Er terrorisierte seine Familie über Jahre, bevor er zweimal tötete
Von Patrick Kühnis. Aktualisiert am 04.02.2012 38 Kommentare
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Am 17. August 2011 trifft Post von der Polizei bei der Staatsanwaltschaft See/Oberland ein. Es ist der Rapport einer Befragung mit Shani S. (Name der Redaktion bekannt), die acht Tage zuvor stattgefunden hat. Der Kosovare musste auf den Posten, weil ihn eine seiner fünf Töchter angezeigt hatte. Sie warf dem 59-Jährigen vor, ihrem Mann am Bahnhof Pfäffikon mit einem Schlagring aufgelauert und ihn mit dem Tod bedroht zu haben. Mehrmals habe er zudem angekündigt, seine Ehefrau Sadete und sie umzubringen – zuletzt per SMS aus Kosovo. Sie könne sich «gut vorstellen», dass er eine Pistole besitze. Das befürchteten auch die Ehefrau und der einzige Sohn.
Shani S. war tags zuvor aus Kosovo zurückgekehrt. Er reagiert auf dem Polizeiposten ungehalten auf die Vorwürfe. Er beleidigt die Beamtin, die ihn befragt. Auf sie wirkt er «psychisch sehr angeschlagen». Der Familienvater beteuert, weder einen Schlagring noch eine Waffe zu besitzen. Und er bestreitet, Frau, Tochter und Schwiegersohn bedroht zu haben. Das Droh-SMS habe sein Bruder geschrieben. Die Polizistin informiert die Staatsanwältin, die auf eine Zuführung und damit eine Inhaftierung verzichtet – weil sich Shani S. «kooperativ» zeige. Stattdessen lädt sie ihn zu einer späteren Einvernahme vor.
Das alles steht im Polizeirapport, der erst am 17. August 2011 bei der Staatsanwaltschaft eingeht. Zwei Tage nachdem Shani S. seine Frau Sadete und die Leiterin des Pfäffiker Sozialamts auf offener Strasse erschossen hat.
Schüsse in den Kopf
Die beiden Taten ereigneten sich an dem verregneten Montagmittag innerhalb weniger Minuten. Erst passte Shani S. im Dorfzentrum seine Ehefrau ab, es kam zum Streit, er schoss ihr mehrmals in den Kopf. Die 52-Jährige war sofort tot. Dann spazierte der Kosovare laut Augenzeugen in aller Ruhe zum Gemeindehaus. Dort feuerte er aus nächster Nähe auf die Leiterin des Sozialamts. Die 48-Jährige erlag am Nachmittag der Kopfverletzung. Der Täter liess sich widerstandslos festnehmen.
Er habe seine Frau erschossen, weil sie sich von ihm trennen wollte, gestand Shani S. Inzwischen deutet vieles darauf hin, dass er auch die Leiterin des Sozialamts gezielt hinrichtete. Diese hatte Sadete geraten, ihren Mann endlich zu verlassen. Der Sozialhilfebezüger warf der Behörde zudem vor, ihm zu wenig Geld auszuzahlen. Ob ihn Staatsanwalt Roland Geisseler tatsächlich wegen Doppelmords anklagen wird, ist noch nicht bekannt. Die Strafuntersuchung stehe aber vor dem Abschluss, sagt er dem TA. Er warte noch auf Gutachten – unter anderem stehe die psychiatrische Expertise von Shani S. noch aus.
Parallel zu diesem Strafverfahren laufen auch aufsichtsrechtliche Untersuchungen. Sie sollen zeigen, ob in diesem Fall bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft etwas schieflief (siehe Text rechts). Ein Bericht der Oberstaatsanwaltschaft, der die Rolle der Strafverfolgungsbehörden durchleuchtete, ist geheim. Er ist aber Basis eines im Internet aufgeschalteten Berichts von Justizdirektor Martin Graf (Grüne) zu den Tötungsdelikten in Pfäffikon. Dem TA liegen zudem die Ergebnisse der Administrativuntersuchung vor, die Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) bei der Kantonspolizei in Auftrag gab. Anhand dieser Dokumente lässt sich erstmals erahnen, was sich vor dem verhängnisvollen 15. August in der Familie von Shani S. abspielte.2002 sagte
Shani S. liess durchblicken, dass er sich nicht immer unter Kontrolle haben werde.
«Mein Vater war, seit ich denken kann, ein aggressiver Mann», sagte eine seiner Töchter nach der Tat dem «Blick». Er habe ihre Mutter seit Jahrzehnten regelmässig geschlagen – und die Kinder auch. Bei den Behörden waren diese Übergriffe, so zeigen es nun die Untersuchungsberichte, seit April 2002 bekannt. Damals zeigte die 19-jährige Tochter Shani S. an, weil er ihr mit einer halb vollen PET-Flasche ins Gesicht geschlagen hatte. Der Polizei sagte sie, ihr Vater habe sie früher schon geschlagen und getreten – und sei auch mit dem Baseballschläger auf die Mutter losgegangen. Aus Angst zog die Tochter aus der Wohnung aus. Der geständige Shani S. wurde mit 200 Franken Busse bestraft. Er gelobte, sich zu bessern. Liess aber zugleich durchblicken, dass er sich nicht immer unter Kontrolle haben werde.
Die Fremdenpolizei bedroht
Ausgerastet ist Shani S. laut den Akten schon 1997. Notfallmässig wurde er damals in eine psychiatrische Klinik eingewiesen – weil Suizidgefahr bestand und er drohte, «jemanden von der Fremdenpolizei umzubringen». Nach dem elftägigen Zwangsaufenthalt weigerte er sich aber, sich weiter betreuen zu lassen. Seither wurde er mehrfach psychiatrisch abgeklärt, wobei die Ärzte eine Anpassungsstörung diagnostizierten; eine emotionale Störung nach einer Belastungssituation, mit der eine längere Depression einhergeht. Wegen starker Rücken- und Hüftschmerzen war er seit 2003 arbeitsunfähig und IV-Rentner.
Familienbegleitungen, Tagesfamilien, Beistandschaften, Sozialhilfe: Obwohl sich die Hittnauer und dann die Pfäffiker Sozialbehörden seit 2001 intensiv um die Familie kümmerten, konnten sie nicht verhindern, dass Shani S. immer wieder zuschlug. Laut den Berichten warf er seiner Frau Aschenbecher und Blumentöpfe an den Kopf. Die Polizei rückte mehrmals aus, doch das Opfer verzichtete jeweils auf Anzeigen.
Im November 2005 zeigte ihn dafür seine Tochter an: Shani S. hatte zwei Männer, die mit der jungen Frau verkehrten, mit dem Tod bedroht. Bewaffnet war er mit einem Messer und einem Schlagbolzen. Er gab denn auch zu, dass er die beiden Männer «stechen» wollte. Im Rahmen dieses Strafverfahrens zeigt sich das ganze Ausmass der Gewalt bei Familie S.: Seit Jahren hat der Vater Frau und Kinder teils massiv geschlagen und schwer bedroht. Er drosch bisweilen mit Fäusten, Füssen, einem Gurt, gefüllten PET-Flaschen und Werkzeugen so hart auf sie ein, dass sie bluteten. Das Verfahren wegen Körperverletzung, Drohung und Tätlichkeiten verlief aber grösstenteils im Sand, weil die Familienmitglieder ihre Anzeigen zurücknahmen. Übrig blieb 2006 lediglich ein Strafbefehl wegen Widerhandlung gegen das Waffengesetz: Shani S. kassierte dafür 10 Tage Gefängnis bedingt.
Der Angriff mit der Schere
Obwohl der Vater seine Familie laut späteren Aussagen regelmässig verprügelt, sind über Jahre keine Vorfälle aktenkundig. Im Sommer 2011 überschlagen sich aber die Ereignisse: Shani S. wird verhaftet, nachdem er mit einer Schere auf seine Frau losging und sie leicht verletzte. Auch gegen den Sohn wurde er gewalttätig. Seine Frau erzählt der Polizei, dass ihr Mann sie fast täglich mit dem Tod bedrohe. Shani S. wird noch in der gleichen Nacht aus der Haft entlassen, die Polizei verfügt aber eine Wegweisung sowie ein Rayon- und Kontaktverbot. Er reist nach Kosovo.
Das Sozialamt rät Sadete S., in ein Frauenhaus zu fliehen. Diese lehnt ab. Als Shani S. am 14. Juli aus Kosovo zurückkehrt, bedroht er Ehefrau, Tochter und Schwiegersohn. «Er ist zu allem fähig», sagt der Sohn der Polizei. Einen Monat später sind zwei Frauen tot. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.02.2012, 11:02 Uhr
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38 Kommentare
Nach all diesen (noch weniger schweren) Gewalttaten und den Morddrohungen gegen seine Familie und gegen Polizei und andere Beamte, lässt man ihn aus dem Kosovo einfach wieder einreisen! Wie blöd sind wir in der Schweiz eigentlich? Da wird "rechtsstaatlichkeit" und internationale Verträge für wichtiger genommen als Gesundheit und Menschenleben in der Schweiz. Antworten
Wann endlich werden unsere Gesetze durchgesetzt!Ich kann nicht verstehen, wie die Behörden so lange zuschauen können.Leider ist das ein weiterer Beweis,dass erst reagiert wird,wenn es zu spät ist!Wieso wird so ein Mensch nicht eingesperrt und ausgewiesen. Sind da die Menschenrechte im Weg? Und wenn ja: Wird das Recht des Gewalttäters höher gewichtet als das der Opfer? Was ist mit dem Kinderschutz? Antworten


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