Mit bunten Bändeli gegen den Exzess
Schon im Bus fängt es an. Ein Mädchen steigt ein, vielleicht 15, 16 Jahre alt, die Haare geglättet, der Lidstrich gezogen, der Ausschnitt zurechtgerückt. Am Arm baumelt eine transparente Plastiktüte mit vier Bierdosen. Auf dem Weg nach Wetzikon füllt sich der Bus zunehmend mit jugendlichen Gestalten in kurzen Röckchen und mit aufwendigen Gelfrisuren. Sie sind die harmlosere Version der apokalyptischen Reiter; die Vorboten einer langen, langen Nacht. Denn ihr Dresscode verrät: Es ist mal wieder Chilbizeit. Chilbi. Das klingt nach Magenbrot (vor der Achterbahn), Magenbeschwerden (nach der Achterbahn) und reichlich Alkohol.
Doch dieses Jahr soll alles anders werden. Mit einer neuen Präventionsstrategie will das Organisationskomitee verhindern, dass der Abend für besagtes Mädchen und ihre Altersgenossen in einem bösen Morgen – oder bildlich gesprochen: über der Kloschüssel – endet. Das Konzept: An den Haupteingängen des Geländes und vor der Eishalle befinden sich vier Checkpoints.
Alkohol gegen Bändeli
Gegen Vorweisen der Identitätskarte bekommen die Besucher ein Armband ausgehändigt. Wer ein gelbes Bändeli hat, darf zur Bier- und Weinflasche greifen, mit einem grünen Bändeli gibts auch harte Spirituosen und Alcopops. Die jungen Trägerinnen und Träger des roten Bändeli holen sich dank Fanta, Sprite und Coci höchstens einen Zuckerschock. Die Farbe richtet sich nach der gesetzlichen Alterslimite von 16 und 18 Jahren.
Der Testlauf wurde auf den besonders brenzligen Samstagabend angesetzt. Sollte der Versuch Wirkung zeigen, dürfte das Bändeli-Projekt laut Stadtschreiber Marcel Peter in den nächsten Jahren ausgebaut werden.
Wer will, trinkt sowieso
Kurz vor Mitternacht bietet sich dem geübten Chilbibesucher ein altbekanntes Bild: bunte Lichter, dröhnende Musik und ein stetiger Menschenstrom zwischen den Marktständen. Die Stimmung ist prächtig, nicht zuletzt dank der Temperaturen, die auch spät in der Nacht nicht unter 20 Grad sinken.
Peter und Jérôme aus Gossau, 18 und 19 Jahre alt, stehen vor einem Doughnut-Stand und begrüssen lautstark ihre Freunde. Das eine oder andere Bier dürfte der Wiedersehensfreude nachgeholfen haben. Von dem Konzept halten sie nicht sonderlich viel. Eine konsequente Umsetzung sei praktisch unmöglich: «Wer Alkohol will, kriegt ihn – egal wo», ist Peter überzeugt. «Die Frauen haben da sowieso kein Problem», meint Jérôme schulterzuckend, «die lassen sich halt einfach einladen.» Grundsätzlich sei er aber dafür, den Ausschank zu kontrollieren. Die Jugendlichen würden heute nämlich schon viel früher anfangen zu trinken als er und seine Freunde. «Wenn du einen 13-Jährigen am Dienstagnachmittag kiffen siehst, ist das doch einfach traurig», fügt Peter hinzu, «wir hatten zumindest noch andere Hobbys.» Sagts und prostet seinen Kollegen zu.
Vorbildliche Ansichten
Joy, Ray, Debi und Pialina sitzen mitten auf einer Weggabelung auf dem Boden, unterhalten sich und rufen den hupenden Autos hinterher. Manch ein vorbeigehender Erwachsener streift sie mit einem besorgten Blick. Dabei entsprechen die 15-Jährigen trotz Hotpants und Stiefeletten so gar nicht dem Bild der verrohten Jugend: Auf das neue Schutzkonzept angesprochen, erzählen die vier von Verantwortung, massvollem Genuss und dem Vertrauen, das ihre Eltern ihnen entgegenbringen und das sie auf keinen Fall enttäuschen wollen. Sich an einer Chilbi zu betrinken, bezeichnen sie einstimmig als «total vörig». «Da kann doch so viel passieren», meint Joy kopfschüttelnd.
«Und am Ende kotzen sie auf der Achterbahn noch die Sitze voll», rümpft Ray die Nase. Doch auch hier lautet bezüglich der farbigen Bändeli der Grundtenor: Nette Idee, aber nicht realistisch. «Die, die saufen wollen, tun das sowieso», ist Debi überzeugt. «Vielleicht verhindern die Bändeli zumindest das Schlimmste», sinniert Joy. «Man kommt zwar über einen älteren Kumpel an ein, zwei Bier ran, aber so trinkt sich wenigstens kein 14-Jähriger ins Koma.»
Barfläche reduziert
Für die zweite Massnahme, die das Chilbikomitee ergriffen hat, haben die Teenies nur ein müdes Lächeln übrig: Um den Alkoholkonsum einzudämmen, wurde das Gelände der drei grössten Bars um ein Viertel reduziert.
Am Haupt-Checkpoint vor der Eishalle kriegt man von dieser Skepsis nicht viel mit. «Wir haben ausschliesslich positive Reaktionen erlebt», freut sich die Wetziker Jugendarbeiterin Kathy Fischer, die die bunten Bändel schon seit dem Nachmittag austeilt. «Nur ein paar jüngere Mädchen wollten kein rotes Band anziehen – sonst sieht man ja gleich auf den ersten Blick, dass sie noch nicht 16 sind.» Da hätten sie lieber auf das Gratissoftgetränk verzichtet, das mit jedem roten Bändeli spendiert wird. «Wir sind uns natürlich bewusst, dass sich der Alkoholmissbrauch durch diese Massnahme nicht zu 100 Prozent eindämmen lässt», stellt Fischer klar, «doch wir setzen damit zumindest ein klares Zeichen.» Neben den Armbändern teilen Fischer und ihre zwei jungen Helferinnen auch alkoholfreie Cocktails aus. Kurz vor Mitternacht sind diese bereits restlos ausverkauft.
Doch auch an den Bars scheint es nicht schlecht zu laufen. Je später die Stunde, desto deutlicher werden auch die Folgen des feucht-fröhlichen Vergnügens. Eine junge Frau weicht einem Betrunkenen aus, der sie beim Vorbeitorkeln anrempelt, und deutet auf ihr leeres Handgelenk: Sie sei schon den ganzen Abend ohne Armband unterwegs und habe kein Problem gehabt, Alkohol zu bestellen. «Ich bin zwar schon volljährig, aber so manche Vierzehnjährige sieht älter aus als ich.» Solange sich die Bars nicht konsequent an die Beschränkungen hielten, sei das Konzept zwecklos, meint die Bubikerin. Tatsächlich tragen die meisten Chilbibesucher zwar einen Becher in der Hand, aber kein Bändeli um den Arm.
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(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.08.2010, 21:57 Uhr


































