Zürich

Wer mit dem Lokführer fährt, reist Extraklasse

Von Bettina Ledergerber. Aktualisiert am 25.02.2010 4 Kommentare

Der Blick über die Schultern eines SZU-Lokomotivführers ist fantastisch – aber erst, wenn man den Weichen vertraut. Eine Führerstandsfahrt.

Orange Welle: Der Lokführer winkt, die Gleisarbeiter winken zurück – jeden Tag, bei jeder Fahrt.

Silvia Luckner

Er hat die Aussicht und den Überblick: Lokomotivführer Rolf Meili.

Er hat die Aussicht und den Überblick: Lokomotivführer Rolf Meili.

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Sie kommen direkt auf uns zu. Die drei runden Lichter beleuchten den Tunnel unter der Sihl. Jetzt erscheint die Aufschrift «Dienstzug» – sie wird immer grösser. Während ich die Augen schliesse, ruckelt unsere S 10 der Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn (SZU) nach links. Unser Zug macht Platz, fährt auf die zweite Schiene nebenan, die Weiche kam gerade noch im richtigen Moment.

Lokomotivführer Rolf Meili kennt das Gefühl nur zu gut. Vor zehn Monaten hat er seine Ausbildung bei der SZU abgeschlossen. Er sagt, während er in den Bahnhof Selnau einfährt: «Es ist am Anfang sehr unangenehm, wenn einem ein anderer Zug entgegenfährt.» Es brauche etwas Zeit, bis man den Weichen vertraue.

Die Fahrt kostet 400 Franken

Die Passagiere hinten in den Wagen müssen ihre Augen nicht schliessen, wenn ihr Zug einen anderen kreuzt, sie kriegen keine flauen Mägen, kein Herzklopfen, bevor der Zug eine Weiche passiert. Gewöhnliche Passagiere reisen zweite Klasse, wer es sich leisten mag, steigt in der ersten Klasse ein. Auf den Strecken der SZU, ins Sihltal und auf den Uetliberg, kann man seit wenigen Tagen in Begleitung eines zweiten Lokführers auch im Führerstand mitfahren.

Für 400 Franken (1 Person) respektive 550 Franken (2 Personen) begleitet man einen Lokführer mit der S 4 bis Sihlwald und anschliessend mit der S 10 auf den Uetliberg, oder umgekehrt – der Prospekt verspricht ein «unvergessliches Bahnerlebnis».

Es herrscht wenig Betrieb an diesem Vormittag im Zürcher HB. Alle Züge verkehren pünktlich. Unspektakulär klingt Markus Kerns Begrüssung. Der Leiter Produktion und Chef der Lokführer begleitet uns bei unserer Fahrt. In einem kleinen Raum präsentiert er uns die Signalanlagen en miniature.

Die quadratischen Vorsignale warnen vor einem Stopp vor dem nächsten Hauptsignal oder stehen für eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Die rechteckigen Hauptsignale zeigen «freie Fahrt», «Halt», «Höchstgeschwindigkeit» von 40 oder 60 km/h. Zwei orange Lichter bei einem Vorsignal bedeuten eine Warnung, Freie Fahrt mit einem grünen Licht wird im Jargon Fahrbegriff 1 genannt, Fahrbegriff 2 ist eine Geschwindigkeitsankündigung von 40 km/h. Bei Fahrbegriff 3 beschleunigt der Lokführer bis auf 60 km/h.

Markus Kern erklärt uns noch viel mehr. Wie wichtig all die Informationen sind, wird uns wenig später bewusst, als wir endlich neben Rolf Meili in der S 4 stehen.

Der Lokführer-Albtraum

Selnau, Giesshübel, Saalsporthalle, Brunau, Manegg, Leimbach, Sood-Oberleimbach, Adliswil, Sihlau, Wildpark-Höfli, Langnau-Gattikon, Sihlwald. Elf Stationen in 25 Minuten. Ein Dutzend Vorsignale und zwanzig Hauptsignale, elfmal Halteorttafeln: Im Führerstand ist eine Zugfahrt gefühlsmässig so kurz wie sonst nie, wenn man sich zum ersten Mal auf alle Signale konzentriert wie wir. Mein Kopf ist voller Anzeigetafeln. Die Lichter blinken, wechseln von Orange auf Grün, von Grün auf Rot.

Laut Kern kommt es bei der SZU aber selten vor, dass ein Lokführer ein Signal übersieht. Wenn er zu spät reagiert, kommt bei den Signalen sofort ein Zug-sicherungssystem zum Einsatz. Es ist ein Lokführer-Albtraum, wenn es greifen muss.

Lokomotivführer mögen Bahnübergänge nicht. Sie sind gefährlich, weil Fahrgäste immer wieder unter den geschlossen Barrieren durcheilen, um einen Zug noch zu erreichen, oder Autos zwischen den Holmen stehen bleiben. Auch Lokführer Meili hat Letzteres schon erlebt. Es war bei der Rückfahrt in den Hauptbahnhof. Er erzählt, wie er eine Schnellbremsung einleiten musste. Bis zu drei Bremssysteme können dabei gleichzeitig greifen. «Je nach Situation kann es sehr knapp werden», sagt er.

An Bäumen und Blöcken vorbei

Lokführer Meili hat alles im Griff. Seine linke Hand ruht auf dem Bremshebel, mit seiner rechten hält er das Rad. Wenn er es nach rechts dreht, beschleunigt er, eine Drehung nach links bremst den Zug elektrisch. Die Landschaft zieht vorbei, wir fahren unter Autobahnen hindurch, an Häuserblöcken und an Alleen vorbei. Ein Blick aus einem Panoramawagen ist nichts im Vergleich zur Sicht, die ein Lokführer hat.

Vier Gleisarbeiter in Orange eilen weiter vorne von den Gleisen. Ihr Leiter muss der Leitstelle der SZU im Giesshübel erst per Funk durchgeben, dass die Gleise für die Weiterfahrt nach Adliswil frei sind. Erst dann schaltet das Signal auf «freie Fahrt». Lokführer Meili winkt den Männern am Streckenrand zu. Die Arbeiter winken zurück, es sieht aus, wie eine orange Welle – einer hebt seinen Hut. Das Ritual wiederholt sich bei der Rückfahrt. Es wiederholt sich bei jeder Fahrt, jeden Tag

Nicht nur für Bahnfreaks

«Wir wollen unseren Kunden etwas Aussergewöhnliches bieten. Eine Führerstandsfahrt soll jedermann etwas bringen – nicht nur Eisenbahnfreaks», sagt unser Begleiter Markus Kern zwischen den beiden Fahrten bei Kaffee und Gipfeli.

Viel Zeit zum Plaudern bleibt nicht. Der Fahrplan ist dicht, der Zehn-Minuten-Takt erlaubt fast keine Verspätungen. Wenig Verständnis haben Meili und Kern für Passagiere, die Türen blockieren. Nur schon kleine Verspätungen handeln auch nachfolgenden und entgegenkommenden Zügen Verspätungen ein. Nichtsdestotrotz: Ältere Menschen und Frauen mit Kinderwagen, die spät dran sind, hätten bei Meili die besten Chancen, noch mitgenommen zu werden.

Die fantastische Aussicht vom Uetliberg eine Fahrt später geniessen wir nur für zehn Minuten. Schon geht es zurück nach Zürich. Am besten steigt man gleich noch einmal in die S 10 oder die S 4. Doch die Fahrt danach in der zweiten Klasse fühlt sich irgendwie zu alltäglich an.

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom linken Seeufer gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an horgen@tages-anzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2010, 04:00 Uhr

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4 Kommentare

Werner Holliger

25.02.2010, 11:43 Uhr
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Kleiner Tipp: Bis am 21.3.2010 verkehrt zwischen Zürich und Stuttgart noch der ICE (ich nenne ihn zwar TGV=Train a grandes vibrations). Dort kann man ohne Aufschlag direkt hinter dem Lokführer Platz nehmen, Richtung Stuttgart ists meist 1. Klasse, Richtung Zürich meistens 2. Klasse. Nachher gehts nicht mehr, dann verkehren zwischen Zürich und Stuttgart richtige ;-) Züge. Antworten


Jean Pierre Cotti

25.02.2010, 12:14 Uhr
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Es ist gut, wenn Passagiere "hinter die Weichen" sehen können. So haben wir mehr Verständnis für die anspruchsvollen Aufgaben des Bahnpersonals und verhalten uns angemessener, eben weil wir wissen, was alles daran hängt, wenn wir zB die Türe blockieren. Aber auch, wie viel für die Sicherheit getan wird, ist gut, zu wissen. Sobald etwas passiert, wissen ohnehin alle, was hätte besser sein müssen. Antworten



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