Klassenkampf in der Zürcher S-Bahn

Von Roger Keller. Aktualisiert am 10.12.2008 101 Kommentare

Wer ein Billett für die 2. Klasse hat, darf sich nicht in der 1.Klasse aufhalten. Darauf machen die SBB in ihren Zügen aufmerksam. In der Zürcher S-Bahn tun sie das schon lange – ohne Erfolg.

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Mit Piktogrammen wollen die SBB ihre Fahrgäste zu einem rücksichtsvolleren und anständigeren Verhalten motivieren. Bis Ende Jahr sollen 80 Prozent der Züge damit versehen sein. Die Forderungen dieser «Hausordnung» sind klar: keine Musik, keine Füsse auf den Polstern, kein Rauchen, keine Beschädigungen – also kein Bierzelt-Verhalten. Und: Nur wer ein Billett für die 1. Klasse besitzt, darf sich in jenem Abteil aufhalten. Eigentlich durchwegs Selbstverständlichkeiten. Doch wer regelmässig Zug fährt, kennt genug Beispiele, die das Gegenteil belegen.

Besonders konfliktträchtig ist die Situation in Doppelstockwagen der Zürcher S-Bahn, die beide Klassen führen. «Ich ärgere mich immer wieder», sagt Edwin Dutler, Inhaber eines SBB-Generalabonnements für die 1. Klasse (Preis: 4850 Franken). Der Dietiker Vielreisende erwartet für den 1.-Klasse-Aufpreis (1750 Franken) nicht nur besser gepolsterte Sessel, Spannteppiche und einen grösseren Sitzabstand, sondern auch mehr Ruhe und Ordnung als in der 2. Klasse. Dies umso mehr, als die SBB den Komfort der 1. Klasse im Regionalverkehr in den letzten Jahrzehnten spürbar abgebaut haben. Trotzdem würden, so Dutler, regelmässig Leute mit einem Billett für die 2. Klasse die Plattformen und Treppen belegen, ständig telefonieren, lauthals grölen, Essensreste hinterlassen und die Zugänge zum Abteil blockieren. «Wenn man reklamiert, bekommt man nur blöde Sprüche zu hören und muss sich anöden lassen», klagt Dutler. Oft, beobachtet er, hätte es in der 2. Klasse durchaus Platz für alle.

Das Reglement sagt etwas anderes

Bei den Fahrgästen der 2. Klasse wird die Kritik erwartungsgemäss auf wenig Verständnis stossen. Denn dort gehören Stehplätze in der S-Bahn in Spitzenzeiten zum Alltag. Aus diesen Abteilen ist auch schon der Ruf ertönt, die 1. zu Gunsten der 2. Klasse abzuschaffen. Doch daran denken die SBB und der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) aus Einnahmegründen nicht.

Edwin Dutler ist nicht der einzige SBB-Kunde, der sich über die mangelhafte Klassendisziplin in den Doppelstockwagen aufregt. Und Dutler ist nicht irgendwer: Er ist der Präsident der Fahrgastvereinigung Pro Bahn Schweiz. Wie umstritten das Thema indessen ist, zeigt die Tatsache, dass Dutler seine Meinung klar als seine private deklariert. Denn in den Gremien von Pro Bahn ist die Forderung nach einem rigoroseren Eingreifen der SBB in diesen «Klassenkampf» zurzeit offensichtlich nicht mehrheitsfähig. Die SBB sollten dafür sorgen, lautet die vorherrschende Meinung, dass alle Fahrgäste genügend Platz haben, auch jene der 2. Klasse.

In der Zürcher S-Bahn haben die SBB bereits vor etwa zwei Jahren eine «Hausordnung» mit Piktogrammen aufgehängt. Auch dort steht, es dürfe sich nur in der 1. Klasse aufhalten, wer dafür ein Billett habe. Genützt hat es bisher nichts. Die Kontrolleure teilen keine Bussen aus, wenn sich die Leute auf den Plattformen und auf den Treppen zu den Abteilen der 1. Klasse aufhalten. Kein Wunder, denn die Tarifbestimmungen der SBB sagen das Gegenteil wie die Piktogramme: Zwar zählen in Wagen der 1. Klasse auch die Vorräume, Plattformen und Gänge zur 1. Klasse. Aber «bei Doppelstockwagen mit beiden Klassen und offenen Treppen gelten diese als Bereich der 2. Klasse».

SBB-Sprecher Roman Marti räumt ein, dass mit dieser Bestimmung «ein Graubereich» entstehe. Die Piktogramme dienten indessen auch als «Handhabe für das Zugpersonal». Laut Marti haben die SBB bis Ende November landesweit nur rund 50 Reklamationen per Mail oder Telefon zu diesem Thema erhalten – bei total 33'000. Die SBB seien aber daran interessiert, dass den Kunden der 1. Klasse für ihr Geld «etwas geboten» werde.

Neue Stadler-Züge als Nagelprobe

Wie viel Komfort und Ruhe die SBB ihren Kunden in der 1. Klasse künftig bieten wollen, können sie – unter Mitwirkung des ZVV – schon bald beweisen. Die SBB müssen sich nämlich entscheiden, in welcher Konfiguration sie die unlängst bestellten 50 sechsteiligen Doppelstockzüge von Stadler-Rail bauen lassen. Das heisst, ob es – wie bei den vierteiligen Doppelstöckern von Siemens – für die 1. Klasse einen separaten Wagen oder wie bei den alten Doppelstöckern wieder gemischte Wagen gibt.

Für gemischte Wagen spricht laut Fachleuten von SBB und ZVV, dass bei einem sechsteiligen, 150 Meter langen Zug an zwei Orten je ein Abteil für die 1. Klasse eingerichtet werden kann. Das würde das Einsteigen beschleunigen, vor allem auf jenen Linien, auf denen nicht immer die gleichen Züge verkehren. Dieses Argument hat deshalb Gewicht, weil die Aufenthaltszeit auf den Bahnhöfen wesentlich ist für die Fahrplanstabilität. Zudem zeigt die Auslastung, dass nur ein Wagen für die 1. Klasse wohl zu wenig, zwei aber zu viel wären.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2008, 15:32 Uhr

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101 Kommentare

Patrick Graf

10.12.2008, 10:19 Uhr
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Und wenn schon, wenn ich in einer 1.Klass-Abteilung der S-Bahn beim Eingang stehe, wer von den "besseren" Damen und Herren wird den da gestört? Ich nehm keinen Sitzplatz weg. Meiner Meinung nach gehört die Klassentrennung in S-Bahnen sowieso abgeschafft, dann hätte es auch in Stosszeiten wieder mehr Platz! Es ist eine Schnellbahn (S-Bahn). Da kann doch jeder auch mal 20-30 min ohne Luxus leben.. Antworten


Heidi Müller

09.12.2008, 23:23 Uhr
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Zum Thema Aufenthalt in der ersten Klasse mit einem 2. Klass-Billet: Ich habe mich (2. Klässlerin) schon oft geärgert, wenn der Zug (meist IR oder ICE) alle ersten Klassen vorne (oder hinten) hat. Steht man am falschen Ort auf dem Perron, so spult man (meist im Zug mangels Zeit) jene km ab, bis man in der richtigen Klasse ist. Eine Zumutung, v.a. wenn man noch Gepäck hat. Antworten



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