Zürich
«Das Christliche hat es derzeit schwer»
Sektenexperte Georg O. Schmid: «Islam hat gewisse Anziehung auf Junge.» (Bild: Christoph Kaminski)
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Zur Person
Georg Otto Schmid (42) ist Mitarbeiter der evangelischen Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen in Rüti. Getragen wird die in den 1960er-Jahren von Oswald Eggenberger gegründete Organisation von der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons Zürich.
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Herr Schmid, gibt es im Zürcher Oberland tatsächlich mehr Freikirchen und religiöse Gruppen als anderswo?
Nun, in der Stadt Zürich gibt es zahlenmässig mehr Kirchen und Gruppierungen als im Oberland. Bloss leben in der Stadt auch deutlich mehr Leute als hier, und es finden sich Menschen mit allen möglichen Traditionen und Religionen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist das Oberland aber schon eine speziell religiöse Gegend.
Warum ist das so?
Das ist historisch bedingt und hat mit der sozialen und geografischen Lage zu tun. Je weiter weg vom Zentrum ein Gebiet liegt und je hügeliger und damit unwegsamer es ist, desto eher entzieht es sich der Obrigkeitskontrolle. Das lässt sich auch an anderen Gebieten wie beispielsweise dem Emmental beobachten.
Aber heute ist das doch nicht mehr relevant. Die Agglomeration Zürich reicht ja längst bis an den Fuss des Bachtels.
Die Gegensätze verschwinden in der Tat allmählich. Aber soziologisch gewachsene Strukturen verwischen sich nicht so schnell. Das lässt sich gut daran ablesen, wer Mitglied einer Freikirche wird: Es sind fast immer Menschen, die in einem freikirchlichen Umfeld aufgewachsen sind. Das sieht man schön am Beispiel der verhältnismässig jungen ICF Church (International Christian Fellowship, Anmerkung der Redaktion). Das Publikum der ICF, die seit Oktober 2005 in Wetzikon präsent ist, setzt sich primär aus evangelikaler Jugend aus Landes- und Freikirchen zusammen.
Wie hat sich die religiöse Landschaft im Zürcher Oberland in den letzten Jahren verändert?
Während Freikirchen in den 1980er-Jahren insgesamt leicht zunahmen, ebbte diese Welle in den 1990er-Jahren ab. Die Bedeutung der organisierten christlichen Religiosität nimmt momentan eher ab. Das ist ein Trend, den ich aber nicht nur im Oberland feststelle.
Stecken die Freikirchen in einer Krise?
Abgesehen von denjenigen Gemeinden, die gerade trendy sind, kämpfen die meisten Freikirchen heute mit ähnlichen Problemen wie die Landeskirche. Der Altersdurchschnitt der Gottesdienstbesucher steigt, Jugendliche suchen sich Gemeinschaften mit gleichaltrigen und weniger verbindliche Angebote.
Welches sind die gegenwärtigen «Musts» für junge freikirchliche Christen?
Ganz eindeutig Angebote, wie sie etwa die ICF offeriert: moderne Form, wenig theologische Inhalte.
Können Sie das mit Beispielen verdeutlichen?
Nehmen wir die Lieder. Während in der Landeskirche Liedgut über Jahrhunderte tradiert wird, gibt es in modernen freikirchlichen Gottesdiensten keine Liederbücher mehr. Was heute in ist, ist morgen längst vergessen. Daher werden die Lieder auf die Leinwand projiziert und nach Möglichkeit von einer Band poppig intoniert. Derweil ist die verbreitete Theologie meist einfach geschnitzt. Einfache Antworten auf einfache Fragen.
Ihre Informationsstelle trägt laufend Informationen zu allen möglichen Freikirchen und Sondergruppen zusammen. Selbst kleinste skurrile Zirkel sind nicht sicher vor Ihnen. Wie kommen Sie zu Ihren Informationen?
Auf verschiedenen Kanälen. So werden wir beispielsweise über Anfragen zu neuen Gruppen auf diese aufmerksam. Ganz wichtig sind persönliche Besuche bei den verschiedenen Gemeinschaften. Dennoch darf man nicht auf sie allein abstellen. Denn gerade bei kleinen Gruppen verändert meine Anwesenheit eine Veranstaltung. Die Leute wissen um mich und verhalten sich anders als unter ihresgleichen.
Können Sie denn einfach so in einen Gottesdienst einer Freikirche oder gar Sekte spazieren und sich umsehen? Immerhin dürften Sie weitherum bekannt sein und wegen Ihrer kritischen Distanz nicht nur herzlich empfangen werden.
Vor die Tür gesetzt hat man mich noch nie. Dass aber immer Freude herrscht, wenn der Experte vorbeischaut, wäre vielleicht etwas viel verlangt.
Wie reagieren Sekten auf die Informationsstelle?
Manche Gruppen, die mit unserer Berichterstattung nicht einverstanden sind, versuchen uns mit der Androhung juristischer Schritte einzuschüchtern. Ganz negativ reagieren oft diejenigen Gemeinschaften, über die erstmals geschrieben wird. Sie sind es noch nicht gewohnt, mit Kritik umzugehen.
Wohin geht Ihrer Ansicht nach die religiöse Entwicklung?
(lacht) Bezüglich Prognosen bin ich vorsichtig geworden.
Warum?
Als die ICF Zürich ums Jahr 2006 herum stark schrumpfte und andere ICFs gar eingingen, hielt ich ein baldiges Ende der ganzen Bewegung für möglich. Das hat sich aber nicht bestätigt.
Generelle Tendenzen können Sie aber bestimmt ausmachen.
Grundsätzlich hat es das Christliche derzeit schwer. Es ist nicht trendy. Im Gegensatz etwa zum Buddhismus oder zur Yoga-Bewegung. Daneben hat der Islam eine gewisse Anziehung auf junge Menschen – als Protestreligion. Gesellschaftlich mehrheitsfähig ist er aber nicht.
Sehen Sie demnach einen Niedergang des Christentums in einer seiner Hochburgen, dem Zürcher Oberland?
Nein, das kann man so nicht sagen. Im religiösen Bereich gab es und gibt es ein stetes Auf und Ab. In dieser Wellenbewegung befindet sich das Christliche nach meiner Beobachtung gegenwärtig in einer Talsohle. Vom Ende des Christlichen oder gar des Religiösen zu sprechen, wäre aber völlig falsch. Ich bin sicher, dass das Christentum irgendwann wieder zum Trend wird.
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Erstellt: 13.07.2009, 19:06 Uhr
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