«Picasso verliess Zürich noch vor der Vernissage»
Besitzt keine Lithografie: Picasso-Forscherin Fabienne Douls Eicher (47). Dafür eine Taube, die heisst wie die Tochter des berühmten Künstlers. (Bild: Sabine Rock)
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Ich hatte keine Ahnung, dass Picasso auch Gedichte geschrieben hat – sogar deren 350.
Faszinierend, nicht? Das wissen viele nicht. Gerade darum interessiert mich das Thema brennend. Picassos Gemälde sind weltberühmt . . .
. . . während seine Literatur kaum beachtet wird.
Mehr noch: Sie wird regelrecht ignoriert.
Wie kommt das?
Das frage ich mich in meiner Dissertation auch. Ich vermute: Seine Texte sind schlicht zu schwierig. Er schrieb wild drauf los, nutzte selten ein Verb und verzichtete völlig auf Satzzeichen – auf den ersten Blick ergeben seine Texte kaum einen Sinn. Der Ansatz, sie zu verstehen, muss also ein anderer sein.
Nämlich?
Ich suche den Zugang dazu über seine Motive, die Stilfiguren und die visuelle Dimension – und natürlich über das Manuskript selbst.
Die Texte scheinen schwer genug. Warum quälen Sie sich mit Kopien der chaotischen Originale und nutzen nicht saubere Abschriften?
Unmöglich. Er schrieb mal klein, mal ausladend, er strich Wörter durch, umrandete andere, kritzelte zwischen den Zeilen und zeichnete an den Rändern. Ein Theaterstück schrieb er gar ganz in Rot! Seine ungestüme Arbeit gleicht einer künstlerischen Raserei, und die geht in Abschriften komplett verloren.
Sie sind demnach wohl auch keine Freundin von Übersetzungen.
Natürlich nicht! Übersetzte Gedichte verlieren ihren Charme. Picasso schrieb in Spanisch und Französisch. Er kreierte raffinierte Wortspiele, die nur in einer Sprache funktionieren.
Ein Beispiel bitte.
Eines seiner Kurzgedichte besteht aus nur einem einzigen Satz: «Ma lady gai rit sable», also etwa «meine fröhliche Frau lacht Sand». Spricht man das schnell aus, hört man «maladie guérissable»; «heilbare Krankheit». Sie sehen: So etwas ist unübersetzbar.
Eben lief die Picasso-Ausstellung im Kunsthaus an, die dort bereits vor 78 Jahren gezeigt wurde. Picasso selbst kam damals zwar nach Zürich, reiste aber überraschend vor der Vernissage wieder ab.
Es geht das Gerücht, seine Frau sei eifersüchtig auf die porträtierte neue Geliebte Picassos gewesen. Ich aber glaube: Er war enttäuscht darüber, wie sein Werk präsentiert wurde.
Wieso?
Vor Zürich war die Ausstellung in Paris. Dort hatte Picasso freie Hand. Er zwang sein Werk in keinerlei chronologische Ordnung, und seine Bilder sollten auch nicht nach Stilen – Klassizismus, Kubismus – gruppiert sein. Er wollte sein Werk als Einheit darstellen: In Paris hingen die Gemälde durcheinander; so lagen zwischen zweien gut und gern 20 Jahre. Manche hängte er nicht einmal auf, sondern lehnte sie bloss an die Wand. In Zürich hingegen wurden seine Werke fein säuberlich geordnet. Ich vermute, er wollte die Ausstellung in dieser Art nicht unterstützen und verliess die Stadt daher noch vor der Vernissage.
Haben Sie zu Hause eigentlich Nachdrucke hängen?
Nein, aber eine signierte Lithografie hätte ich gerne – nur sind die unbezahlbar. Dafür habe ich eine Taube. Paloma.
Bitte?
Das Motiv der Taube irrlichtert durch Picassos gesamtes Werk. Zur Hochzeit vor zwölf Jahren schenkte mir mein Mann darum eine Taube. Ich nannte sie Paloma, denn so taufte Picasso seine Tochter – der Name bedeutet «Taube» auf Spanisch.
Nun schreiben Sie seit zwei Jahren an Ihrer Dissertation über Picassos literarisches Werk.
Die Idee indes trage ich schon seit 20 Jahren mit mir. Damals spazierte ich in Paris die Seine entlang und entdeckte in einer kleinen Buchhandlung ein Theaterstück von Picasso. Ich war masslos erstaunt. Der Maler war auch Dichter? Dass ein so grosser Künstler eine derart unerforschte Seite hatte, faszinierte mich. In diesem Moment wusste ich: Das ist das Thema meiner Dissertation.
Und warum warteten Sie zwei Jahrzehnte, bis Sie damit begannen?
Ich hatte kein Geld, um jahrelang an meiner Dissertation zu schreiben, später bekam ich meine beiden Kinder und etablierte mein Übersetzungsbüro. Da man sich aber stets weiterentwickeln sollte, dachte ich mir: Soll ich zu malen beginnen? Oder eine neue Software erlernen? Ich entschied, ins akademische Leben zurückzukehren.
War das schwierig nach so langer Zeit?
Es war eine Herausforderung. Meine Uni-Abschlussarbeit hatte ich auf einer Schreibmaschine geschrieben – heute hat das Internet die gesamte Forschung auf den Kopf gestellt. Zu meinem 50. Geburtstag wünsche ich mir, meine Dissertation zu veröffentlichen. Aber ich muss mich sputen.
Warum?
Mein 17-jähriger Sohn mahnt mich stets, ich solle mich beeilen – nicht, dass wir noch gleichzeitig an der Universität sind.
Die Retrospektive ist vom 15. Oktober bis zum 30. Januar 2011 zu sehen. Schon vor 78 Jahren widmete das Kunsthaus Picasso eine Ausstellung. Das romanische Seminar der Universität Zürich organisiert eine Tagung zum literarischen Werk Picassos. Fabienne Douls Eicher referiert dazu am 14. Januar um 16.15 Uhr an der Universität und am 15. Januar um 9.45 Uhr im Kunsthaus.
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Erstellt: 07.11.2010, 06:58 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

