Freiwillig 50'000 Schrauben geputzt
Von Nadja Belviso. Aktualisiert am 30.07.2010 1 Kommentar
Historische Furka-Strecke: Seit 1981 lief gar nichts mehr
Im Oktober 1981 fuhr der letzte Zug von Realp über den Furkapass nach Oberwald. Der neue Furka-Basistunnel stand kurz vor der Fertigstellung, die Bergstrecke sollte abgebrochen werden. Eisenbahnfreunde schlossen sich zusammen, um die Strecke vor dem Ende zu bewahren, und gründeten 1983 den Verein Furka-Bergstrecke. Der Verein ist als Dachverband mit insgesamt 23 selbstständigen Sektionen in der Schweiz (12), in Deutschland (9), in den Niederlanden (1) und in Belgien (1) organisiert. Die Sektionen mit ihren insgesamt über 7000 Mitgliedern stellen einen Grossteil der freiwilligen Arbeitskräfte. Durch deren Einsatz und die finanzielle Unterstützung zahlloser Eisenbahnfreunde aus aller Herren Länder konnte der Abschnitt Realp–Gletsch bereits im Jahr 2001 wieder befahren werden. Mit der Wiedereröffnung der Gesamtstrecke bis Oberwald geht jetzt der Traum aller Beteiligten endlich in Erfüllung. (bel)
Tränen in den Augen ihres Mannes sieht Ursula Naef weiss Gott nicht alle Tage. An seinem 60. Geburtstag aber war es so weit. Traugott Naef hatte eben ihr Geschenk ausgepackt: ein Modell der Furka-Dampflokomotive, hergestellt in Japan in einer limitierten Auflage. Ursula Naef hatte ihm damit einen Bubentraum erfüllt. «Als Kind hätte ich so gern eine Modelleisenbahn gehabt», sagt er, doch für seine Eltern sei das nicht erschwinglich gewesen.
Nun besitzt er ausgerechnet das Modell jener Lok, die zu seinem Lebensmittelpunkt geworden ist. Naef ist nämlich einer von vielen Freiwilligen, die dafür gesorgt haben, dass die Originalstrecke der Furka-Dampfbahn am 12. August wieder in Betrieb genommen wird (siehe Kasten). Der pensionierte Dachdecker ist seit 20 Jahren in der Bauabteilung des Vereins Furka-Bergstrecke, war massgeblich beteiligt am Bau von Stationsgebäuden, Werkstatt und Kantine. Beim Aushub, beim Betonieren, bei den Holzarbeiten und natürlich beim Decken des Daches hat er geholfen.
Das Kind im Mann
Für den mittlerweile 72-jährigen Uetiker ist es nicht die Arbeit allein, die ihn zu einem der aktivsten Vereinsmitglieder gemacht hat. Er geniesst es auch, in der Kantine die Lokführer zu treffen und ihnen all die Fragen zu stellen, die ihn schon als Kind interessiert haben. Bei einer der Probefahrten, die nun auf die Eröffnung hin unternommen werden, durfte er sogar mit in die Lokomotive – obwohl es dort mit Führer und Heizer bereits sehr eng ist.
Angefangen habe alles mit einem Bettelbrief des Vereins, erzählt Naef: «Bevor ich einfach Geld schicke, schaue ich mir die Sache mal an», habe er sich gedacht. Zusammen mit seiner Frau fuhr er nach Gletsch zur Infozentrale des Vereins. Man habe ihnen so bereitwillig alle Fragen beantwortet, dass es ihn _sofort gepackt habe. Seither pendelt er zwischen Uetikon und Gletsch oder Realp. Er arbeitet nicht weniger als vor seiner Pensionierung. Manchmal ist er tagelang unterwegs, manchmal wochenlang – etwa wenn er mit auf Demontage geht, um den Monteuren zu erklären, welche Teile noch brauchbar sind.
Auf der Suche nach Schrauben
Das ist nur möglich, weil seine Frau voll hinter ihm steht. «Natürlich fände ich es schön, wenn er öfter zu Hause wäre», sagt sie, «aber warum sollte ich ihm die Freude verwehren?» So wisse sie immerhin, wo er sei. Inzwischen hat er sie sogar angesteckt mit seinem Furka-Virus: Über 50'000 Schrauben hat das Ehepaar zusammen geputzt und geölt. Schrauben, auf die ein Verein dringend angewiesen ist, der sich kein neues Material leisten kann. Wo immer in der Schweiz Gleise ausgedienter Strecken demontiert werden, holen die Furka-Fanatiker die alten Schrauben ab, um sie später auf ihrer Strecke wieder einzubauen.
Woche für Woche nahm Traugott Naef eine Autoladung davon mit nach Uetikon. «Ich sah schnell, dass er das niemals alles allein schaffen würde», erzählt Ursula Naef. «Hast du was dagegen, wenn ich helfe?», habe sie ihn gefragt. Die wochenlange Arbeit an den Schrauben, den zugehörigen Muttern und Unterlagsscheiben habe ihr bei Bekannten den Übernamen «dä Schruubi» eingebracht.
Die Kollegen beneiden ihn
Manche Kollegen oben in Gletsch beneiden Traugott Naef um seine Ursula. Andere Partnerinnen kommen nicht so gut damit zurecht, dass der Mann nach langer Abwesenheit heimkommt, erstmal die Dreckwäsche abgibt und sich dann sofort schlafen legt. Dass er weiss, was er an ihr hat, sieht man den Blicken an, die er ihr zuwirft. Für den Fotografen nimmt er sie liebevoll in den Arm. Mit der bevorstehenden Eröffnung ist erreicht, wofür sich Hunderte jahrelang eingesetzt haben. Angst, danach in ein Loch zu fallen, hat der pensionierte Uetiker Dachdecker aber nicht. Es werde weiterhin Arbeit anfallen. «Die Strecke muss ja auch unterhalten werden», sagt Naef. Gedankenverloren setzt er die kleine Modell-Lokomotive zurück aufs winzige Gleisstück und stülpt einen Glasdeckel als Schutz darüber. Vielleicht wird er sie zur Eröffnung mitnehmen, genau wie damals zur Aufrichte der neuen Kantine. Sicher dabei sein wird seine Frau Ursula.
Legende: Das Ehepaar Naef mit einer Miniatur-Furkabahn und anderem Gerät. Foto: Michael Trost (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.07.2010, 22:04 Uhr




Thomas Müller
Schöne Geschichte. Dem Ehepaar Naef wünsch ich von ganzem Herzen noch viele weitere schöne gemeinsame Tage. Weiter so! Antworten