Zürich
Neuzuzügern erklären, wie die Schweiz tickt
Von Hélène Arnet. Aktualisiert am 12.11.2011 34 Kommentare
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Die schwangere Frau aus Marokko lächelt schüchtern. Sie versteht nicht viel von dem, was Priska Alldis ihr erzählt. Doch ihr Mann, der schon länger in der Schweiz lebt, übersetzt: «Pünktlichkeit ist wichtig in der Schweiz.» Oder: «Wir bezahlen für den Abfall.» Priska Alldis ist Dietikons Integrationsbeauftragte. Sie lädt Neuzuzügerinnen und Neuzuzüger, die direkt aus dem Ausland kommen, zu einem Gespräch über Dietikon ein. «Das ist keine Vorladung, sondern eine Einladung», betont Alldis. Ihr Brief wurde auch so verstanden: «Ich habe mich darüber gefreut», sagt der ebenfalls aus Marokko stammende Mann. «Ich sagte zu meiner Frau: Kaum bist du da, hast du schon eine Einladung bekommen.»
Dietikon wächst: Pro Monat verzeichnet die Stadt im Limmattal rund 100 ausländische Zuzügerinnen und Zuzüger. Ein Drittel kommt direkt aus dem Ausland nach Dietikon. Diesen Teil spricht Priska Alldis im Rahmen des Integrationsprojektes «Stadt Dietikon im Gespräch» an. «Wir wollen von den Ausländern erfahren, was sie in ihrer ganz individuellen Situation brauchen, um sich zu integrieren. Aber wir machen auch klar, was Dietikon von ihnen erwartet.» Integration sei ein zweiseitiger Prozess.
Priska Alldis spricht direkt zu der jungen Frau, zeigt ihr in einem von ihr selbst zusammengestellten Dossier Bilder von Dietikons Wochenmarkt oder Familienzentrum, erklärt, wie der öffentliche Verkehr funktioniert, verweist auf Juniorenkarte und Sprachkurse mit Kinderbetreuung. Der Ehemann übersetzt, die Frau lächelt und nickt. Sie scheint noch nicht ganz angekommen zu sein. Zum Einstieg ins Gespräch hat Alldis gesagt: «Sie müssen ihren Platz in Dietikon finden. Aber Dietikon muss auch Platz für Sie machen.»
Für ein Obligatorium gerüstet
«Stadt Dietikon im Gespräch» ist eines jener Pilotprojekte, welche die kantonale Fachstelle für Integrationsfragen ausgewählt hat und die von Bund und Kanton mit 50'000 Franken unterstützt werden. Das Projekt ist bis Ende 2012 befristet, wird laufend evaluiert und, wenn nötig, angepasst. Wenn es sich bewährt, wird es Bestandteil des kantonalen Integrationsprogramms, das die Fachstelle im Auftrag des Bundes erstellt und ab 2014 umsetzen soll. Das Dietiker Projekt ist dabei gut aufgestellt. Julia Morais, die Leiterin der Fachstelle für Integrationsfragen, sagt: «Es ist eine perfekte Kombination von Willkommens-Kultur und konkreten Informationen.» Auch sei es sehr gut möglich, dass der Bund demnächst individuelle Erstbefragungen von Migrantinnen und Migranten zur Pflicht erkläre.
Auch in Dietikons Nachbargemeinde Schlieren läuft ein Pilotprojekt aus dem Bereich Erstinformation: Dort werden Migrantinnen und Migranten zu einer Stadtrundfahrt im Car eingeladen.
Wo ist der nächste Sandstrand?
Die ersten Erfahrungen in Dietikon sind vielversprechend. Seit August hat Alldis rund 90 Personen unverbindlich zum Gespräch eingeladen, 70 sind gekommen. Ihre Anliegen sind sehr unterschiedlich: «Bei Familien steht oft das Schulsystem im Vordergrund.» Dort betont Alldis, dass die Elternmitwirkung verpflichtend ist. «Viele Eltern sind verblüfft zu hören, dass die Teilnahme am Elternabend obligatorisch ist.» Einer Frau aus Sri Lanka musste sie genau erklären, wie Abfall recycelt wird, einem brasilianischen Ehepaar erklärte sie, was der Sinn einer Hausratsversicherung ist. Manchmal erlebt sie berührende Momente: «Wenn eine Frau vor Freude darüber weint, dass sie ihre Kinder nachziehen konnte.» Oder überraschende: «Manche Ausländer beklagen sich, dass es in der Klasse ihres Kindes zu wenig Schweizer habe.» Oder lustige: «Wenn ein Skandinavier nach dem nächsten Sandstrand fragt.»
Wer neu zuzieht, bekommt ohnehin viel Papier. Daher sei das persönliche Gespräch wirkungsvoller, um erste Fragen zu klären, ist Alldis überzeugt. Sie bietet sich auch für spätere Fragen als Gesprächs- und Auskunftsperson an. Und auch sie verteilt Broschüren und Handzettel mit wichtigen Adressen. Diese sind in verschiedensten Sprachen vorhanden. Alldis macht zurzeit ein Master-Studium in transkultureller Kommunikation: «Viele Konflikte zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen gründen in Missverständnissen.»
Und so mündet ihr Gespräch auch in einen eigentlichen Knigge zum Umgang mit Schweizerinnen und Schweizern: Die in der Regel die Schuhe nicht im Korridor stehen lassen. Die keinen Abfall auf den Boden werfen. Die pünktlich sind. Alldis wertet dabei nicht. Sie wirkt auch nicht schulmeisterlich. Und als sie darauf hinweist, dass um 22 Uhr Nachtruhe herrsche, sagt der Mann fast entschuldigend: «Wir reklamieren trotzdem nicht, wenn unsere Nachbarn nach 22 Uhr noch Lärm machen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.11.2011, 17:18 Uhr
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34 Kommentare
Wie herzig, ich war viele Jahre in Südamerika, konnte mich sehr gut integrieren. So eine Verhätschelung durfte ich zum Glück nie erfahren. Wer kommt muss die Integration mit eigenen Mitteln schaffen, ansonsten zurück in ihre Heimatländer. Antworten
Ich bin überzeugt, diese Immigranten verursachen die kleinsten Probleme in der Schweiz.
Weshalb versucht dagegen niemand, den angelsächsischen Managern und CEO zu erklären, wie die Schweiz tickt? Oder kriegen die eine Carte blanche (Dank an unsere Wirtschaftslobby!), und im Zweifelsfall muss sich der Schweizer den gängigen Wildwest-Methoden des globalen Wirtschafts- und Managerlateins beugen?
Antworten
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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