Zürich

«Dutzende haben gefragt, ob der Putzjob noch frei ist»

Interview: Christoph Landolt. Aktualisiert am 18.05.2011 82 Kommentare

Zuerst der Fall Florian, nun der Fall B. G. – zum zweiten Mal in einem Jahr stand die Gemeinde Bonstetten am medialen Pranger. Der Gemeindepräsident und die Sozialvorsteherin nehmen Stellung.

«Es geht nicht um eine Person»: Sozialvorsteherin Ruth Früh und Gemeindepräsident Charles Höhn.

«Es geht nicht um eine Person»: Sozialvorsteherin Ruth Früh und Gemeindepräsident Charles Höhn.
Bild: Christoph Landolt

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Sozialfall in Bonstetten

Sozialfall in Bonstetten
Die alleinerziehende Mutter B. G. lebt mit ihren Kindern seit Donnerstag in einer Militärunterkunft.

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Der Fall Florian G.

Marciana G. und Gustav G. hatten sich seit langem um das alleinige Sorgerecht für ihren Sohn Florian gestritten. Im Februar 2008 entschied die Vormundschaftsbehörde Bonstetten (VB), Florian in einer Pflegefamilie zu platzieren. Doch Ende des Jahres bat diese um Kündigung des Pflegeverhältnisses, weil die Elternbesuche zu belastend waren.

Im Januar 2009 beschloss die VB, gestützt auf ein Gutachten, den Buben vorläufig in die Obhut des Vaters zu geben, die Mutter hatte Besuchsrecht. Im Februar 2010 meldete der Vater, die Mutter wolle Florian entführen. Ihr wurde darauf untersagt, das Kind in den Sportferien ausser Landes zu bringen.

Am 26. Februar 2010 tötete der Vater seinen Sohn in einem Winterthurer Hotel – einen Tag vor dessen fünftem Geburtstag. (bg)

Korrektur-Hinweis

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Glaubt man «Schweiz Aktuell», kennt die Gemeinde Bonstetten kein Pardon: Die alleinerziehende Mutter B. G. muss entweder putzen gehen, oder man steckt sie in eine Militärunterkunft und nimmt ihr die Kinder weg.
Ruth Früh: Von dieser Darstellung distanziere ich mich vehement. Wir haben nie mit Kindsentzug gedroht. Die Vormundschaftsbehörde muss jetzt erst einmal die Situation prüfen. Der Entzug der Kinder ist eine mögliche vormundschaftliche Massnahme, aber davon sind wir weit entfernt. Wir können und wollen niemanden zu seinem Glück zwingen, und auch nicht zum Putzen. Wenn wir auf der Gemeinde aber eine Arbeit zu vergeben haben, bieten wir sie natürlich jemandem an, der vielleicht froh drum wäre. Doch auch dafür werden wir kritisiert.

Zu Unrecht?
Charles Höhn: Man tut so, als ob Putzen eine Drecksarbeit wäre, und unterstellt uns, dass wir billige Arbeitskräfte suchten. Dabei wäre der Lohn gut gewesen. Eine Verkäuferin im Coop hätte einiges weniger verdient.
Früh: Die Chance, wieder ins Berufsleben einzusteigen, nimmt ja bei längerer Arbeitslosigkeit von Jahr zu Jahr ab. Einen solchen Job tagsüber auf der Gemeinde, 20 Meter von der Wohnung entfernt – so viele Probleme wären damit gelöst gewesen. Und man könnte den Job ja jederzeit wieder künden, wenn sich wieder etwas Besseres ergibt.

Fühlen Sie sich von den Medien falsch verstanden?
Höhn: Man hat alles versucht, setzt sich tagtäglich für die Anliegen der Bürger ein, und wird dann in eine Ecke gestellt, in die man nicht gehört. Da fühlt man sich schon ungerecht behandelt und fragt sich, ob man sich das weiter antun will.
Früh: Zum Glück gibt es nicht nur diese negativen Erlebnisse, sondern auch immer wieder Erfolge. Selbst der Fall B. G. hat etwas Positives. Aufgrund dieser Sendungen und Artikel haben unzählige Leute angerufen und gefragt, ob der Putzjob noch frei ist.

Gibts nun Bewerbungsgespräche?
Nein, die Stelle war sofort besetzt. Das ist ein gesuchter Job. Es gibt Leute, die froh darum sind.

Bonstetten ist zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres in den Schlagzeilen. Zufall?
Höhn: Seit dem Fall Florian haben einige unserer schwierigen Kunden damit gedroht, zur Presse zu gehen. Bei den Medien läuten natürlich alle Alarmglocken, wenn sie Bonstetten hören. Wenn der aktuelle Fall in Bassersdorf oder andernorts passiert wäre, bin ich mir nicht sicher, ob das die gleiche Wirkung gehabt hätte. Ausweisungen aus Wohnungen gibt es ja jedes Jahr über hundert im Kanton. Da liest man nie etwas davon.

B. G. hat angekündigt, sich an die Medien zu wenden. Nun scheint die Situation verfahren. Hätte es so weit kommen müssen?
Früh: Warum sie so gehandelt hat, weiss ich nicht. Sie hat diese Drohung ausgesprochen, und sie dann irgendwann wahr gemacht. Der erste Journalist, der angerufen hat, hat als Erstes grad gesagt, dass er auf der Seite der Schwächeren stehe. Immerhin wusste ich so gerade, worum es geht. Aber eine Lösung zu finden, wird jetzt natürlich ganz schwierig.

Weil Sie verärgert sind?
Früh: Nein, die Frage ist mehr, wer B. G. nun einen Job anbietet. Private Emotionen und den Auftrag muss man als Behördenmitglied trennen. Es geht nicht um eine Person, sondern um eine Situation, wo man eine Lösung finden muss.
Höhn: Wir sind alle nur Menschen. Wenn solche Anschuldigungen erhoben werden, würde man am liebsten rausschreien, was Sache ist. Aber das dürfen wir nicht. Als Behördenmitglied ist man ans Amtsgeheimnis gebunden. Wenn man etwas ausplaudert, drohen gemäss Strafgesetzbuch bis zu drei Jahre Gefängnis. Das ist auch der Grund, warum Staatsvertreter häufig etwas verschlossen wirken, wenn sie vor ein Mikrofon treten müssen. Die Gegenseite dagegen darf alles rausgeben. Beim Fall Florian hätte ich manchmal am liebsten aufgegeben. Dass die Spiesse so unterschiedlich lang sind, macht die Behördenarbeit wirklich nicht einfacher.

Haben Sie damit gerechnet, so im Kreuzfeuer zu stehen, als Sie sich um Ihre Ämter beworben haben?
Höhn: Nein, natürlich nicht. Die Sorge besteht, dass es noch schwieriger wird, Freiwillige für ein Milizamt zu finden. Die zeitliche Belastung ist ohnehin schon gross. Wenn dann auch noch solche Sachen passieren, kostet das viel Kraft. Der eine oder andere, der eigentlich gerne mitarbeiten würde, will sich das nicht antun.
Früh: Aber das darf unsere Arbeit nicht beeinträchtigen. Als Gemeinde müssen wir immer gleich funktionieren, was auch immer geschrieben wird. Sonst werden wir erpressbar. Und das sind wir in keinem Fall. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2011, 14:30 Uhr

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82 Kommentare

Brundo Madan

18.05.2011, 14:43 Uhr
Melden 138 Empfehlung

Meiner Meinung nach sollte B.G. endlich mal ihr Leben selber in die Hand nehmen und etwas tun. Schliesslich hat sie Kinder denen man eine Vorbildfuntkion sein sollte und die Gemeinde hat vieles fuer sie geleistet. Sich also als Opfer hinstellen und das System kritisieren ist nicht fair!! Antworten


Fredy Kradolfer

18.05.2011, 16:08 Uhr
Melden 131 Empfehlung

Das Schwierige an der Sache ist, wie Gemeindepräsident Höhn richtig feststellt: Die Spiesse sind ungleich lang. Während eine Privatperson wie Frau B.G. sagen kann, was sie will (und dabei natürlich alles weg lässt, was sie belasten könnte), können sich die Behörden aufgrund des Amtsgeheimnisses nicht genügend erklären und kaum etwas richtig stellen, werden dafür aber noch als arrogant beleidigt! Antworten



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