150 Personen protestierten gegen Jugendgewalt in Dübendorf

Von Thomas Bacher. Aktualisiert am 02.06.2010 5 Kommentare

Mütter von Opfern sprechen von schwerwiegenden Vorfällen. Die Stadt will nun mit den Eltern nach Lösungen suchen, versucht aber auch die Wogen zu glätten: In Dübendorf sei es nicht schlimmer als anderswo.

Wenn Mütter zu Löwinnen werden: Christa Riesen, Rosetta D’Alessandro und Nadine Schori (von links) an der Kundgebung. (Bild: Christoph Kaminski)

Rund 150 Personen versammelten sich am Dienstag Abend auf dem Stadthausplatz, um gegen die Jugendgewalt in Dübendorf zu demonstrieren. Das Publikum war bunt gemischt: Kulturschaffende, SVP-Politiker, Alte, Kinder, Jugendliche. Zur Kundgebung aufgerufen hatten drei Mütter. Zwei von ihnen haben Söhne, die selber Opfer von Gewalt geworden sind. Nadine Schori berichtete auf einem zum Podest umfunktionierten Pick-up über verschiedene Vorfälle und Gewalttaten, hinter denen vor allem eine Gruppe Jugendlicher mit Migrationshintergrund stehen soll. Sogar ein Lehrer sei tätlich angegriffen worden, erzählte sie dem Publikum, das die Ansprachen immer wieder mit Applaus quittierte. Und Rosetta D’Alessandro machte klar: «Wir sind nicht bereit, uns den öffentlichen Raum von einer Handvoll verirrter und verwirrter Jugendlicher streitig machen zu lassen», sagte sie und forderte sofortige Massnahmen.

Christa Riesen schliesslich erklärte, sie wolle nicht mitansehen, wie die Sicherheit in der Schweiz langsam abhanden komme. Man dürfe nicht tolerieren, dass Junge ihren Frust mit Gewalt auslebten. Täter müssten schneller und härter bestraft werden. Und wenn dies innerhalb des geltenden gesetzlichen Rahmens nicht möglich sei, dann müsse man sich überlegen, das Gesetz entsprechend anzupassen. Es dürfe nicht sein, dass Jugendliche unter dem Schutz eines kuscheligen Strafgesetzes Leute einschüchterten. Zuletzt forderte die zweifache Mutter eine Online-Plattform, auf der Delikte angstfrei gemeldet werden könnten, und die auch als Netzwerk für Betroffene, Behörden, Schule und andere Instanzen dienen würde.

Bei Gewalt nicht wegschauen

Stadtpräsident Lothar Ziörjen (BDP) dankte den drei Müttern für den Mut, sich mit diesem Thema zu exponieren – das sei nicht einfach und zeige, wie hoch der Leidensdruck sei. Es sagte, Behörden, Eltern und weitere Stellen sollten sich jetzt gemeinsam überlegen, wie dieses Problem anzugehen sei. Und er lud die Mütter an einen runden Tisch ein. Wichtig sei aber auch die soziale Kontrolle, denn die Polizei könne nicht immer präsent sein. Man dürfe bei Gewalt nicht wegschauen, sondern müsse Öffentlichkeit herstellen, zum Telefon greifen. Sicherheitsvorstand André Ingold (SVP) wies seinerseits darauf hin, dass die Polizei nicht handeln könne, wenn Vorfälle nicht gemeldet würden.

Mit Autos nach Opfern gesucht

Den Protest der Mütter ins Rollen gebracht hatte ein Vorfall an einem Freitagabend Mitte April. Damals trafen zwei 17-Jährige im Stadtzentrum auf eine Gruppe Jugendlicher. Es wurden ein paar Sprüche geklopft, «harmlose Sachen», wie Nadine Schori weiss. Es ging um ein Mädchen. Dann plötzlich seien die zwei von einem Dutzend Personen umzingelt gewesen und verprügelt worden. Irgendwann konnten die Opfer fliehen; in Panik irrten sie durch die Stadt. In der Zwischenzeit hatten die Täter ältere Kollegen mobilisiert. Mit Autos machten sie sich auf die Suche nach den beiden. «Tage später haben sie den Kollegen meines Sohns erneut bedroht. Sie waren der Meinung, dass die beiden noch nicht genug Prügel bekommen haben», sagt Schori. Das hätten sie ihr selbst gesagt, als sie einige der Gruppe später zur Rede gestellt habe. «Und auch mir haben sie gedroht.»

Anfänglich wollten die Opfer keine Anzeige erstatten, weil sie glaubten, dass das nichts bringe. Später haben sie sich aber doch dazu entschieden. Die eigentlichen Schläger sind den zwei 17-Jährigen zwar nicht bekannt, wohl aber einige der Mitläufer. Wegen der laufenden Ermittlungen kann die Kantonspolizei noch keine Angaben zum Fall machen. Nadine Schori weiss aber, dass die identifizierten Jugendlichen in der Zwischenzeit vernommen worden sind. Vergangene Woche sei sie deshalb von ihnen angepöbelt worden. Auch das habe sie wieder der Polizei gemeldet. Und als sie den Jugendlichen das letzte Mal begegnet sei, hätten diese kein Wort mehr gesagt. «Es hat also wohl doch etwas gebracht.»

Blumen als Dank für Einsatz

Parallel zur Anzeige haben die betroffenen Mütter Vereine, Freunde und Bekannte per E-Mail zur gestrigen Kundgebung aufgerufen. Die Rückmeldungen seien zahlreich gewesen. «Viele Leute bedankten sich, dass endlich mal jemand etwas dagegen unternimmt.» Sogar Blumen habe sie bekommen. Und verschiedene Mails von Personen, die ebenfalls Opfer von Gewalt geworden sind. Die vielen Reaktionen hätten sie erstaunt, aber auch erschreckt, sagt Schori. Sie selbst hat durch den Vorfall eine ganz neue Seite an sich entdeckt. «Im ersten Moment hatte ich Mordgedanken, und ich stellte mir vor, was ich mit den Tätern alles anstellen würde.» Doch das habe sich inzwischen glücklicherweise wieder gelegt.

Diffuse Ängste vor Jugendlichen

Bei der Stadt hat man keine Zunahme von Jugendgewalt registriert. Zum konkreten Fall könne er sich aufgrund des laufenden Verfahrens nicht äussern, sagt Marco Strebel, Leiter der Abteilung Sicherheit. Er gehe aber davon aus, dass es sich um einen Einzelfall handle. Dies habe eine Rücksprache mit der Idee Jugend, einem Netzwerk mit Fachpersonen, ergeben. Sollte man in Dübendorf tatsächlich ein Problem mit Gewalt bekommen, könnte die Polizei im Rahmen ihrer Patrouillentätigkeit darauf reagieren. Wichtig sei aber auf jeden Fall, dass die Opfer Anzeige erstatteten.

Auch der städtische Kinder- und Jugendbeauftragte Stefan Ritz ist nichts bekannt von einer grösseren Jugendgang, die in Dübendorf ihr Unwesen treiben soll. «Falls das so wäre, wüssten unsere Streetworker davon; sie suchen die Jugendlichen regelmässig an ihren Treffpunkten auf», sagt er. Es gebe einzelne Täter und kleinere Gruppen. Letztlich sei die Gewalt in Dübendorf aber nicht grösser als in vergleichbaren Städten. «Und wir leben nun einmal nicht in einer heilen Welt.»

Er könne verstehen, dass Eltern von Opfern die zuständigen Stellen zum Handeln aufforderten. Es sei aber nicht so, dass die Stadt nichts gegen Jugendgewalt unternehme. «Wenn entsprechende Vorkommnisse gemeldet werden, sucht die Polizei oder die Jugendarbeit die genannten Orte auf», sagt Ritz. Doch solche Meldungen gingen nicht häufig ein. Oft seien die Ängste im Zusammenhang mit Jugendgewalt auch recht diffus, weiss Ritz. «Wer nicht viel mit Jugendlichen zu tun hat, fühlt sich vielleicht schon eingeschüchtert, wenn ein paar Junge am Bahnhof lautstark miteinander diskutieren.»

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Erstellt: 01.06.2010, 21:12 Uhr

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5 Kommentare

Gion Saram

02.06.2010, 12:25 Uhr
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Interessant sind die unterschiedlichen Standpunkte. Die Mutter Nadine Schori entwickelt Mordphantasien und die gewählten Behördenvertretern reden von Einzelfällen und einer Situation die nicht schlimmer ist als anderswo. Wer von beiden hat wohl den besseren Draht zur Jugendrealität, die Mütter oder die Politiker? Antworten


Rudolf Friederich

02.06.2010, 13:45 Uhr
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Leider verschliesst auch unsere (Dübendorfer) Behörden die Augen vor den Tatsachen. Diffuse Ängste? Wohl kaum. Haben sich die drei Mütter vielleicht unklar und diffus ausgedrückt? Machten sie schwammige und unsichere Angaben über die Vorfälle? Die billigste Ausrede ist immer die, in anderen Städten wäre es genauso. Das beste Argument, um nichts weiter zu unternehmen. Fauler gehts kaum. Antworten



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