Stararchitekt wirft Behinderte raus
Von Arthur Schäppi. Aktualisiert am 24.04.2009 23 Kommentare
In der Kritik: Theo Hotz.
Verschnaufen dank Tagesbetreuung
In der im Juni 2005 eröffneten Tagesstätte Tagaktiv finden kranke oder ältere Menschen, die zu Hause von Angehörigen betreut werden, während durchschnittlich zwei Tagen pro Woche eine feste Tagesstruktur. Darunter hat es Männer und Frauen, die beispielsweise an Multiple Sklerose, Alzheimer, Altersdemenz oder Blindheit erkrankt sind oder die einen Schlaganfall erlitten haben. Deren Angehörigen kommen dank Tagaktiv zu willkommenen Verschnaufpausen.
Zum Tagesablauf der privaten Institution gehören Bewegungsübungen, Gesprächsrunden, Singen, Werken, Gedächtnistrainings oder die Zubereitung des gemeinsamen Mittagessens. Und auch Rückzugs- und Ruhemöglichkeiten stehen zur Verfügung. Die Tagespauschale beläuft sich auf 120 Franken. Einwohner von Horgen, Oberrieden und Thalwil erhalten von ihrer Wohngemeinde eine Tagesvergütung von 20 Franken.
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«Unsere Tagesgäste sollen sich bei uns möglichst wie in einer Familie fühlen», sagt die 49jährige Monika Schalch. Seit bald vier Jahren führt die diplomierte Aktivierungstherapeutin mit einem kleinen Team auf privater Basis das Zentrum Tagaktiv am Brunnenwiesliweg 16 in Horgen. Ihr Mann Leo Schalch kümmert sich nebenberuflich um die administrativen Belange. Eingemietet ist die Tagesstätte im Parterre eines Mehrfamilienhauses, das der Theo Hotz AG des bekannten Zürcher Architekten Theo Hotz gehört. In der 200 Quadratmeter grossen Mietwohnung mit Aussenhof bietet die Einrichtung kranken und behinderten Menschen mit Demenz, Alzheimer, Lähmungen oder andern Beeinträchtigungen ausserhalb der eigenen vier Wände tageweise Betreuung und Aktivierungstherapien an.
«Mit jeweils 8 bis 10 Besuchern täglich sind wir sehr gut ausgelastet», sagt Monika Schalch. Dennoch steht das Tagaktiv jetzt vor einer ungewissen Zukunft. Der Grund: Kurz vor Weihnachten 2008 flatterte der Tagesstätte von der Theo Hotz AG die Kündigung per 30. Juni 2009 ins Haus. Vor der Schlichtungsbehörde des Bezirks haben sich das Ehepaar Schalch und die Verwaltungsfirma des Hotz-Gebäudes dann in einem Vergleich auf eine zwölfmonatige Fristerstreckung geeinigt. Spätestens auf Ende Juni 2010 ist am Brunnenwiesliweg definitiv Schluss für das Tagaktiv.
«Befremdlich und beschämend»
Weil es im Treppenhaus des Hotz-Hauses keinen Lift gibt, gelangen Tagesgäste, die auf den Rollstuhl angewiesen, geh- oder sehbehindert sind am Morgen jeweils im Freien ebenerdig vorbei an einer Nachbarswohnung und über einen Hinterhof ins Tagesheim – und am Abend auf gleichem Weg wieder zurück. «Befremdlich und beschämend» finden Monika und Leo Schalch die Argumente, die sie zur Rechtfertigung des Rauswurfs zu hören bekamen. Leo Schalch: «Am Telefon begründete Architekt Hotz die Kündigung damit, dass ein im letzten Herbst eingezogener Mieter sich gestört fühle durch die Rollstuhlfahrer, die auf dem Weg von und zum Tagaktiv draussen an seiner Wohnung vorbeikämen – und dass dieser Mieter deshalb eine Mietzinsreduktion verlangt habe». Dabei hatte die Hausverwaltung dem Tagaktiv vor Mietantritt im Jahr 2005 die Benützung der speziellen Rollstuhlroute ausdrücklich zugesichert. Der Vergleich verpflichtet das Tagesheim nun, für die Restmietdauer die Rollstuhlfahrten über den Hinterhof einzuschränken: am Morgen auf die Zeit zwischen 8.30 und 9.15 Uhr und am Abend auf 16.30 bis 17 Uhr.
Gegenüber dem TA wollte Architekt Theo Hotz keine Stellung nehmen. In einem Schreiben an die Mieter der Liegenschaft hatte er geschrieben, dass Räumlichkeiten und Zugangswege für die Tagesgäste «kaum zumutbar» seien. Zudem seien die Benutzer des Tagaktivs draussen im Hinterhof «hinter Holzgittern eingesperrt, was wir auch vom menschlichen Standpunkt aus nicht tolerieren können».
«Das sind unhaltbare, an den Haaren herbeigezogene Unterstellungen», kontern Monika und Leo Schalch. Die Tagesstätte sei absolut zweckdienlich eingerichtet und beim angeblichen «Holzgitter» handle es sich um eine Sichtschutzwand aus Holz und um einen achtzig Zentimeter hohen Holzzaun mit Gartentor als Begrenzung des Aussenhofs. Das Gartentor werde nach Ankunft der Tagesgäste jeweils vorsorglich geschlossen, «um zu verhindern, dass Leute mit Alzheimer oder Demenz in einem unbeobachteten Moment davon laufen und sich dann verirren könnten».
Lob von Alzheimervereinigung
Die noch junge Horgner Tagesstätte hat mehrfach schon öffentliche Anerkennung erhalten. Etwa in Form einer Zuwendung von 20000 Franken durch das Zürcher Spendenparlament. Oder mit dem mit 2000 Franken dotierten Anerkennungspreis «Focus» der Alzheimervereinigung Zürich. Geehrt wurde Monika Schalch 2006 damit für ihre «besonderen Verdienste zur Verbesserung der Lebensqualität von demenzkranken Menschen und deren Angehörigen».
Die Präsidentin der Alzheimervereinigung Zürich, Miriam Sticher, kennt den Tagaktiv-Betrieb von persönlichen Besuchen. Für Monika Schalch und ihr Team findet sie nur lobende Worte: «Mit grosser Sozialkompetenz wird ganz hervorragende Arbeit geleistet und das Tagaktiv ist freundlich, grosszügig und absolut zweckdienlich eingerichtet».
Zum Weitermachen entschlossen
Monika Schalch und ihr Team sind fest entschlossen, das Tagaktiv an einem neuen Standort weiterzuführen – «wie bis anhin auf qualitativ höchstem Niveau und in familiärer Atmosphäre». Die Schalchs können unter Einhaltung einer einmonatigen Kündigungsfrist auf jedes beliebige Monatsende hin vorzeitig aus ihrem heutigen Mietvertrag aussteigen. «Wir sind seit längerem intensiv auf der Suche nach geeigneten Ersatzräumlichkeiten», bestätigt Leo Schalch.
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Erstellt: 23.04.2009, 19:50 Uhr



































