«Finger weg von meinen Helden!»
Von Pia Wertheimer. Aktualisiert am 24.07.2010 1 Kommentar
Die Stimme von UB40 geht eigene Wege
Alistair Ian Campbell (*?15. Februar 1959) wuchs in Birmingham auf. Seine ersten Instrumente erstand er mit Schmerzensgeld, das er nach einer Schlägerei an seiner Geburtstagsparty erhielt.
Nachdem er mehrere Jahre arbeitslos gewesen war, gründete er mit Schulfreunden eine Band. Der erste Auftritt von Ali Campbell und UB40 geht auf das Jahr 1979 zurück. Der Name der britischen Band ist auf ein Formular der englischen Arbeitslosenhilfe zurückzuführen (Unemployment Benefit, Form 40). Rund 30 Jahre lang griff der Brite zusammen mit den Musikern von UB40 in die Saiten und sang Hits wie «Red Red Wine», «Don’t Break My Heart» oder den Elvis-Ohrwurm «Can’t Help Falling in Love». 2007 ging Ali Campbell mit dem Album «Running Free» erstmals eigene Wege, und ein halbes Jahr später, im Januar 2008, kam dann der endgültige Bruch: Auseinandersetzungen zwischen dem Leadsänger und dem Management führten dazu, dass Campbell die Band im Januar verliess. Im Juni des folgenden Jahres erschien dann mit «Flying High» das erste Album von Ali und der DEP Band. Im Oktober erscheint sein neustes Album «The Great British Songbook». (pia)
Artikel zum Thema
Stichworte
Herr Campbell, Sie sind aus England ans Pfäffiker Reeds Festival geflogen. Wohin geht die Reise jetzt?
Wir touren weiter: Ungarn, Österreich, Seychellen, Südsee, Mauritius, Istanbul, Sharm al-Sheik, Dominica.
Sie sind immer unterwegs, und das sind alles Traumdestinationen.
Das stimmt, ich bin so auch permanent in den Ferien und habe meinen Spass.
Und kennen Sie die Schweiz?
Nein.
Sie gastierten aber auch schon hier.
Ja, über all die Jahre an die 25 Male. Ich war aber immer auf der Durchreise.
Was assoziieren Sie mit Helvetien?
Schöne Berge, wunderbar saubere Luft, Flüsse, Schokolade und etliche coole Festivals.
Unterscheidet sich das Schweizer Publikum von Zuhörern andernorts?
Es hat sich über all die Jahre verändert. Vor 25 Jahren war es ein sehr schwieriges Publikum. Ich bin beispielsweise fünfmal am Jazzfestival von Montreux aufgetreten und habe gesehen, wie es sich verändert hat.
Inwiefern?
Angefangen mit der Akzeptanz von Reggae. Als wir das erste Mal in Montreux auftreten sollten, sagte man uns, wir hätten die vorhandene Anlage zu nutzen. Wir hatten aber unser eigenes Material dabei und wollten damit spielen. Wir waren Sozialisten, für uns war klar: Das wars, wir streiken. Wir gingen zurück ins Hotel.
Sie sagten, das Publikum hätte sich verändert.
Ja, das gilt für ganz Europa. Früher tolerierte man Reggae-Bands und ihren Sound hier nicht. Das bekam ich zu spüren, als ich mit UB40 in Ländern wie der Schweiz oder Österreich auftrat. Vor 25 Jahren war es wirklich sehr schwierig – man zog die Musiker an ihren Rastas.
Warum taten sich die Europäer damals mit Reggae schwer?
Ich weiss es nicht. Vermutlich versteckte sich dahinter auch Rassismus. Wir veränderten das mit UB40.
Weil ein Teil ihrer ehemaligen Band weiss war?
Ja. In einem ziemlich rassistischen Europa machten wir Reggae salonfähig. Heute gibt es hierzulande mehr weisse als schwarze Dreads. Sie sind reich, barfüssig, haben Anlagekonten und Ringe in den Nasen, und sie rauchen Gras.
Sie sind weiss. Wie kamen Sie zu Reggae-Musik?
Ich wuchs in Süd-Birmingham auf, umgeben von Folkmusik. Mein Vater war ein Folksänger, er führte einen Folkclub, war in der Folkszene bekannt. Folkgrössen wie Paul Simon, Billy Connolly und die Dubliners waren seine Freunde. Die Musik der Strasse in einer Umgebung, in welcher hauptsächlich Asiaten und Westinder wohnten, war aber Reggae.
Sie waren an die 30 Jahre lang mit UB40 . . .
. . . 24 Platten lang (lacht). Ich spreche lieber von Albums als von Jahren.
Nun plötzlich alleine.
Die Trennung liegt jetzt zwei Jahre zurück. Der letzte Auftritt mit UB40 war in Uganda. Das war ein grossartiger Schlusspunkt, ein Riesenpublikum, eine Riesenshow. Aber das war damals. Jetzt geht es weiter. Mit meiner neuen Band, der DEP Band, gehts jetzt weiter hinauf.
Sie waren die Stimme von UB40. Können Sie wirklich neu beginnen?
UB40 war meine Band, ich war einer der Gründer. Wir wollten eigentlich gesichts- und imagelos sein. Das hat sich mit dem Erfolg verändert. Ich gab plötzlich Interviews und wurde zum Frontmann, obwohl das nie so gedacht war. In den zwei vergangenen Jahren habe ich mir ein neues Image geschaffen.
Inwiefern unterscheidet sich dieses von jenem des Leadsängers von UB40?
Bei UB40 waren acht Musiker involviert, die an einer Platte arbeiteten. Acht Musiker, die ihren Stil in die Aufnahmen einfliessen lassen wollten. Es endete immer in einem Kompromiss. Für UB40 stimmte das, wir haben 70 Millionen Platten verkauft. Heute mache ich keine Kompromisse mehr, habe Spass und produziere die Musik, die ich schon immer machen wollte.
Genug von der Vergangenheit. Was bringt die Zukunft?
Ein neues Album. Ich nehme es derzeit in London auf. Es trägt den Namen «The Great British Songbook» und wird im kommenden Oktober erscheinen.
Also keinen Reggae mehr?
Doch. Es ist eine Auswahl Lieder von Legenden der 60er-Jahre wie den Beatles, den Stones, den Kinks und den Hollies – in meinem Musikstil. Es gibt keinen Song, den man mit Reggae nicht covern kann.
Was ist mit Stücken von Michael Jackson?
Auch das könnte ich. Für mich heisst es aber Finger weg von meinen Helden. Michael ist wie auch Stevie Wonder einer meiner Idole.
Sie sind aber beide keine Reggae-Musiker.
Nein, Stevie Wonder hat es mal mit dem Song «Master Blaster», den er Bob Marley widmete, versucht und scheiterte. Er ist ein Genie, ein Beethoven in seinem Genre. Aber Reggae spielen, das kann er nicht, weil er nicht damit aufwuchs – es nicht im Blut hat.
Wie geht es nach «The Great British Songbook» weiter?
Ich plane mein nächstes Soloalbum. Aber alles der Reihe nach.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.07.2010, 21:47 Uhr
Kommentar schreiben
1 Kommentar
Ali Campbell weiss wohl gar nicht mehr genau wann er sich von UB40 getrennt hat. Nach seinen Angaben vor zwei Jahren, aber das ist nicht möglich, weil UB40 2009, am 8.7. um genau zu sein, am Live at Sunset Festival in Zürich einen Auftritt hatten. Jedenfalls, auf sein The Great British Songbook bin ich mal sehr gespannt, auch wenn es vielleicht erst in zwei Jahren erscheint: -)) Antworten


