Von wegen 13 Wochen frei – Ein Lehrer klärt auf
Von Andreas Eisenring*. Aktualisiert am 24.04.2009 74 Kommentare
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Andreas Eisenring unterrichtet seit 28 Jahren an der Sekundarschule A. Er gehört zu den acht Gossauer Lehrkräften, die sich nicht für die Englisch-Nachqualifikation angemeldet haben.
Seklehrer weigern sich, Englisch zu büffeln
Ihrem Unmut haben Sekundarlehrerinnen und -lehrer aus Gossau anfangs Monat in einem offenen Brief Luft verschafft. Sie kündeten an, dass sie sich nicht für die obligatorische Nachqualifikation in Englisch anmelden werden. Diese war vom Bildungsrat 2008 verfügt worden, da die Primarschüler neu mit Frühenglisch-Kenntnissen in die Sekundarschule kommen und weil darum ein neues Lehrmittel eingeführt wird. Gemäss den Gossauer Lehrern ist die Nachqualifikation für erfahrene und praxiserprobte Sprachliebhaber übertrieben.
Als Vollzeitarbeitende und Väter und Mütter sei es unzumutbar, vier Sommerferienwochen für Sprachkurse in England herzugeben. Sie betrachten dies als «indirekte Lohnkürzung» und bezeichnen es als «Unsitte», die Mehrbelastungen von Bildungsbeschlüssen immer auf die Lehrer abzuwälzen. Die Anforderungen des Bildungsrates an die Englischlehrer bezeichnen sie als «elitär». Fürs Frühfranzösisch hätten die Lehrpersonen auch nicht an die Sorbonne reisen müssen. Andreas Eisenring, einer der unterzeichnenden Lehrer, betont: «Wir wollen nicht auf Konfrontation machen.» Er und seine Kollegen seien bereit, sich in der Freizeit weiterzubilden. Die Kurse müssten aber dem Weiterbildungsbedarf angemessen sein. Die Gossauer fordern vom Bildungsrat, die Englisch-Nachqualifikation zu überdenken und schlanker zu gestalten.
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Ich liege am Swimmingpool, sagen wir in einem Strandhotel auf Kreta. Oder besser: auf einem Liegestuhl vor einem Ferienhäuschen in der Provence. Klingt besser. Riecht ein wenig mehr nach Weiterbildung. Vor allem beim Essen: des nouilles salés (fehlt da nicht noch ein e-féminin? Der Patron müsste dringend wieder mal in die Weiterbildung...) avec un joli verre de Chardonnay à l’éducation. Aber so richtig geniessen darf ich das natürlich nicht – als Lehrer – mit 13 Wochen Ferien. Da wird kritiklose Dankbarkeit erwartet. Begriffe wie Belastung, Ressourcen, Überforderung sind da verdächtig. 13 Wochen Ferien, da muss man sich halt einiges gefallen lassen. Unterrichtsfreie Zeit als Schmerzensgeld sozusagen. Schweigen und Leiden.
Zwar sagen uns viele mit entsetztem Unterton, sie wollten nie und nimmer Lehrer werden und sie beneideten uns nicht. Aber genau das tun sie eben irgendwie doch. Wirtschaftskrise. Entlassene Banker. Neid.
Genau das verhindert letztlich eine fruchtbare Diskussion über die wirklichen Probleme der Schule.
216 Stunden Überzeit im Jahr
Also versuche ich es anders, mit Zahlen: Im Jahr 2000 hat der damalige Bildungsdirektor Ernst Buschor die bis dato umfangreichste Arbeitszeitstudie (292 Seiten) bezüglich Belastung der Lehrkräfte in Auftrag gegeben. Die Resultate, zu denen der renommierte Erziehungswissenschafter Prof. Hermann J. Forneck gelangte, waren nur für Aussenstehende verblüffend: Eine Zürcher Sekundarlehrperson arbeitet im Durchschnitt pro Woche 46,6 Stunden – berechnet auf der Basis von vier Wochen Ferien, wohlverstanden!
Ein kantonaler Beamter hat bei vier Wochen Ferien und abzüglich der Feiertage ein vorgeschriebenes Wochensoll von 42 Stunden. Hoppla: macht für den Sekundarlehrer eine Überzeit von 216 Stunden pro Jahr. Gut, seien wir nicht pedantisch. Ein gestandener Lehrer mit einem mittleren Kaderlohn soll klaglos auch ein bisschen Überzeit leisten. Einverstanden: Schenken wir dem Kanton drei Wochen Überzeit. Und die anderen zwei geben wir dran, um den Interpretationsspielraum abzugelten, den wohl jede Studie in sich trägt.
39 Wochen mit 50 Arbeitsstunden
Unter dem Strich bleibt das Fazit: Sekundarlehrpersonen leisten im Quervergleich sogar einiges mehr als vorgeschrieben. Diese Tatsache endlich anzuerkennen, hat mit Fairness zu tun. 39 Wochen harte Arbeit mit häufig über 50 Wochenstunden, acht bis neun Wochen unterrichtsfreie Zeit und vier bis fünf Wochen Ferien, die diesen Namen auch verdienen – das ist die korrekte Formel.
Man könnte es sogar noch auf die Spitze treiben: Wenn nun ein Englischlehrer vier Wochen Ferien bei einer Kostenbeteiligung von etwa 1300 Franken für eine Nachqualifikation aufwenden muss, dann hat er ja theoretisch gar keine... Und wenn man dann noch aufzulisten wagte, was in den letzten Jahren vor allem für Sprachlehrer alles an Zusatzbelastungen dazugekommen ist – neues Zeugnis, Auflösung der Sonderklassen und Integration in Normalklassen, Anhebung der Klassengrössen, Umkrempelung 9. Schuljahr und und und – dann käme man theoretisch gar unter null.
Reformen allein motivieren nicht
Wenn Ihnen obige Zahlen einigermassen plausibel erscheinen, dann wäre der Weg endlich frei für eine sachliche Diskussion über die zunehmenden (mentalen) Belastungen des Lehrerdaseins. Will man Funktionäre oder Menschen mit Ecken und Kanten, mit Stärken und Schwächen? Der Beruf Lehrer muss lebbar bleiben. Reformen allein bringen keine Motivation. Es braucht auch kreative Luft. Und eine klare Begrenzung des Pflichtenhefts.
Oberstufenlehrer sind Zehnkämpfer: Sozialarbeiter, Erzieher, Sekretäre, Reiseleiter, Blitzableiter – und sie geben bis zu acht verschiedene Fächer, die alle nach Weiterbildung verlangen, nicht nur Englisch.
Lehrermangel herrscht
Angst haben wir doch nicht vor guten Reformen, sondern davor, dass sie selbstredend jedes Mal mit grossem Zusatzaufwand verbunden sind. Deshalb leisten wir viel «Hosenbodenarbeit»: viel sitzen und viel reden. Aber eigentlich will ich meine Zeit vor allem für das Kerngeschäft Unterricht brauchen – für das, was ich noch immer sehr gerne mache.
Glauben Sie mir, eigentlich geht es gar nicht um Englisch-Weiterbildung. Es herrscht Lehrermangel. Höchste Zeit, die Arbeitsbedingungen so auszugestalten, dass dieser schöne Beruf wieder attraktiv genug wird.
Danke, dass Sie bis hierher gelesen haben. Bessere Argumente habe ich nicht. Vielleicht können wir ab jetzt gleichberechtigt über das Thema Schule diskutieren. Und jetzt würde ich gerne mein Dessert (un soufflé léger eau-de-vie) geniessen – ohne schlechtes Gewissen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.04.2009, 21:38 Uhr
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74 Kommentare
Ich habe zweifel an dieser Studie, ich kenne einige Lehrer und die arbeiten ganz sicher nicht so viel. Vielleicht basiert die Studie auf einen Lehrer der gerade frisch gebacken aus der Ausbildung kommt und den Stoff das erste Jahr vollständig vorbereiten muss. Es soll mir keiner erzählen dass der vorbereitete Stoff nicht im nächsten Jahr wieder verwendet wird?! Antworten
Von Lehrern wird erwartet, dass sie absolute Generalisten sind, sich auf allen Gebieten weiterbilden und überall Topleistungen bringen. Die Öffentlichkeit (als "Leistungsfinanzierer") fühlt sich kompetent, die Leistung der Lehrer zu beurteilen und zu verurteilen. Die Arbeitsstrukturen werden aus politischen Gründen nicht der modernen Arbeitswelt angepasst, die Erwartungen aber schon. Antworten



































