Zürich

Startseite · Abo · Immobilien · Job · Auto · Kleinanzeigen

«Das Christliche hat es derzeit schwer»

Von Walter von Arburg. Aktualisiert am 13.07.2009

Charakteristisch für das Zürcher Oberland ist eine ausgeprägte Religiosität. Das bestätigt Georg Otto Schmid. Der Fachmann stellt aber einen Trend weg von christlichen Kirchen fest.

Sektenexperte Georg O. Schmid: «Islam hat gewisse Anziehung auf Junge.»

Sektenexperte Georg O. Schmid: «Islam hat gewisse Anziehung auf Junge.» (Bild: Christoph Kaminski)

Links

Zur Person

Georg Otto Schmid (42) ist Mitarbeiter der evangelischen Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen in Rüti. Getragen wird die in den 1960er-Jahren von Oswald Eggenberger gegründete Organisation von der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons Zürich.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Herr Schmid, gibt es im Zürcher Oberland tatsächlich mehr Freikirchen und religiöse Gruppen als anderswo?
Nun, in der Stadt Zürich gibt es zahlenmässig mehr Kirchen und Gruppierungen als im Oberland. Bloss leben in der Stadt auch deutlich mehr Leute als hier, und es finden sich Menschen mit allen möglichen Traditionen und Religionen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist das Oberland aber schon eine speziell religiöse Gegend.

Warum ist das so?
Das ist historisch bedingt und hat mit der sozialen und geografischen Lage zu tun. Je weiter weg vom Zentrum ein Gebiet liegt und je hügeliger und damit unwegsamer es ist, desto eher entzieht es sich der Obrigkeitskontrolle. Das lässt sich auch an anderen Gebieten wie beispielsweise dem Emmental beobachten.

Aber heute ist das doch nicht mehr relevant. Die Agglomeration Zürich reicht ja längst bis an den Fuss des Bachtels.
Die Gegensätze verschwinden in der Tat allmählich. Aber soziologisch gewachsene Strukturen verwischen sich nicht so schnell. Das lässt sich gut daran ablesen, wer Mitglied einer Freikirche wird: Es sind fast immer Menschen, die in einem freikirchlichen Umfeld aufgewachsen sind. Das sieht man schön am Beispiel der verhältnismässig jungen ICF Church (International Christian Fellowship, Anmerkung der Redaktion). Das Publikum der ICF, die seit Oktober 2005 in Wetzikon präsent ist, setzt sich primär aus evangelikaler Jugend aus Landes- und Freikirchen zusammen.

Wie hat sich die religiöse Landschaft im Zürcher Oberland in den letzten Jahren verändert?
Während Freikirchen in den 1980er-Jahren insgesamt leicht zunahmen, ebbte diese Welle in den 1990er-Jahren ab. Die Bedeutung der organisierten christlichen Religiosität nimmt momentan eher ab. Das ist ein Trend, den ich aber nicht nur im Oberland feststelle.

Stecken die Freikirchen in einer Krise?
Abgesehen von denjenigen Gemeinden, die gerade trendy sind, kämpfen die meisten Freikirchen heute mit ähnlichen Problemen wie die Landeskirche. Der Altersdurchschnitt der Gottesdienstbesucher steigt, Jugendliche suchen sich Gemeinschaften mit gleichaltrigen und weniger verbindliche Angebote.

Welches sind die gegenwärtigen «Musts» für junge freikirchliche Christen?
Ganz eindeutig Angebote, wie sie etwa die ICF offeriert: moderne Form, wenig theologische Inhalte.

Können Sie das mit Beispielen verdeutlichen?
Nehmen wir die Lieder. Während in der Landeskirche Liedgut über Jahrhunderte tradiert wird, gibt es in modernen freikirchlichen Gottesdiensten keine Liederbücher mehr. Was heute in ist, ist morgen längst vergessen. Daher werden die Lieder auf die Leinwand projiziert und nach Möglichkeit von einer Band poppig intoniert. Derweil ist die verbreitete Theologie meist einfach geschnitzt. Einfache Antworten auf einfache Fragen.

Ihre Informationsstelle trägt laufend Informationen zu allen möglichen Freikirchen und Sondergruppen zusammen. Selbst kleinste skurrile Zirkel sind nicht sicher vor Ihnen. Wie kommen Sie zu Ihren Informationen?
Auf verschiedenen Kanälen. So werden wir beispielsweise über Anfragen zu neuen Gruppen auf diese aufmerksam. Ganz wichtig sind persönliche Besuche bei den verschiedenen Gemeinschaften. Dennoch darf man nicht auf sie allein abstellen. Denn gerade bei kleinen Gruppen verändert meine Anwesenheit eine Veranstaltung. Die Leute wissen um mich und verhalten sich anders als unter ihresgleichen.

Können Sie denn einfach so in einen Gottesdienst einer Freikirche oder gar Sekte spazieren und sich umsehen? Immerhin dürften Sie weitherum bekannt sein und wegen Ihrer kritischen Distanz nicht nur herzlich empfangen werden.
Vor die Tür gesetzt hat man mich noch nie. Dass aber immer Freude herrscht, wenn der Experte vorbeischaut, wäre vielleicht etwas viel verlangt.

Wie reagieren Sekten auf die Informationsstelle?
Manche Gruppen, die mit unserer Berichterstattung nicht einverstanden sind, versuchen uns mit der Androhung juristischer Schritte einzuschüchtern. Ganz negativ reagieren oft diejenigen Gemeinschaften, über die erstmals geschrieben wird. Sie sind es noch nicht gewohnt, mit Kritik umzugehen.

Wohin geht Ihrer Ansicht nach die religiöse Entwicklung?
(lacht) Bezüglich Prognosen bin ich vorsichtig geworden.

Warum?
Als die ICF Zürich ums Jahr 2006 herum stark schrumpfte und andere ICFs gar eingingen, hielt ich ein baldiges Ende der ganzen Bewegung für möglich. Das hat sich aber nicht bestätigt.

Generelle Tendenzen können Sie aber bestimmt ausmachen.
Grundsätzlich hat es das Christliche derzeit schwer. Es ist nicht trendy. Im Gegensatz etwa zum Buddhismus oder zur Yoga-Bewegung. Daneben hat der Islam eine gewisse Anziehung auf junge Menschen – als Protestreligion. Gesellschaftlich mehrheitsfähig ist er aber nicht.

Sehen Sie demnach einen Niedergang des Christentums in einer seiner Hochburgen, dem Zürcher Oberland?
Nein, das kann man so nicht sagen. Im religiösen Bereich gab es und gibt es ein stetes Auf und Ab. In dieser Wellenbewegung befindet sich das Christliche nach meiner Beobachtung gegenwärtig in einer Talsohle. Vom Ende des Christlichen oder gar des Religiösen zu sprechen, wäre aber völlig falsch. Ich bin sicher, dass das Christentum irgendwann wieder zum Trend wird.

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom Oberland gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an oberland@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2009, 19:06 Uhr

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Zürich

Lokalverzeichnis

Werbung

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

HR Manager/in planova human capital ag, Aarau

HR-Fachmann/-fachfrau BP planova human capital ag, Bern

SAP BO Spezialist (m/w) planova human capital ag, Solothurn

Populär auf Facebook – Privatsphäre

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Regulatory Affairs Manager Jörg Lienert, Jonen

Objektberater/Produktmanager (m/w) Jörg Lienert, Altendorf

Directeur/trice Commercial FVS Group, Martigny

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?




Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.