehrsteilnehmer involviert sind. Und das bei über 50'000 Stunden, welche die Velokuriere Zürichs pro Jahr durch die Stadt flitzen. «Bei diesen wenigen Unfällen sind meist die Autofahrer die Schuldigen», sagt Tina Schulze, Geschäftsführerin beim Velo-blitz. Selbstunfälle kämen häufiger vor, aber deren Zahl sei konstant. «Ein Velokurier weiss am Bürkliplatz genau, wann welches Manöver noch drin liegt, er kennt die Strecke und Ampelabfolgen.» Darum passiere fast nie etwas. Mario Würmli vom Flash-Kurier fügt an: «Wenn man sich als Velokurier gar nicht an die Verkehrsregeln hält, kann man nicht über Jahre unfallfrei fahren.»
* Name von der Redaktion geändert Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich in der Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.02.2009, 22:54 Uhr
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74 Kommentare
Ich bin Autofahrer und ich bin auch Velofahrer. Rot ist für mich immer rot, egal welches Fahrzeug ich benutze. Als Velofahrer ärgere ich mich aber sehr, wenn die Autofahrer mir mein Recht als Velo, eine stehende Kollonne rechts bis zum Lichtsignal zu überholen, durch extremes Rechtsfahren verweigern. Warum reagiert die Polizei nie auf das rücksichtslose Abdrängen und Behindern von Velofahrern? Antworten
Wenn ein grösserer Druck auf die Velofahrer gemacht wird, fordere ich aber auch konsequentes Eingreifen der Polizei bei verstellter Fahrbahn (Velostreifen/-wege) durch Schilder, parkierte Autos/Lastwagen. Zudem sollen dann auch Autofahrer gebüsst werden die rechts keinen Platz für Velos lassen. Ich halte mich an Rotlichter/Regeln, fühle mich aber ständig massiv durch den Autoverkehr bedrängt. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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