Zürich

Nackte Haut zum Valentinstag

Vergessen Sie die Blumen: Wer heutzutage dem Partner seine Liebe beweisen will, schenkt Nacktheit im Bildformat. Das prickelnde Geschäft mit der Aktfotografie boomt.

Zugegeben, die Idee ist nicht eben neu: Schon die alten Römer schreckten vor nackter Haut nicht zurück – das waren noch spektakuläre Olympiaden! –, und man stelle sich einmal Michelangelos David im Rollkragenpulli vor. Doch nach einigen prüden Jahrhunderten folgt nun wieder das ungenierte Revival der Nacktheit: In Zeiten, in denen die Fernsehsender reflexartig nach Supermodels suchen und Werbung ohne Sex nur noch prüde wirkt, sind Aktbilder der neue Blumenstrauss geworden.

Fett wird retuschiert

Photoshop machts möglich: Selbst wer ein paar Kilo zu viel auf die Waage bringt, kann sich unbesorgt dem Trend ergeben und seinem Liebsten zum Valentinstag ein paar prickelnde Bilder schenken. Anbieter gibt es viele. Doch Fotograf ist nicht gleich Fotograf. Und Aktbild schon gar nicht gleich Aktbild.

Die Strassen des Oberlands sind gesäumt von kleinen Fotogeschäften, und bei fast allen kann man erotische Bilder machen lassen. «Dreimal pro Jahr kommen regelmässig Anfragen», sagt der Ustermer Fotograf Niki Huwyler. «An Weihnachten, Neujahr und zum Valentinstag.» Auch Yves-Alain Moor aus Dübendorf bestätigt dies. Ihm ist die professionelle Distanz wichtig: «Das Model muss merken, dass der Fotograf ganz sachlich und nur am Bild interessiert ist.» Körperkontakt sei ein absolutes Tabu, und im Studio steht auch eine Umkleidekabine bereit. Ein Shooting dauert bis zu fünf Stunden. «Man muss sich Zeit lassen, um die Vorstellung des Kunden so gut wie möglich umsetzen zu können», sagt Moor.

«Heiss, oder?»

Ein wahrer Paradiesvogel im Milieu der Aktfotografen ist Rino Zigerlig. Der 49-Jährige betreibt ein Fotoatelier in Rüti. Sein Credo ist so simpel wie ehrlich: Wenns beim Fotoshooting nicht prickelt, gibts kein gutes Bild. Das Fotografieren ist für Zigerlig mehr als nur ein kurzes Geschäft. Ihm geht es um den Menschen, um die Kunst, um das Experiment mit der nackten Haut. Und dazu muss er nah rangehen – mit der Kamera, aber auch emotional. An den Wän- den seines Studios hängen Bilder mit skurrilen Formen. Geschlechtsorgane. «Heiss, oder?», fragt Zigerlig und lacht breit. Provozieren. Die Doppelbödigkeit entlarven. Denn seien wir ehrlich: Dies sei es doch, was die Männer sehen wollten. Und die Frauen auch. Rino Zigerlig interessiert das Gewagte. Die Grenzen. Die Erotik des Details. Die Seidentücher, die Rückenansichten, die verdeckten Brüste – all das hat die Welt schon tausendfach gesehen. Warum also nicht einmal einen Schritt weiter- gehen? Mit der Ästhetik spielen?

«Natürlich ist so ein Shooting hocherotisch», stellt der Rütner klar. «Und natürlich ist diese Intimität für mich faszinierend.» Zigerlig macht keinen Hehl daraus, dass er seinen Models auch als Mann gegenübersteht. «Die Stimmung ist geladen, keine Frage.» Trotzdem seien die Grenzen unverrückbar. Zigerlig ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die erotische Spannung, die er für ein gutes Resultat braucht, ist auch der Grund, warum er keine Männer fotografiert. «Kein Interesse», sagt er schlicht. Seine Kundinnen kämen oft mit unspektakulären Vorstellungen. Doch dann würden sie neugierig: «Am Schluss möchten alle ein paar Schritte weiter- gehen, als sie sich anfangs zugetraut hatten», sagt Zigerlig. Und so sieht man auf seinen Bildern zwischendurch auch ganz Frontales: glattrasierte Schambereiche zum Beispiel. Hier ist eine Banane im Spiel. Dort eine Hand. Da eine Kette. Und immer wieder das Motorrad. Eine nicht mehr ganz junge Frau mit wasserstoffblonden Haaren und rundlichen Hüften sitzt breitbeinig auf einem Fitnessgerät und schwitzt – in Reizwäsche natürlich. Porno? Vielleicht.

Für den Selbstwert

Perfekte Körper sind keine Anforderung, mit gutem Licht und etwas Retusche lässt sich viel herausholen. «Das ist keine Täuschung, sondern eine Optimierung», sagt Zigerlig. Auch wenn die Bilder ein Geschenk sein sollen – letztlich mache es jede Frau auch für sich selbst. Ihm gehe es darum, dass die Frauen sein Studio verlassen und denken: «Wow, das bin ich!» Geklappt habe dies bisher immer.

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Erstellt: 10.06.2010, 13:34 Uhr

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