Zürich

Der Mann, der die Bulldoge bezwang

Von Daniel Stehula. Aktualisiert am 15.07.2009

Ivar Keist brachte einen Kampfhund mit blossen Händen zur Strecke. Wie hat er den Fall verarbeitet?

Ivar Keist: «Die 83-Jährige hätte den Kampfhund niemals halten können, auch mit Leine.»

Patrick Gutenberg

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Der 70-jährige Ivar Keist aus Kilchberg ZH ist Zulieferer der Traumfabrik. Er ist Geschäftsführer einer Kilchberger Firma, die Kinosäle ausbaut. Er kennt die meisten Kinos der Schweiz, und viele davon tragen seine Handschrift. Was er am 26. Juni erlebte, hätte er sich allerdings nicht träumen lassen. Die Szene, wie er es mit blossen Händen mit einem Kampfhund aufnahm, läuft in seinem Kopf noch immer ab.

Keist ist gut 1,70 Meter gross mit vollem, weissen Haar und wachen, braunen Augen. Ein Pflaster am kleinen Finger der rechten Hand erinnert noch an den Kampf mit der Amerikanischen Bulldogge. «Ich bin darüber hinweg», sagt er. Vorbei sind die schlaflosen Nächte. Vorbei die Morgen, an denen ihm seine Frau sagte, er habe wieder «wüescht getan» im Schlaf.

Der Hund ist sein Ein und Alles

Im Eingang zum Büro seiner Firma steht ein grosser alter Filmprojektor der Marke AGA. «Davon gibt es nur noch zwei auf der Welt», sagt Keist. Unter dem Projektor liegt die Decke, auf der Keists elfjähriger Airdale-Terrier Mike schläft, wenn Herrchen arbeitet.

«Als ich sah, wie die Bulldogge meinen Mike im Nacken packte», sagt Keist, «wurde ich sternhagelwütend.» Mit seinem Hund war er vom täglichen Spaziergang soeben zum Parkplatz zurückgekehrt. Da schoss die Amerikanische Bulldogge zwischen den parkierten Autos hervor und verbiss sich im Nacken des sechzig Zentimeter hohen Mike - eine 83-jährige Frau hatte den Kampfhund ihres Sohnes Gassi geführt. «Sie hätte ihn nicht halten können, auch wenn sie ihn an der Leine gehabt hätte», ist Keist überzeugt.

Mit aller Kraft gewehrt

Er, in der Wut, packte die Bulldogge am Halsband und riss sie von seinem Hund weg. Er dachte nur noch: «Luft abschnüren, zu Boden drücken.» Mit einer Hand drehte er das Halsband des Kampfhundes zusammen, mit der anderen griff er dem Hund ins Gesicht. Dort krallte er sich fest und drückte den Hund zu Boden. Dass der Hund ihm in den kleinen Finger biss und er sich das linke Knie auf dem Asphalt aufschlug, merkte er erst später, als er neben Mike stand, der aus einer 13 Zentimeter langen Wunde blutete. «Ich konzentrierte mich in dem Moment nur auf die Bulldogge», sagt Keist. Mit aller Kraft habe sie sich gewehrt. Wichtig war dem Kilchberger nur eines: «Ich wusste, wenn der Hund mit dem Grind auf der Strasse liegt, dann gibt er auf.» Und so kam es auch.

Wo er die Kraft dazu hernahm, den Hund zu bodigen, weiss er nicht. Aus der Aufregung wahrscheinlich, sagt er. Aber er habe immer kräftige Hände gehabt. Schon damals, 1955, als er in einem Zürcher Verein Gewichte stemmte: «Ohne Mühe mein Eigengewicht von 60 Kilogramm.» Nach einem Herzinfarkt vor fünf Jahren nahm er das Krafttraining wieder auf. «Das hat mir sicher geholfen gegen den Kampfhund», sagt Keist, «aber ich habe auch viel Glück gehabt.»

Selbst ein Hundefan

Keist bezeichnet sich selbst als Hundefan. Mit Mike spaziert er 2500 Kilometer im Jahr, er liest Bücher über Hundehaltung und über Hunderassen. Aus der Lektüre weiss er, dass einem Kampfhund nur beizukommen ist, wenn man ihm die Luft abschnürt. «Aber nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er sich im Halsband gedreht und mich erwischt hätte.»

Herr und Hund sind wohl bald wieder gesund. Ivar Keist hat den Halter des Kampfhundes angezeigt. Doch seit seinem Erlebnis sei die Bulldogge wiederholt ohne Maulkorb gesehen worden. Ein Maulkorbzwang für diesen Kampfhund, verlangt Keist, sei das Mindeste. Noch ist nichts entschieden. Er muss warten auf sein Happy End. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2009, 09:50 Uhr

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