Zürich
Die Zürcher Lehrer unterfordern ihre Schüler
Von Patrick Kühnis. Aktualisiert am 21.06.2009
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Eltern können Prüfbericht ansehen
Die unabhängige Fachstelle für Schulbeurteilung überprüft die Qualität der Zürcher Volksschule in pädagogischer und organisatorischer Hinsicht. Im ersten Berichtsjahr hat sie 84 Regel- und Sonderschulen sowie Kindergärten aus Zürich, Winterthur und mehreren Bezirken überprüft. Eine Schulrangliste wird aus den Ergebnissen nicht erstellt. «Dafür lassen sich die Schulen zu wenig gut vergleichen», sagt Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP). Eltern und andere Interessierte haben aber das Recht, den detaillierten Prüfbericht einer Schule zu lesen.
Wenige Gemeinden wie Stäfa, Hausen a. A. und ein paar Winterthurer Schulen haben ihn selber ins Internet gestellt. Andernorts ist er zumindest im Schulsekretariat einsehbar. Obwohl er die Datenhoheit hat, weigert sich der Kanton bisher, alle Schulbeurteilungen von sich aus zu veröffentlichen. Regine Aeppli: «Das überlassen wir den Gemeinden.»
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Können die Zürcher Schulkinder den Leistungsdruck und die vielen Reformen noch verdauen? Oder sind sie schon am Anschlag? Der erste Bericht der kantonalen Fachstelle für Schulbeurteilungen zeigt: Das Gegenteil ist der Fall. Die Aussage «Im Unterricht wird viel verlangt» kann jedenfalls eine Mehrheit der 9210 befragten Schülerinnen und Schüler ab der 4. Klasse nicht unterschreiben. Im Schnitt stufen sie das Anspruchsniveau des Unterrichts deutlich tiefer ein als ihre eigenen Lehrer. «Wir haben auf Mittel- und Sekundarstufe weit häufiger von Unter- als Überforderung gehört», sagt auch der Chef der Fachstelle, Jürg Frey.
Unterricht für «homogene Masse»
Ein Resultat, das sich mit einem anderen Befund für das letzte Schuljahr deckt. In den Schulen ist der Unterricht noch zu wenig auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler zugeschnitten. Die individuelle Förderung ist «schwach entwickelt». In 60 Prozent der Schulen erfülle die Praxis nur grundlegende Anforderungen, sagen die Tester. In jeder fünften Schule nicht einmal das – wobei es grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Lehrpersonen gebe.
Nach dem Besuch von 84 der rund 600 Zürcher Schulen kommt die Fachstelle zum Schluss: «In den meisten der beobachteten Lektionen richtete sich der Unterricht an eine als homogen gedachte Schülerschaft und wurde wenig an die unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen angepasst.» Die gezielte Förderung eines Kindes sei noch häufig an Fachpersonen delegiert oder fände nur im Spezialunterricht statt.
Ein Manko, das vor allem begabtere Kinder und Jugendliche trifft, wie Eltern, Lehrer und Schüler einhellig feststellen. «Der Stellenwert der Förderung schneller Schülerinnen und Schüler wird durchwegs relativ tief eingeschätzt.» Im Vergleich dazu schneidet die Betreuung schwacher Schüler etwas besser ab – zumindest in den Augen der Lehrer und der Kinder selbst.
Schnitt ist wichtiger als gerechte Note
Unterforderung in Zürcher Klassenzimmern: Das gibt auch der Bildungsdirektorin zu denken. Individuelle Förderung sei sehr anspruchsvoll und nicht alle Lehrpersonen seien gleich begabt darin, sagt Regierungsrätin Regine Aeppli (SP). «Das wird aber in der Ausbildung gelehrt und gehört klar zum Berufsauftrag.» Doch es hapert noch bei der Umsetzung. Dies zeigt sich auch bei der Benotung: Einer Mehrheit der Lehrer ist ein fairer Klassenschnitt wichtiger als die Messung konkreter Lernziele, wenn sie Noten geben.
Für das Volksschulamt ist klar: Die Zürcher Schulen müssen mehr auf die einzelnen Stärken und Schwächen der Kinder eingehen. Dazu brauche es den Willen der Lehrerschaft und neue Lehrmittel, die stärker auf individuelle Förderung abzielen, sagt Volksschulamt-Chef Martin Wendelspiess. Er möchte auch Lehrerinnen und Lehrer vermehrt dazu bringen, von Berufskollegen zu lernen, die es jetzt schon besser machen. Laut dem Prüfbericht sind es vor allem die kleinen Mehrklassenschulen, die auf dem Land ums Überleben kämpfen, die in der individuellen Förderung «exzellente Arbeit» leisten. Wendelspiess: «Diese Schulen sind dazu gezwungen, alle Kinder altersgerecht zu fordern, damit es ihnen nicht langweilig wird. In einer normalen Klasse ist die individuelle Förderung schwieriger.»
Besser als in der individuellen Förderung schnitten die 84 Schulen in anderen Bereichen ab:
Deutschunterricht: Grossmehrheitlich schaffen es die Schulen, die Freude an der Sprache und die Sprachkompetenzen gut zu vermitteln. Fast überall wird auch im Klassenzimmer konsequent die Standardsprache gebraucht. Mängel gibt es beim fachlichen Austausch unter den Lehrern.
Schulklima: Meldungen über «Horrorklassen» und Terror auf dem Pausenplatz zum Trotz fühlt sich eine überwältigende Mehrheit der Kinder und Jugendlichen wohl und sicher in der Schule. Wendelspiess: «Wären auch noch die Kindergärtler und 1.- bis 3.-Klässler befragt worden, wäre der Wert noch höher.»
Notengebung: Die Beurteilungspraxis stösst bei den Schülern und auch bei den meisten Eltern auf grosse Akzeptanz. Trotzdem schneidet nur die Hälfte der Schulen in diesem Bereich gut ab – weil die Notengebung zu wenig einheitlich ist.
Elterninformation: Die Eltern fühlen sich gut über den Schulbetrieb informiert, wünschen sich aber mehr Angaben über die Entwicklung ihres Kindes.
Insgesamt stellt die Fachstelle der Volksschule ein gutes Zeugnis aus. «Es gab keine negativen Überraschungen», sagt Regierungsrätin Aeppli. Nur an einer einzigen Schule haben die Prüfer «erhebliche Mängel» ausgemacht. Andere Schulen wiesen in Teilbereichen grössere Defizite auf. Beseitigt werden sollen diese mit dem Massnahmenplan, den jede Schule nach Erhalt des Berichts vorzulegen hat. Wenn sich danach die Qualität nicht verbessert, muss das Volksschulamt eingreifen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.06.2009, 22:09 Uhr
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