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Dignitas mischt sich in die Wädenswiler Lokalpolitik ein

Ein anonymes Flugblatt in Wädenswil fordert dazu auf, Johannes Zollinger (EVP) nicht zu wählen. Er engagiere sich gegen die Sterbehilfe. Autor ist Dignitas-Chef Ludwig A. Minelli.

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In Wädenswil ist ein anonymes Flugblatt im Umlauf. Unter dem Titel «Die Stimme der Wädenswiler Mitglieder von Exit und Dignitas» legt der Autor auf zwei A4-Seiten dar, weshalb Johannes Zollinger (EVP) nicht zum Stadtpräsident gewählt werden solle.

Der Ton des Flugblatts ist angriffig. So heisst es etwa: «Nach Meinung von Johannes Zollinger sollen Krebskranke, Multiple-Sklerose-Kranke, Muskelschwund-Kranke gezwungen werden, auch das letzte, schwerste Stadium ihrer Krankheit selbst mit unwahrscheinlichen Leiden bis zum angeblich «natürlichen Tod» auszuhalten – und ihre Angehörigen müssen mit ihnen leiden. Das ist die «christliche Botschaft» dieses lächelnden Kandidaten.»

Der Autor schreibt dem Kantons- und Stadtrat «ein anderes Gesicht» zu. «Es ist ein zutiefst freiheitsfeindliches, knallhartes Gesicht. Eines, das er in Wädenswil absichtlich nicht besonders zeigt. Im Kantonsrat wird es dagegen äusserst deutlich.»

Exit ist ahnungslos

Johannes Zollinger findet es «schade, dass ein solch sensibles und heikles Thema auf diese Weise gebraucht wird, um Meinung zu machen». Er sagt auch: «Was Sterbehilfe mit Lokalpolitik zu tun hat, kann ich nicht nachvollziehen.»

Wer hat nun dieses Flugblatt verfasst? Die «Mitglieder von Exit und Dignitas» erscheinen nicht mit Namen. Der Verein Exit wusste nichts von diesem Flugblatt. Bernhard Sutter, Vorstandsmitglied von Exit, sagt: «Es ist keine offizielle Aktion von Exit.» Der Verein würde nie in einen Wahl- oder Abstimmungskampf eingreifen. Ausser, schränkt er ein, es gehe direkt um das Thema Sterbehilfe. Der Verein sei parteipolitisch neutral. Aber: «Als Mitglied darf man natürlich Stellung nehmen oder Leserbriefe schreiben.»

Bleibt Ludwig A. Minelli, Rechtsanwalt von der Forch und Gründer von Dignitas. Minelli erklärt auf Anfrage: «Ja, das Flugblatt habe ich verfasst.» Er habe es im Auftrag besagter Exit- und Dignitas-Mitglieder geschrieben. Mehr dürfe er dazu nicht sagen. Seine Auftraggeber wollen unbekannt bleiben, weil sie nach einem solchen Flugblatt mit unangenehmen Folgen rechnen müssten. «Wenn Dignitas- und Exit-Mitglieder unzufrieden sind», sagt Minelli, «dann ist klar, dass sie zu mir kommen.» Schliesslich sei Dignitas als kämpferische Organisation bekannt.

«Die Haltung spielt eine Rolle»

Dass er sich nun in einen lokalen Wahlkampf einmischt, ist für Minelli legitim. Er sagt: «Die Haltung eines Menschen, der sich zur Wahl stellt, spielt eine Rolle.» Und auch wenn die Sterbehilfe auf lokaler Ebene kein Thema sei, auf kantonaler Ebene sei sie es. «Und Johannes Zollinger engagiert sich als Kantonsrat gegen die Sterbehilfe.»

Der Wädenswiler Stadtrat ist Mitglied des Initiativkomitees «Nein zum Sterbetourismus im Kanton Zürich», und er sagt: «Ich finde den Sterbetourismus etwas Unerträgliches.» Ausserdem habe sich die EVP schon immer gegen die Sterbehilfe ausgesprochen, und er trage das mit: «Es braucht doch in erster Linie eine Hilfe und Ermutigung zum Leben. Und nicht zum Sterben.» Allerdings ist er der Meinung, dass man das Thema Sterbehilfe diskutieren müsse. «Ich habe keine absolute Antwort darauf, wie man Menschen begleitet, die sehr krank sind und die Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollen.»

Zollinger sagt, er habe noch keine direkte Auseinandersetzung mit dem Dignitas-Gründer gehabt. Und er sorgt sich nicht wegen eines schädlichen Einflusses des Flugblattes. Er hat nach eigener Aussage positive Reaktionen aus der Bevölkerung erhalten.

Ludwig A. Minelli sagt, es sei denkbar, solche Flugblätter auch in anderen Gemeinden zu verbreiten: «Wenn man mir den Auftrag gibt.» Die Wahlen, sagt er, seien dazu da, sich genauer mit den Kandidaten auseinanderzusetzen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2010, 04:00 Uhr

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5 Kommentare

David Rüegg

19.02.2010, 12:19 Uhr
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Meine Sympatien liegen klar bei Herr Minelli. Man kann für oder gegen Sterbehilfe sein, sie in Anspruch nehmen oder es bleiben lassen. Aber meiner Meinung nach hat jeder Mensch das Recht selbst darüber zu entscheiden. Zudem hat in meinen Augen die Kirche als moralische Instanz längst ausgedient und solche belehrenden Einmischungen machen mich wütend. Die Kirche hat selbst schon zuviel verbrochen. Antworten


Giovanni Baptista

19.02.2010, 10:50 Uhr
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Man kann von Ludwig A. Minelli und seiner Organisation halten was man will. Man kann für oder gegen die Sterbehilfe sein. Aber auch in einer direkten Demokratie besteht für die grösste Zürcher Tageszeitung noch lange kein Monopol, sich in die Wahlen einer Gemeinde "einzumischen". Ich finde den Artikel "gschämig" für einen Tagi, der sich sonst zum Bannerträger der Meinungsfreiheit deklariert. Antworten


Ludwig A. Minelli

19.02.2010, 08:37 Uhr
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Der Tages-Anzeiger behauptet, das Flugblatt sei "anonym". Das trifft nicht zu. Das Flugblatt trägt am Schluss den Vermerk "^Presserechtlich verantwortlich: Ludwig A. Minelli, Forch, im Auftrag von Wädenswiler Mitgliedern von EXIT und Dignitas". Der Bericht verschweigt auch, dass Johannes Zollinger ebenfalls im Initiativkomitee tätig ist, welches die Freitodhilfe generell strafbar machen will. Antworten


Jakob Denzler

19.02.2010, 08:16 Uhr
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Korrektur. Natürlich müsste es in meinem Beitrag heissen, (dass EVP-Zollinger) das Gedankengut von sektiererischen Freikirchen (also das Gegenteil von Freidenkern) einzubringen versucht. Antworten


Jakob Denzler

19.02.2010, 07:05 Uhr
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Was heisst hier "mischt sich ein"? Wir leben in einer Demokratie. Ich finde es sehr wichtig, dass öffentlich gemacht wird, dass dieser EVP-Kandidat eine erzkonservative u. religiöse Ideologie vertritt. In höchstem Mass gegen eine liberale offene Gesellschaft kämpft und das Gedankengut von sektiererischen Freidenkern einzubringen versucht. Das ist sein Recht, aber man soll das auch offenlegen Antworten



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