Die Lehmhütte als einzige Lösung
Von Marc Ulrich. Aktualisiert am 30.10.2010 6 Kommentare
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Emelda wächst in Kibera auf. Kibera ist ein Slum in Kenias Hauptstadt Nairobi, einer der grössten in Afrika. Kibera bedeutet Wald oder Dschungel. 300'000 Menschen leben auf einem Quadratkilometer. Es gibt keine Kanalisation – Abwasser, Abfälle und Fäkalien verursachen eine hohe Verschmutzung, die eine hohe Krankheitsrate nach sich zieht. Die dreijährige Emelda bekommt davon nichts mit. Sie lebt in ihrer eigenen, drei auf drei Meter grossen Welt. Jeden Morgen sperrt sie ihre Mutter in der kleinen Wellblechhütte ein. Erst abends, wenn die Mutter von der Arbeit nach Hause kommt, erfährt sie wieder einen Hauch von Sozialisation. Eines Tages läuft die Mutter an einem Schild vorbei, das vor einer kleinen Lehmhütte im Boden steckt. «Kidsstar Academy» prangt auf dem Schild. Eine Schule, welche die Kinder tagsüber aufnimmt und ihnen für monatlich 250 Schilling (umgerechnet 3 Franken) eine Ausbildung anbietet. Die Mutter schickt Emelda in diese Schule. Das schüchterne, fast apathische Mädchen trifft dort erstmals auf andere Kinder. Und auf Alex Weigel.
Die prägende Reise
Weigel ist der Gründer der Kidsstar Academy und des für die Schule zuständigen Hilfswerks Good Hearts Organization in Dübendorf. Das Hilfswerk versucht, Menschen, die von Armut und deren Auswirkungen betroffen sind, zu helfen. «Der Fokus liegt dabei auf der Hilfe und dem Schutz für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene», sagt Weigel. Die Organisation wolle so nachhaltige Verbesserungen für die Individuen und die Gesellschaft in Kibera erreichen.
Die Idee zum Hilfswerk entstand im August 2008. «Meine Tochter Johanna und ich machten eine Reise nach Nairobi», erzählt Weigel. Sie besuchten Inge Schmidt, die sich seit Jahren in Nairobi mit Hilfsprojekten engagiert. Schmidt, ebenfalls eine gebürtige Dübendorferin, führte die Besucher durch die Slums. Die Erlebnisse prägten Weigel nachhaltig. «Wir sahen einerseits das Elend und die Armut, andererseits aber auch viele Leute, die wirklich helfen wollten, die Situation in den Slums zu verbessern.»
Und dann brach er seine Zelte ab
Weigel entschloss sich, ein Hilfswerk aufzubauen. «Im Dezember 2008 reiste ich bereits wieder nach Nairobi», erzählt er. Der Pensionskassenverwalter und EDV-Spezialist kündigte seinen Job und gab seine Wohnung auf. In Kibera kontaktierte er die Leute, die er im Sommer kennen gelernt hatte, und begann, ein Netzwerk zu knüpfen, das fähig war, nachhaltige Hilfe aufzubauen. Da der Bau einer Krankenstation und eines Heimes für Aidswaisen zu teuer war, entschied er sich, eine Schule zu gründen. «Mithilfe des Gebietsältesten traf ich eine Montessori-Lehrerin, die mit mir die Schule aufbaute», sagt Weigel. Neben dem Schulbetrieb wollten sie den Kindern auch zwei warme Mahlzeiten pro Tag und medizinische Betreuung bieten. Weigel selbst kam in einer für Slumverhältnisse noblen Wohnung unter.
Im Januar 2009 begann der Schulbetrieb in der kleinen, strom- und wasserlosen Lehmhütte, die nur drei auf sechs Meter gross war. «In Kibera ist es schwierig, freie Räumlichkeiten zu finden», erklärt Weigel. «Die Lehmhütte war damals die einzige Lösung.» Die Kosten habe er aus eigener Tasche bestritten. Das Schulangebot stiess im Slum auf grosses Interesse – heute kümmern sich bereits sechs Angestellte um 70 Kinder im Alter von drei bis acht Jahren.
Kriminalität und Korruption
Am 7. Mai 2009 gründete Weigel mit seiner Tochter sowie Schweizer Freunden und Bekannten die Good Hearts Organization. Freunde und Bekannte sind es auch, die den grössten Teil der Gönnerbeiträge spendeten. «In den eineinhalb Jahren wurden mehr als 50'000 Franken gespendet», sagt Weigel. Trotzdem sei er schon mehrere Male knapp am finanziellen Ruin vorbeigeschrammt. «Essen für 70 Kinder und Angestellte, Wasser, Schulmaterial, Miete, Löhne – auch in Kenia summiert sich dies.» Weigel hofft deshalb auch auf Gönnerbeiträge von Leuten aus der Schweizer Bevölkerung. Die Lehmhütte ist heute einer Wellblechhütte gewichen, die in drei Klassenzimmer unterteilt ist. «Wir brauchten mehr Platz», erzählt Weigel. Zurzeit ist er auf der Suche nach einem Stück Land, auf dem er eine richtige Primar- und Sekundarschule bauen kann. «Eigentlich hatte mir die Regierung ein Stück Land geschenkt. Leider waren aber auch einige mächtige Männer, die das Viertel kontrollieren, hinter diesem Grundstück her.» Weigel entschied sich, einem Konflikt aus dem Weg zu gehen und auf das Land zu verzichten. «Ich habe schliesslich genug Probleme», lacht er. In der Schule wurde zweimal eingebrochen, ein Wassertank und Schulmaterial geklaut. Auch Weigel wurde auf der Strasse überfallen und ausgeraubt.
Machtmissbrauch, Kriminalität und Korruption finde man in Kibera an jeder Strassenecke, erklärt er weiter. «Sämtliche Mitglieder des ersten Vorstands der Good Hearts Kenia musste ich ersetzen, weil sie Geld unterschlagen hatten. Wenn in Kibera jemand betrügen kann, dann ist die Gefahr gross, dass er es auch tut.» Aus diesem Grund achtet Weigel darauf, nur Leute zu engagieren, denen er vertrauen kann. «Mit ehrlichen und aufrichtigen Menschen ist es auch möglich, Veränderungen zu bewirken.»
Als Vorzeigegeschichte nennt Weigel gerne Emelda, die ein Sinnbild für viele andere Kinder in Kibera darstelle. «Am Anfang war sie völlig verstört und fand keinen Draht zu den anderen Kindern», erzählt er. «Nach und nach fand sie sich aber besser zurecht – heute ist sie das soziale Gewissen der Schule. Sie versucht, sich um alle Kinder zu kümmern.» Für Weigel sind es Geschichten wie diese, die ihm die Bestätigung geben, das Richtige zu tun. Und die ihn hoffen lassen, dass eines Tages sein Traum von der neuen Schule und der Krankenstation in Erfüllung geht.
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Erstellt: 30.10.2010, 20:32 Uhr


