Testosteronhengste in der Eishalle
Von Pia Wertheimer. Aktualisiert am 31.05.2010
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Hart und kernig, der Rock von Shakra ist an diesem Samstagabend das perfekte Vorspiel. Die ersten Gitarrenriffs der Berner Band um Leadsänger John Prakesh locken das Publikum in die Wetziker Eishalle. Schwarz beherrscht die Menge. Testosteronhengste in Leder dominieren die ersten Reihen – die Zahmen in Jeans und Polo stehen in sicherer Entfernung weiter hinten. Leuchtend rot prangt die Stones-Zunge auf weiten Shirts. «Live to ride – ride to live» statuiert ein Tattoo auf einem haarigen Unterarm. Ausdauernd bearbeitet der Bass von Shakra die Menge.
Die Halle ist mittlerweile zu drei Vierteln gefüllt. «Ramstein hat die bessere Show», brüllt ein Mittvierziger seinem Nachbarn ins Ohr. Dieser bearbeitet trommelnd die Bartheke. Nickt im Takt. Und tauscht sein Schlagzeug gegen die Luftgitarre aus. Im Rausche der Riffs beginnen seine Augen zu leuchten. Shakra bringt das Publikum langsam auf Touren, um es dann dem Hauptdarsteller zu überlassen: In hautengen Jeans wirft sich Gotthard-Leadsänger Steve Lee in Pose. Verrucht. Wild. Heiss. Neben den Testosteronhengsten kreischen wild gewordene Frauen. Die Bühnensau flirtet augenblicklich mit ihrem Publikum und macht heiss, was in ihrer Nähe mitrockt – ganz egal ob Männlein oder Weiblein. «Lassen wir es krachen!» Und das tut Gotthard mit einem alten Hit. Gitarrist Leo Leoni greift in die Saiten. Nach den ersten Beats von «Top Of the World» springt die Menge auf und ab, jubelt, geniesst es aus vollen Kehlen mitzusingen. Schweiss perlt von den Gesichtern, die Shirts kleben auf der Haut.
Kuschelnde Rockröhre
Die Rockröhre schüttelt unbändig ihre Mähne, um im nächsten Moment handzahm am Boden zu knien: «It's not an illusion», schmettert er vor einer entzückten Zuhörerin ins Mikro. Es sind zweifelsohne die älteren GotthardSongs, welche das Blut des Publikums in Wallung bringt, die Hände in die Höhe reissen und die Haare fliegen lassen. Band und Publikum geben sich dem heissen Flirt hin und machen einander gegenseitig scharf. Ausgelassen rocken die fünf Mannsbilder im Scheinwerferlicht.
Während die Stimmung um die Bühne immer heisser wird, wippt ein Rocker in Lederkluft gelassen mit seinem Cowboystiefel und quittiert Lees Show mit einem trockenen, wenn auch nicht mehr nüchternen: «Kuschelrock». Als hätte ers gehört, gibt sich der 46-jährige Sänger mit den ersten Akkorden der Ballade «All I Care For» kuschelig. Die ersten Feuerzeuge gehen an, und schon fliegen ihm die ersten Plüschtiere und Frauenherzen zu. «Ich komme mir vor wie im Franz Karl Weber», ulkt Lee. Lässig sitzend, schmachtet der Sänger mit seinen lauthals singenden Fans. Mit der Verschnaufpause steigt die Spannung. Die dramatischen ersten Takte des Titels «Anytime, Anywhere» quittieren die Anwesenden mit einem erlösten Aufschrei und geben sich dem pulsierenden Rock hin. Der Höhepunkt des Abends. Die Ekstasewelle hat selbst die Zahmen der hinteren Ränge erreicht, die atemlos ihre Polos aufknöpfen. Plötzlich macht die sexuelle Anspielung des Bandnamen mit dem umgekehrten zweiten T im Logo Sinn – es macht aus dem Namen zwei englische Worte. «Got hard»: zu Deutsch «geschlechtliche Erektion». – Dann das Ende: ein Koitus interruptus. Mit dem letzten Riff erlöschen die Scheinwerfer. Gotthard lässt eine atemlose Menge zurück, die frenetisch nach mehr verlangt – und erhält. Der Hit «Heaven» besänftigt die Gemüter und entlässt die befriedigten Zuhörer ins Wochenende.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.05.2010, 21:25 Uhr


































