Zürich
Engadiner Alp im Parfümfläschchen
Von Nicole Zurbuchen. Aktualisiert am 22.03.2010
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Moderator Nicolas Lindt mag keine Aromastoffe im Joghurt. Das sagt er Bibi Bigler, seinem Gast in der Sternstunde im Oberladen Wald am Freitagabend, unverblümt. Die Grüninger Parfümeurin verteidigt sich: «Die Konsumenten haben sich an intensive Aromen gewöhnt», erklärt sie. «Erdbeerpüree schmeckt ziemlich fad, deshalb werden dem Joghurt sogenannte naturidentische Aromen beigefügt.» Diese Aromen bestehen aus den gleichen Molekülen wie echte Erdbeeren. Der einzige Unterschied sei, dass sie synthetisch hergestellt würden, erklärt die Biologin.
Bibi Bigler arbeitete 12 Jahre lang bei der Firma Givaudan, der weltweit grössten Herstellerin von Duft- und Aromastoffen. In der Dübendorfer Niederlassung kreierte sie die unterschiedlichsten Aromen: «Es war mein Traumjob», schwärmt sie und erzählt von einigen Hundert verschiedenen Erdbeeraromen, die mal frisch-fruchtig, mal klebrig-süss dufteten. «Der Bedarf an aromatisierten Joghurts, Glaces, Kaugummis und Bonbons kann mit natürlichem Erdbeeraroma nicht gedeckt werden», sagt Bigler. «Dafür bräuchten wir ein Erdbeerfeld von der Grösse Deutschlands.» Dasselbe gilt für Vanille, Rosenblüten und andere kostbare Essenzen. Es sei gut, dass sich Düfte wie Moschus heute synthetisch herstellen lassen, fährt die Grüningerin fort. Denn alleine für den begehrten Moschusduft seien früher im Himalaja pro Jahr 50'000 Moschushirsche getötet worden.
Traumjob verloren
Vor rund zwei Jahren erlebte Bibi Bigler den Schock ihres Lebens: Ihre Stelle wurde aufgrund einer Umstrukturierung gestrichen. Für sie war es «die Katastrophe» schlechthin. Im Nachhinein darf man das Unglück vielleicht als Glücksfall bezeichnen: Die damals 40-Jährige nahm eine Auszeit. Einen Sommer lang, auf der einsam gelegenen Engadiner Alp Sarsura, hütete sie 350 Schafe. Bigler spricht von ihrer romantischen kleinen Hütte und meint damit auch: kein WC, keine Dusche. Dankbar ist die Parfümeurin ihrem Partner, der sich damals um den Haushalt und die vier Kinder kümmerte, während sie auf der Alp Blumendüfte sammelte – und die Dufterlebnisse in ihrem Gedächtnis abspeicherte.
Wie man sich Gerüche einprägt und sie auf Kommando abruft, hatte sie in ihrer anspruchsvollen Ausbildung zur Parfümeurin in Südfrankreich gelernt. Dort musste ihre Nase von morgens bis abends riechen: Sie musste den Geruch von über 1000 natürlichen und synthetischen Duftbausteinen erkennen und beispielsweise sechs Lavendelsorten unterscheiden.
Der Duft, der die Oberländerin auf der Alp am stärksten betörte, stammt von einer seltenen Bergblume: der Prachtsnelke. Mit einer Glasglocke fing sie den Duft ein, um ihn später im Labor zu analysieren. Sie tüftelte zwei Jahre lang, kombinierte die Prachtsnelke mit den verschiedenen Kopf- und Basisnoten. Dann hatte sie es, ihr erstes Damenparfüm, das den Namen «Splendur» trägt: Mandarinen- und Orangenöl, Vanille, Moschus: fein würzig, süss-blumig, lilienähnlich und pudrig. Ein zweites Parfüm – für Männer – entstand wenig später aus einem weiteren Engadiner Geruchserlebnis: dem Harz der Arve, das Bigler zu ätherischem Öl destillierte. Vermarkten will die Parfümeurin ihre Kreationen vorerst in Fünf-Sterne-Berghotels, in Boutiquen und übers Internet.
Schon als Kind fasziniert
Während sie Nicolas Lindts Fragen beantwortet, schnuppern die rund 20 Zuhörer intensiv – und teilweise mit sichtlicher Begeisterung – an den verteilten Duftstreifen. Bibi Bigler ist schon als Kleinkind von Düften fasziniert gewesen. Während andere Kinder Gegenstände in den Mund stecken, um sie zu erkunden, hielt Bibi sie an die Nase. Als Schülerin entwickelte sie ein Faible für neue Sachbücher, die «herrlich nach Druckerei rochen». Fürs Leben geprägt hat sie das ätherische Öl der Cistrose: «Das war eine Entdeckung, die ich erforschen wollte», erinnert sie sich. «Und plötzlich wusste ich, dass ich unbedingt mit Düften arbeiten wollte.»
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(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.03.2010, 04:00 Uhr



